Tag 57 – Die Kraft des gemeinsamen Schweigens

Nach einer herzlichen Verabschiedung von Barbara und Konrad machte ich mich auf die nächste Etappe. Diese Wanderung war ganz offiziell als Wandere mit mir ausgeschrieben und wurde in mehreren Zeitungen sowie vom Herrenhaus, dem Kloster Neustadt und dem Pilgerverlag angekündigt.
Die ersten zwei Kilometer war ich nur mit einer Begleiterin unterwegs, in St. Martin schlossen sich uns zwei weitere Frauen an. Angesichts der Hitze der vergangenen Tage – bis zu 35 °C im Schatten – wunderte es mich nicht, dass keine größere Gruppe kam. Im Gegenteil: Ich war überrascht, dass sich überhaupt Menschen auf den Weg machten, denn es stand die Überquerung des höchsten Berges der Pfalz mit rund 500 Höhenmetern bevor – bei diesen Temperaturen eine echte Herausforderung.
Bei diesen gemeinsamen Wanderungen geht es mir darum, dass wir den größten Teil der Strecke schweigend gehen. Unsere Aufmerksamkeit gilt dem Rhythmus des Gehens, der Natur und der Umgebung. Schritt und Atem finden nach einer Weile ihren eigenen Takt, Körper und Geist entschleunigen. So entsteht Raum für innere Ruhe und neue Wahrnehmungen.
Während der Pausen – oder manchmal auch während des Gehens – reiche ich einen „Redestab“ herum. Wer möchte, kann dann teilen, was ihn bewegt, welche Eindrücke die Stille hervorruft oder welche Gedanken auftauchen. Wer nichts sagen möchte, gibt den Stab einfach weiter, und wir setzen unseren Weg schweigend fort – ganz im Einklang mit der Natur.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig es braucht, dass Menschen zur Ruhe kommen und ganz bei sich ankommen. Auch dieses Mal war es so: Menschen, die sich zuvor nicht kannten, teilten sehr Persönliches miteinander. Das waren für alle berührende Momente – getragen von der Gemeinschaft und der besonderen Atmosphäre dieser Wanderung.
