Tage 160 - 162 - Johannes und Johanna - Leise Menschen, die Großes vollbringen

Nachdem ich fünf Tage auf dem Weg von Hamburg im Zelt unterwegs war, lief es, je näher ich dem Wendland kam, immer besser mit wärmenden Übernachtungen und Besuchen bei Menschen, wofür ich sehr dankbar war! Schon am Tag nach meiner Übernachtung bei Heike habe ich Unterkunft bei Johanna und Johannes in Dannenberg gefunden. Die beiden mussten am Tag meiner Ankunft zu einer Beerdigung, aber Johanna hat trotzdem noch etwas sehr Leckeres für mich gekocht, das ich nur noch aufwärmen musste, sodass ich wunderbar versorgt war. Sehr schön war auch, dass ich hier auch einen Tag pausieren konnte, Kraft schöpfen und mich den organisatorischen Dingen und meinem Blog widmen, was in den Tagen zuvor viel zu kurz gekommen war.


Die Geschichte und der Geist des Wendlands
Johanna und Johannes stammen aus der Region und sind dort fest verwurzelt. Durch sie erfuhr ich allerhand über das Wendland, seine Menschen und die besondere Geschichte. Früher war dies die äußerste Randzone Westdeutschlands, die sogar ein Stück weit in den Osten hineinragte. Land und Häuser waren hier sehr günstig, weshalb sich viele Künstler, Intellektuelle und Alternative, die das Großstadtleben in Berlin und Hamburg satt hatten, aber trotzdem in erreichbarer Nähe bleiben wollten, hier niederließen. Als dann die Entscheidung fiel, dass das Atommülllager in Gorleben seinen Standort haben sollte, traf dies auf einen Nährboden von Menschen, die bereits eine Protestkultur gewohnt waren. Was daraus erwuchs, ist ein wohl einzigartiger ländlicher Raum, bekannt für seine Offenheit, Kulturangebote und Gemeinschaft. Die Proteste gegen das Endlager schweißten die Leute über alle Grenzen hinweg zusammen. Bauern, Adlige, Intellektuelle und Künstler, Gruppen mit oft wenig Überschneidungspunkten, kämpften gemeinsam für eine Sache. Diese besondere Stimmung hat wiederum andere Menschen in die Region gebracht, weshalb man, wenn man wie ich zu Fuß diese Region durchschreitet, das Gefühl bekommt, hier in einer sehr weltoffenen und freundlichen Gegend unterwegs zu sein. An auffallend vielen Häusern und Höfen war ein „Kreuz ohne Haken – Für Vielfalt“ befestigt, und auch die Gärten ließen auf eher alternative Menschen schließen. Bei so manchem alten Hof kam sofort der Gedanke hoch, mich hier niederzulassen, mich an der Renovierung auszutoben und in freundlicher Nachbarschaft ein glückliches Leben zu führen – naive Landlebeträume von Großstädtern wie mir, nur, dass es hier wirklich viele Menschen gibt, die diesen realisiert haben. Seit die Proteste nach dem Atomausstieg abgeflacht sind, ist auch der Zusammenhalt etwas zurückgegangen und verschiedene Themen polarisieren auch hier, aber bei Weitem noch nicht so stark wie in vielen anderen Regionen Deutschlands. Wer noch nicht hier war, sollte unbedingt mal herkommen. Die Natur um die Elbe, die Städtchen mit kleinen Kunsthandwerks-Lädchen und guten Cafés, das besondere Flair der Protestzeiten und das kulturelle Angebot – all das macht die Region bis heute besonders.

Das Lebenswerk von J&J
J&J (wie ich sie hier nennen möchte) gehören heute zu denen, die – wie sie selber sagen – immer in der Mitte stehen, wenn Themen die Gesellschaft polarisieren, und versuchen, in ihrem großen Netzwerk von Bauern bis Künstlern eine vermittelnde Rolle einzunehmen. Auch wenn sie keine Großstädter sind, haben sie sich selbst den Traum erfüllt, einen alten Bauernhof, der eher eine Ruine war, mit 10.000 Quadratmetern Land und mehreren Gebäuden wieder instand zu setzen. Sie verwandelten das Areal in eine kleine Oase mit Schwimmteich und riesigem Garten, dessen Anlage sie fast zur Selbstversorger gemacht hat. Das Meiste stemmten sie in Eigenarbeit oder mit Unterstützung aus ihrem Netzwerk. Da war es von Vorteil, dass Johannes gelernter Tischler ist und das nötige technische Know-how für viele Arbeiten mitbrachte. Allein solch einen Hof zu renovieren, dazu noch Tiere zu pflegen, drei Kinder großzuziehen und nebenbei Geld zu verdienen, scheint ein Lebensprojekt zu sein.
Aber damit nicht genug. Johannes war auch noch ein sehr engagierter Berufsschullehrer, der zunächst Tischler ausbildete und später in der Schulleitung tätig war. Er beließ es nicht bei den normalen Schulstunden nach Vorschrift, sondern kümmerte sich mehr und mehr um die Schüler, mit denen andere Kollegen Schwierigkeiten hatten. Er unterrichtete gezielt in den Klassen, die keiner annehmen wollte, wie z.B. in BVJ-Klassen, in denen Jugendliche ohne Schulabschluss auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Durch einen Unterricht, der sich mehr an den Bedürfnissen seiner Schülern orientierte als am offiziellen Lehrplan, lernte er sie besser kennen. Nach Schulschluss nahm er diese Schüler an die Hand, packte manchmal einige von ihnen in sein Auto und fuhr verschiedene Betriebe in der ganzen Region ab, um sie dort den Betriebsleitern zu vermitteln. Er erklärte, dass das Zeugnis vielleicht nicht gut sei, die Jugendlichen aber handwerkliche oder sonstige Fähigkeiten besäßen, die aus Schulabschlüssen nicht unbedingt hervorgehen. Vielen dieser Jugendlichen, die sonst als problematisch gelten, hat er so zu einem Job und später zu einem normalen Leben verholfen – dafür nahm er auch 50- bis 60-Stundenwochen in Kauf. Wenn ich den beiden so zugehört habe, wie sie Hof renovierten, drei Kinder erzogen und ein ausgefülltes Berufsleben führten, fragte ich mich, wie sie das zeitlich alles geschafft haben. Das war sicherlich auch nur möglich, weil Johanna sich größtenteils um die Kinder und den Hof kümmerte. Allerdings hat sie, als die Kinder aus dem Haus waren, mit 49 Jahren noch angefangen zu studieren und konnte dann noch 15 Jahre als Lehrerin an einer Schule mit sonderpädagogischem Förderschwerpunkt arbeiten, eine Arbeit, die sie sehr erfüllte.
Struktur, Arbeit und Verständnis
All dies war nur möglich, weil die beiden wirklich hart gearbeitet haben. Vor allem bei Johannes, der mittlerweile im Ruhestand ist, merkte ich noch an, dass er noch immer etwas zu tun haben muss. Er glaubt förmlich an das Arbeiten und war deshalb auch so darauf bedacht, seine Schützlinge in Arbeit zu bringen, weil diese das Leben strukturiert und ihm einen Sinn gibt, den viele Jugendliche nicht haben, wenn sie ohne Perspektiven durch die Raster unserer Gesellschaft fallen.
Aus dieser Sicht heraus kann ich gut verstehen, dass er komplett gegen ein generelles Grundeinkommen ist, wie er mir erzählte. Seine Erfahrung als Lehrer ist, dass die Leute ins Tun kommen müssen, eine Struktur brauchen, die sie trägt, um im Leben Fuß zu fassen. Solche Argumente kann ich wirklich gut nachvollziehen, weil sie aus seiner Erfahrung heraus total plausibel erscheinen. Auch wenn ich als Künstler, dem es nicht an Arbeitswille, sondern an finanziellen Möglichkeiten mangelt, natürlich ein generelles Grundeinkommen sehr befürworten würde. Begegnungen wie diese zeigen mir immer wieder, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Was für den einen gut ist, wäre für andere eine Katastrophe und andersherum. Das Zuhören hilft mir dabei, auch ein Verständnis für diese andere Denkwelten zu bekommen, die nicht meiner entsprechen, aber trotzdem ihre Berechtigung haben.
Was Johannes’ Haltung bewirkt
Und noch etwas anderes ist mir sehr wichtig, was ich aus dieser Begegnung mitnehme: Johannes hat die Leute an die Hand genommen und sich stark für sie gemacht. In diesen zwei Tagen hat er nicht einmal abwertend über diese Schüler gesprochen, maximal von den „schwierigen Schülern“, die viele seiner Kollegen nicht unterrichten wollten. Ich war selbst fünf Jahre lang an einer Berufsschule und auch mein Lebensweg ist nicht gerade verlaufen. In der 8 Klasse auf der Hauptschule war ich eine Zeit lang versetzungsgefährdet – da gehört einiges dazu. Auch auf meinem Weg gab es immer wieder Menschen, die mich an die Hand genommen, mich nicht aufgrund meiner schulischen Leistungen abgeschrieben haben, sondern an mich geglaubt haben – Lehrer, Pfadfinder, Familie, später Professoren, Künstler und vor allem immer wieder gute Freunde. So konnte ich irgendwann mein Abitur schaffen, studieren und viele Auszeichnungen und Stipendien erhalten, mich heute an Projekte wie dieses wagen.
Wenn ich nun oft die gesellschaftliche Diskussion über Jugendliche, mit und ohne Migrationshintergrund, verfolge, die von manchen Politikern mit unglücklichen oder ganz bewusst provozierenden Aussagen getrieben wird, dann denke ich, dass damit niemandem geholfen ist. Was hilft, sind Leute wie Johannes, die diese Probleme auch wahrnehmen – gerade weil sie an vorderster Front mit ihnen zu tun haben – aber die Jugendlichen nicht abwerten, sondern auf sie zugehen, sie an die Hand nehmen und sich stark für sie machen und damit für eine Integration und eine bessere Zukunft sorgen, anstatt durch abwertende und polarisierende Aussagen Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen über einen Kamm zu scheren, wie das nun mit der Stadtbilddebatte gelaufen ist. Ich bin nicht zu dem geworden, was ich heute bin, weil Menschen vorschnell über mich geurteilt haben, sondern weil es viele gab, die mich an die Hand genommen haben. Deshalb freut es mich auch besonders, immer wieder auf solche Menschen zu treffen und Gast bei ihnen zu sein und zu merken, dass es garnicht so wenige sind, sondern viele, die ganz geräuschlos und bescheiden durch ihr Tun am Zusammenhalt dieser Gesellschaft mitwirken.