Tag 60 – Die Herausforderung der Stille. Mit dem SWR unterwegs

Dass mich der SWR heute begleiten würde, ließ mich erstaunlich ruhig. Alle bisherigen Beiträge des SWRs über meine Kunst waren bisher gut bis sehr gelungen. Über die Jahre habe ich eine gewisse Routine entwickelt und gemerkt: Ich muss einfach nur ich selbst sein. Nichts spielen, das kann ich ohnehin nicht, und genau so wirkt es authentisch. Ein kleines bisschen Anspannung war aber trotzdem da. Mit einem Fernsehteam unterwegs zu sein und keine Fragen beantworten zu dürfen, ist nicht einfach. Meine Antworten muss ich handschriftlich geben, und das ist mir immer ein Graus. Fehler können entstehen, und wenn die dann auch noch gefilmt werden, sieht jeder, dass ich nicht richtig schreiben kann. Das war wohl meine größte Sorge vor diesem Treffen.
Holger Wienpahl vom SWR erwies sich schnell als äußerst aufgeschlossen und freundlich, wie eigentlich alle Journalist:innen vom SWR, die ich bisher kennengelernt habe. Schon auf den ersten Metern fiel mir auf, wie wachsam er ist: Sein Blick schweifte ständig in alle Richtungen, nie auf den Boden. Gleichzeitig war auch spürbar, wie schnell sein Geist unterwegs ist. Worte sprudelten ununterbrochen aus ihm heraus. Der „Redestab“, den ich ihm reichte, um Momente der Stille einzuführen, konnte ihn nicht bremsen. Holger sprach mit und ohne Stab weiter und betonte immer wieder, wie schwer es ihm falle, einfach still zu sein.
Da trafen zwei Gegensätze aufeinander: Sein Job als Moderator ist es, Menschen zu unterhalten. Mein Anliegen als Künstler ist es, Stille und Entschleunigung in die Welt zu bringen. Dennoch war er mir sympathisch. Ich konnte ihm nicht böse sein, dass er kaum eine Minute still sein konnte, zu oft musste ich über ihn schmunzeln. Auch freute mich, dass er sich überhaupt auf diesen Dreh eingelassen hat. Wie er mehrfach betonte, wusste er im Vorhinein nicht, was da auf ihn zukommt, und er hatte bisher kaum Beiträge, die so unvorhersehbar waren – also ein echtes Abenteuer für ihn.
Ganz aufgeben wollte ich das Experiment aber auch nicht. Nach etwa einer halben Stunde schlug ich ihm eine kleine Gehmeditation vor. Ich wusste: Am Anfang braucht es volle Konzentration, und genau dadurch kommt man wenigstens ein Stück weit bei sich an. Und tatsächlich, obwohl das Kamerateam um uns herumlief, hatte ich das Gefühl, dass er nach zehn Minuten etwas zur Ruhe gekommen war. Schweigend neben mir zu gehen fiel ihm danach leichter. Ganz still blieb er nicht, aber er begann, seine Gedanken zu reflektieren, manchmal für sich, manchmal für die Kamera. Spannend war, dass er so selbst bemerkte, wie sich die Stille und das gemeinsame Gehen auf ihn auswirkten.
Die Dreharbeiten im Wald dauerten etwas mehr als eine Stunde. Da Holger noch einen Termin in Mainz hatte, fuhr er mit seinem Team voraus, und ich lief die restlichen sieben Kilometer allein bis zum Dom, wo unser nächster Drehort war. Schade, ich hätte gerne gesehen, wie es auf ihn wirkt, noch ein, zwei Stunden länger in diesem Rhythmus zu gehen. Ich merkte an mir selbst, wie ehrgeizig ich war, auch solchen Menschen die Entschleunigung spüren zu lassen.
Am Dom warteten sie schon auf mich. Holger erzählte, dass er gerne in Kirchen Kerzen anzündet und dabei an eine bestimmte Person denkt. Seit ich mit Flavia oft auf langen Wanderungen unterwegs bin, habe ich mir dieses Ritual von ihr abgeschaut. Wir haben häufig an Kapellen Halt gemacht, ein paar Minuten in der Stille verbracht und eine Kerze angezündet. Also habe ich signalisiert, dass wir das auch hier tun könnten. Doch vor laufender Kamera fühlte es sich plötzlich nicht gut an. Vielleicht war es doch ein zu intimer Moment für mich oder vielleicht war auch meine evangelische Prägung stärker. Jedenfalls war es das erste Mal an diesem Tag, dass ich das Gefühl hatte, etwas zu „spielen“.
Zum Abschluss filmten wir noch meine Ankunft beim Pilgerverlag, wo mich zunächst Chefredakteurin Frau Pliening und später auch Marco, der Geschäftsführer und ein sehr guter Freund, empfingen. Er hat diese Station für mich ermöglicht und alles großartig vorbereitet. (Dazu mehr in einem späteren Blogeintrag.)
Für mich war es ein schöner Dreh mit dem SWR, und ich bin sehr gespannt, was Holger Wienpahl daraus machen wird.