Tage 167–171 – Unterwegs mit Freunden und Schlafen im Prinzessinnenbett

Nach dem bewegenden Abend am Lagerfeuer in Görike verabschiedete ich mich am nächsten Morgen herzlich von Kerstin und Rüdiger. Mein Weg führte mich nach Kyritz, wo ich mich am Abend mit Micha verabredet hatte, die mich für zwei Tage begleiten wollte.
Micha und ich sind seit fast dreißig Jahren gut befreundet. Schon zu Beginn meines Projekts hatte sie mir geschrieben, dass sie mich gerne ein Stück begleiten würde – am liebsten an einem Wochenende, wenn es kalt und dunkel ist in Brandenburg. Allein dieser Satz hat mich damals sehr berührt. Nicht im Sommer, wenn alles leicht ist und blüht, sondern genau dann, wenn es hart wird, wollte sie dabei sein. Und ganz nebenbei bedeutete das für mich auch zwei Nächte in einem richtigen Bett.
Micha war nicht die Einzige mit solchen Angeboten. Mehrere Freunde hatten mir geschrieben, ich solle mich melden, wenn es schwierig werde. Manche boten an, ein paar Tage mitzugehen, andere sagten, ich könne jederzeit anrufen – selbst dann, wenn ich irgendwo krank und frierend allein im Zelt läge. Sie würden ins Auto steigen und mich abholen, egal wie weit sie fahren müssten. Es ist ein großes Geschenk zu wissen, dass solche Menschen hinter einem stehen – gerade dann, wenn man etwas tut, das nicht nur schön, sondern manchmal auch ziemlich herausfordernd und vielleicht ein wenig verrückt ist.
Zu meinem großen Glück ist meine größte Sorge bisher nicht eingetreten: Die äußere Dunkelheit hat sich nicht auf mein Gemüt gelegt. Die Tage sind kurz, die Wintersonnwende steht kurz bevor, aber ich fühle mich weder einsam noch verlassen. Umso mehr konnte ich die zwei Tage mit Micha genießen. Sie lud mich in gute Hotels und zu wunderbarem Essen ein – und im Gegenzug durfte sie in der hektischen Vorweihnachtszeit, während viele im Hamsterrad drehen, mit mir in die Stille und Entschleunigung eintauchen, was sie selbst sehr genoss.


Nach den Übernachtungen in Pilgerherbergen, den Hotelnächten mit Micha und all dem Komfort hatte ich meine weitere Strecke bis Berlin im Kopf bereits durchgeplant. Eine Liste mit Pilgerherbergen und sehr günstigen Privatunterkünften versprach eigentlich nur noch warme Nächte. Unter normalen Umständen wäre das eine Sache von einer Stunde gewesen: Liste abtelefonieren und Übernachtungen buchen. Aber wenn man schweigt, ist nichts „normal“. Viele Nummern waren Festnetzanschlüsse ohne E-Mail-Adresse oder Mobilnummer für SMS. Und Becky, meine Assistentin, die ich in solchen Situationen manchmal um Hilfe bitte, war im Urlaub – selbst drei Wochen im Schweigen und damit ebenfalls keine Hilfe.
Das sind die Momente, in denen ich mich manchmal frage, warum ich mir das eigentlich antue – vor allem, wenn nach vielen Anfragen kaum etwas zurückkommt. Für vier Übernachtungen schrieb ich am Ende etwa zwanzig Menschen an. Manche meldeten sich gar nicht, andere hatten ihre Gartenhäuschen im Winter zum Gewächshaus umfunktioniert, wieder andere waren im Urlaub oder mussten aus gesundheitlichen Gründen absagen. Einige hatten ihre Ferienwohnungen über den Winter langfristig vermietet, weil ohnehin kaum jemand auf Pilgerschaft ist.
All das hätte frustrierend sein können. Aber nachdem die letzten Wochen selbst bei Minusgraden im Zelt gut funktioniert hatten, konnte ich es annehmen, wie es war. Ich löste mich innerlich von den Bildern warmer Zimmer und begann wieder, schöne Orte für mein Zelt zu suchen. Diese Freiheit, nicht zwingend eine Unterkunft finden zu müssen, empfand ich als großes Geschenk. Dafür trage ich auch gern etwas mehr Gepäck.




In Flatow jedoch klappte es. Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter der Kirchengemeinde brachte mich im Andachtsraum des Gemeindehauses unter. Als er mir die Bettwäsche herauslegte, musste ich schmunzeln. Entweder hatte der Mann einen exzellenten Humor, keine andere Wahl oder keine Ahnung, welch herrliches Bild das abgeben würde: Ich durfte meine Nacht direkt neben dem Altar in Barbie-Prinzessinnen-Bettwäsche verbringen. Ein Bild für die Götter.
Bei Tee und Kuchen erzählte er mir aus seinem Leben, das in den letzten Jahren nicht spurlos an ihm vorbeigegangen ist. Er berichtete von all den Pilgern, die er schon beherbergt hatte, von kuriosen Begegnungen – und davon, dass es für ihn gar nicht so ungewohnt sei, ohne Sprache zu kommunizieren. Mit manchen ausländischen Pilgern verständigte er sich nur über einen Handy-Übersetzer.
Dann sprach er über den Niedergang der Gemeinde. Es gibt keinen Pfarrer mehr vor Ort, die betreuende Pfarrstelle für den ganzen Umkreis ist seit Langem unbesetzt. Der Vertretungspfarrer lebt 35 Kilometer entfernt und kennt viele Menschen nicht einmal beim Namen. Die Gemeinde schrumpft, das Angebot ebenso. In diesem Jahr gibt es nicht einmal mehr Konfirmanden. Zu DDR-Zeiten hatte es hier eine Pfarrerin gegeben, deren Jugendarbeit so erfolgreich war, dass sie vorgeladen wurde – es durfte nicht sein, dass die Kirche mehr Jugendliche anzog als die Angebote der SED. Sie machte trotzdem weiter und schuf einen großen Zusammenhalt. Heute sind von 700 Dorfbewohnern noch etwa 120 in der Kirche.
Man kann zur Institution Kirche stehen, wie man will. Aber wenn ich durch diese Dörfer wandere, spüre ich, wie dramatisch dieser Verlust ist. Die Kirche war oft der Kitt, der das Dorfleben zusammenhielt. Wenn sie erodiert, entsteht eine Leerstelle. Etwas bricht weg und wird nicht ersetzt. Zurück bleiben Menschen, die sich verlassen fühlen. Einige wenige, wie dieser Ehrenamtliche oder die Familie in Görike, stemmen sich mit großem Engagement dagegen. Aber sie sagen alle: Es ist schwer. Und wo Leerstellen entstehen, finden sich schnell einfache Parolen, die Ängste schüren – bis Wut diese Leere füllt.
Am Abend probte der Kirchenchor im Nebenraum. Sie luden mich ein, rüberzukommen – wer nicht spricht, kann vielleicht trotzdem singen oder zumindest zuhören? Da ich jedoch noch kochen musste, lehnte ich dankend ab. Doch nach der Probe kamen viele Chormitglieder zu mir in die Küche. Sie waren neugierig, offen und unglaublich herzlich. Ich bedauerte, den Abend nicht mit ihnen verbracht zu haben – auch hier begegneten mir wieder offene, herzliche Menschen.
So schlief ich schließlich beseelt in meinem Prinzessinnenbett neben dem Altar ein, dankbar für all diese Begegnungen – und gut erholt für die letzten beiden Etappen nach Berlin.
