Tag 344 – Zu Besuch bei Chrischi – Von den Wurzeln des Unterwegsseins

Von Freiburg kommend hatte ich mich von Waldkirch aus langsam wieder den Schwarzwald hinaufgearbeitet. Und auch hier gab es einen Ort, an dem ich nicht einfach vorbeilaufen konnte. Die erste Einladung dorthin hatte ich schon vor einem halben Jahr bekommen.
In Biederbach lebt Chrischi mit seiner Familie. Sie haben sich dort einen alten Schwarzwaldhof gekauft, mit Wiesen, Pferden, Reitstall und viel Leben draußen. Ein Ort, der auf eine ganz eigene Weise zu meiner Reise passte.
Chrischi ist der Sohn meines Patenonkels und war mein Gruppenleiter bei den Pfadfindern. Damit ist er vielleicht in gewissem Maße mitverantwortlich dafür, dass ich überhaupt auf Ideen wie dieses Projekt komme: ein Jahr lang schweigend, zu Fuß und auch im Winter durch Deutschland zu ziehen.
Zumindest wurden in den Jahren bei den Pfadfindern einige Grundlagen dafür gelegt. Das Losziehen mit nur dem, was man tragen kann. Das Schlafen unter dem Sternenhimmel. Die Erfahrung, dass man oft nur wenig braucht, um glücklich zu sein. Das Wandern. Das Sich-Aussetzen. Und das Vertrauen, dass man mit schwierigen Situationen umgehen kann, auch wenn man vorher nicht weiß, was einen erwartet.
Es gab Zeiten in meiner Jugend, in denen ich fast jedes Wochenende und alle Ferien bei meinem Patenonkel und den Pfadfindern verbracht habe. Chrischi war damals eine der prägenden Personen.
Für viele Menschen ist die Vorstellung, sich freiwillig ein Jahr lang bei Wind und Wetter draußen aufzuhalten, kaum verständlich. Für mich hat diese Bereitschaft sicherlich auch mit den Erfahrungen von damals zu tun. Mit Chrischi war ich zum Beispiel zum ersten Mal in Skandinavien. Er war vorher schon zweimal im Sommer dort gewesen und hatte jeweils bestes Wetter erlebt. Deshalb schlug er vor, nur mit kurzen Hosen und einer sehr dünnen Fahrtenjacke loszuziehen, um das Gewicht der ohnehin schon schweren Rucksäcke wenigstens ein wenig zu reduzieren.
Dass wir dann in einen der kältesten Sommer der letzten Jahrzehnte geraten würden, konnte er natürlich nicht wissen. Wir wanderten durch Schneeregen, schliefen ohne Isomatten nur auf Ponchos und waren mit undichten Zelten unterwegs. Heute würde ich mich so einer Tour niemals mehr in dieser Ausrüstung aussetzen. Später war ich in diesen Regionen auch ohne extreme Schlechtwetterphasen eher so ausgerüstet, als wäre ich in höheren Lagen in den Alpen unterwegs.
So hart das damals war, so prägend war es auch. Diese Erlebnisse haben mir schon früh gezeigt, dass man lernen kann, mit schwierigen Situationen umzugehen. Und wenn ich nun im Winter mit meiner Hightech-Ausrüstung im Zelt lag, hatte ich immer auch einen direkten Vergleich. Was ich damals in kurzen Hosen in Skandinavien erlebt habe, war bei Weitem härter und gefährlicher als alles, was ich in diesem Jahr durchgemacht habe. Vielleicht hängt der Maßstab, an dem wir Extremsituationen bemessen, immer auch davon ab, womit wir sie vergleichen. Im Vergleich zu damals war ich nun gut ausgerüstet und bei Weitem nicht mehr so leichtsinnig unterwegs. Vielleicht vermittelte mir gerade das immer wieder den Eindruck, dass alles gar nicht so schwierig war.
Insgesamt waren es also sehr prägende Jahre. Jahre, die bis heute in dieses Projekt hineinwirken.
Während für mich das Reisen und Unterwegssein über die Jahre immer mehr an Bedeutung gewann, blieb für Chrischi vor allem das Singen der Pfadfinderlieder wichtig. Durch seine Frau Dani kamen noch die Pferde und das Reiten hinzu. Auf ihrem Hof mit dem kleinen Reitstall, auf dem Dani auch Reittherapie anbietet, haben sie sich einen Ort geschaffen, der ein Leben nahe an der Natur ermöglicht. Einen Ort, an dem abends ein Lagerfeuer angezündet, die Gitarre hervorgeholt und gesungen wird.

Alle ein bis zwei Jahre hat sich dort immer wieder eine Gruppe ehemaliger Pfadfinder getroffen, und auch ich war immer wieder gerne dabei. Deshalb wusste ich ungefähr, was mich auf ihrem Hof erwarten würde: viele Geschichten zum Zuhören, eine nette Runde am Feuer, ein Abtauchen in alte Zeiten, verbunden mit dem, was gerade an Themen da ist und die Familie bewegt.
Am Abend saßen wir dann tatsächlich am Feuer. Es hätte mich gewundert, wenn es anders gewesen wäre. Chrischi und Dani waren mit den Kindern in den Pfingstferien gerade bei einem Rainbow-Gathering gewesen, weshalb ihre Erzählungen von dem Erleben geprägt waren. Sie beschrieben es als eine Art Hippie-Lager, in dem es keine festen Strukturen gibt, keine eigentliche Organisation und keine klaren Verantwortlichen. Die Dinge finden sich dort einfach. Oder eben auch nicht.
Ihren Erzählungen nach funktioniert vieles trotzdem erstaunlich gut. Es finden sich Freiwillige, die kochen, Feuerholz im Wald suchen oder sich um die Reinigung der sanitären Anlagen kümmern. Und wenn etwas gar nicht funktioniert, wird es im täglichen Morgenkreis angesprochen, um gemeinsam eine Lösung zu finden.
Neben Chrischi, Dani und ihrer Familie war noch eine Freundin vom Rainbow-Gathering da, mit ihrem alten, zum Wohnmobil ausgebauten Transporter. Schon vor dem Abend hatte ich gehört, dass sie ein sehr herzlicher Mensch sei, aber auch sehr direkt sein könne und mitunter sehr ungefiltert sage, was sie denke. Falls ich davon etwas abbekommen sollte, solle ich es mir nicht zu sehr zu Herzen nehmen.
Am Abend und auch am nächsten Morgen blieb ich von solchen direkten Äußerungen oder harten Spitzen weitgehend verschont. Vielleicht auch, weil ein Schweigender relativ wenig Reibungsfläche bietet. Durch ihre Erzählungen über das zurückliegende Lager und über all das, woran sie sich dort gerieben hatte, wurde mir dennoch noch einmal etwas deutlich: Egal in welcher Gruppe man sich bewegt, egal wie offen, frei oder alternativ sie sich nach außen versteht, überall gibt es Menschen mit eigenen Grenzen, Empfindlichkeiten und Vorstellungen davon, wie Zusammenleben funktionieren sollte. Und überall entstehen Reibungen, sobald andere diese Grenzen berühren oder überschreiten.
Je enger diese Grenzen gezogen sind, desto geringer wird oft auch die Bereitschaft, Menschen zuzuhören, die dem eigenen Weltbild nicht entsprechen. Für mich schafft wertfreies Zuhören überhaupt erst eine Grundlage, auf der Menschen über solche Grenzen hinweg wieder in Verbindung kommen können.
Zu gerne wäre ich auf meiner Wanderung nach all diesen Erzählungen selbst bei diesem Rainbow-Gathering vorbeigekommen. Wie hätten Menschen aus diesem eher links-alternativen, gemeinschaftlich organisierten, zum Teil auch esoterischen Umfeld auf mich als schweigenden Zuhörer reagiert? Welche Geschichten hätte ich dort zu hören bekommen? Hätten sich die Themen verändert? Wären die Menschen dort wirklich offener und zugewandter, wie es ihr Lebensstil vielleicht vermuten lässt? Oder wären an anderen Stellen ganz eigene Grenzen, Urteile und Empfindlichkeiten sichtbar geworden?
Vielleicht ist es genau diese Neugier auf Menschen, die mich immer wieder losziehen lässt. Die Neugier darauf, wie Menschen funktionieren, wie sie sich organisieren, wie sie zusammenleben, welche Muster sich herausbilden und welche Vorstellungen sie davon haben, was ein gutes Leben sein könnte.
Auf meiner Wanderung habe ich immer wieder kurze Einblicke in ganz unterschiedliche Welten bekommen. Welten, die manchmal kaum Berührungspunkte miteinander haben und doch parallel nebeneinander existieren. Klöster, Museen, Familienküchen, Kommunen, Künstlerwohnungen, Gemeindehäuser, Kliniken, Bauernhöfe, Stadtplätze, Privatwohnungen. Und überall Menschen mit ihren Geschichten, Sehnsüchten, Gewohnheiten und Grenzen.
In Biederbach wurde mir noch einmal deutlich, dass auch diese Neugier nicht aus dem Nichts kommt. Vielleicht hat sie ebenfalls mit den Jahren bei den Pfadfindern zu tun. Mit dem frühen Erleben, dass es andere Orte gibt, andere Gruppen, andere Formen von Gemeinschaft. Und dass man manchmal nur losgehen muss, um für kurze Zeit in eine dieser Welten einzutreten.
So war dieser Besuch bei Chrischi und Dani keine offizielle Station meines Projekts. Und doch gehörte er dazu. Weil dort etwas sichtbar wurde von den Wurzeln dieses Jahres. Von der Lust am Unterwegssein. Vom Vertrauen, mit wenig auszukommen. Vom Draußensein. Vom Feuer. Von alten Liedern. Und von der Neugier auf Menschen und die sehr unterschiedlichen Welten, in denen sie leben.
