Tag 57 & 58 – Wenn man dem Abt des Klosters hinterherpfeift

Als ich am späten Nachmittag am Kloster Neustadt angekommen bin, sah ich in der Ferne Bruder Olav, den Abt des Klosters (bei den Herz-Jesu-Priestern wird diese Funktion „Rektor“ genannt). Er ging in entgegengesetzter Richtung von mir davon. Um diese Uhrzeit war ich bei ihm angekündigt und wusste, dass er gleich in die Krypta gehen würde, um einen Gottesdienst vorzubereiten. Ich wollte ihn unbedingt vorher noch abpassen. Da ich nach den 16 km über die Kalmit aber zu müde war, um ihm mit vollem Gepäck hinterherzulaufen, und auch nicht einfach nach ihm rufen konnte, blieb mir in meiner Not nichts anderes übrig, als zu pfeifen. Das hat gewirkt. Verwundert drehte er sich um – und nahm es mit Humor, dass man sich auf diese Weise seine Aufmerksamkeit sucht.
Ich hatte mich sehr auf die Begegnung mit ihm gefreut. Schon im Frühjahr hatte ich ihn kennengelernt, als ich mit einer Gruppe für eine Nacht im Kloster war. Wir waren damals vier Tage auf dem Jakobsweg unterwegs und haben verschiedene Achtsamkeitsübungen praktiziert, um zu entschleunigen und ganz im gegenwärtigen Moment anzukommen. Schon damals erzählte ich ihm von meinem Vorhaben, ein Jahr lang schweigend durch Deutschland zu wandern und den Menschen zuzuhören. Er war sichtlich angetan und bot mir sofort an, bei ihm Station zu machen, falls mein Weg durch die Pfalz führen würde. Kurz vor Projektstart schrieb er mir noch, dass ich „für ein Jahr in der Muttersprache Gottes unterwegs“ sein würde. Dieser Satz hat mich sehr berührt – und er bewegt mich bis heute.
Nach knapp zwei Monaten unterwegs, in denen ich viele Erlebnisse hatte, die man vielleicht als Zufall bezeichnen könnte, die mich aber in ihrer Häufigkeit und Intensität tief bewegt haben, war es mir ein Anliegen, an einen Ort zu kommen, an dem man sich tagtäglich mit Spiritualität auseinandersetzt. Mit Bruder Olav hatte ich den idealen Gesprächspartner. Er nahm sich viel Zeit, war neugierig auf meine Erfahrungen – und so habe ich in den Tagen im Kloster mehr Seiten auf meinem digitalen Notizblock gefüllt als je zuvor, um mich in irgendeiner Form mitteilen zu können.
Der Aufenthalt gab mir außerdem einen kleinen Einblick in das Gemeinschaftsleben der Mönche. Ich war nicht im Gästehaus untergebracht, sondern direkt im Kloster. Aufgewachsen in einer evangelischen Familie, habe ich zwar große Vorbehalte gegenüber der Institution Kirche, aber in diesem katholischen Kloster habe ich mich erstaunlich wohl gefühlt – sicher auch wegen der herzlichen Verbindung zu Bruder Olav.
Am Sonntag war ich von 13 bis 18 Uhr im Park, um zuzuhören. Die ersten 30 Minuten waren etwas überfordernd: Pressevertreter, Interviewanfragen, Besucher, die mir ihre Geschichten anvertrauen wollten, und ein Fotograf, der ständig um uns herumging. Mein erster Besucher ließ sich davon glücklicherweise gar nicht beirren und erzählte unbeirrt, was mich ebenfalls zur Ruhe brachte. Mit der Zeit konnte ich mich wieder ganz meinem Gegenüber widmen und das Außen ausblenden. Insgesamt waren sieben Personen da, und wie schon in Edenkoben, hatte ich in den fünf Stunden kaum zehn Minuten allein.
Besonders intensiv war es, weil ich parallel noch schriftliche Interviews mit zwei Journalistinnen führte. Dabei wollte ich sie bewusst aus ihrer Zuhörerrolle herauslocken und dazu bringen, auch von sich selbst zu erzählen. Das war für beide ungewohnt, doch schließlich haben sie sich eingelassen – und die Erfahrung, selbst gehört zu werden, hat ihnen spürbar gutgetan.
Am Tag meiner Abreise machte ich noch eine Dyade mit Bruder Olav. Ich hörte ihm zu, wie er seinen Weg zu den Herz-Jesu-Brüdern beschrieb – eine Frage, die ich ihm schon am ersten Tag gestellt hatte, aber für deren Antwort er am Vortag zunächst keinen Platz bei mir bekommen hatte. Am Ende segnete er mich, was für mich ein sehr besonderer Moment war. In meiner Kindheit erhielt ich jeden Morgen einen Segen, bevor ich zur Schule ging. In diesem Augenblick fühlte ich mich wieder wie dieses Kind, das hinausgeht in die Welt – mit dem Vertrauen, gut behütet zu sein bei allem, was da auf mich wartet.

