Tage 180 - 198: Zwischenlandung in der Heimat

Etwas mehr als zwei Wochen habe ich zu Hause verbracht. Noch Ende November habe ich mich innerlich dagegen gewehrt, diese Pause zu Hause einzulegen. Ich wollte keinen Cut machen, nicht aus meinem Leben in Stille und unterwegs aussteigen und für eine Zeit in mein Leben zu Hause zurückkehren. Am liebsten hätte ich mir irgendwo ein kleines Ferienhäuschen gemietet und dort Zeit mit Flavia verbracht.
Doch je näher Weihnachten rückte, desto klarer wurde: Nach einem halben Jahr Abwesenheit warteten zu Hause Aufgaben auf mich, die sich nicht aus der Ferne lösen lassen. Steuer, Buchhaltung, Organisation – genau diese Dinge waren es, die in mir Widerstand auslösten. Ich wusste, dass mich ein ordentlicher Berg Arbeit erwartete. Dazu kamen all die Themen, die man unterwegs bewusst oder unbewusst beiseiteschiebt und die einen bei der Rückkehr plötzlich einholen.
Ich sah mich schon am Schreibtisch versinken: To-do-Listen abarbeiten, Halbzeitbilanz schreiben, den Newsletter vorbereiten – und hatte Sorge, dass dabei kaum Raum für echte Erholung oder Zeit mit Flavia bleiben würde.
Und ja: Es war viel Arbeit. Keine reine Erholung. Aber ich habe versucht, bewusst gegenzusteuern. Fast jeden Tag sind wir – zumindest für ein oder zwei Stunden vor der frühen Dunkelheit – gemeinsam nach draußen gegangen, haben zusammen gekocht, gegessen, Zeit miteinander verbracht, die wir in den vergangenen Monaten nicht hatten. Das hätte sicher mehr sein dürfen. Gleichzeitig war es wichtig, jeden Tag neu zu entscheiden: Was muss heute erledigt werden, damit danach Raum für Begegnung und Ruhe entstehen kann?
Die wichtigsten Aufgaben habe ich geschafft. Und auch im Zwischenmenschlichen gab es viel zu klären – nicht alles leicht, nicht alles sofort lösbar. Trotzdem war diese Zeit von einer tiefen Verbundenheit geprägt und sehr wertvoll.
Für meinen Körper war diese Pause unerlässlich. Die Monate des täglichen Gehens mit schwerem Rucksack hatten Spuren hinterlassen. Ich habe mir jeden Tag Zeit genommen – mindestens eine halbe Stunde Yoga –, um zu dehnen, zu lockern, wieder Beweglichkeit hineinzubringen. Mein Fuß hatte endlich Zeit zu heilen. Am Ende der Pause waren die Schmerzen verschwunden. Als ich am Tag der Abreise meinen Rucksack wieder aufsetzte – diesmal mit rund 22 Kilo – war er schwer, aber nicht mehr erdrückend. Die Kraft war zurück.

Auch meine Ausrüstung habe ich überarbeitet. Die Wetterprognosen ließen erahnen, dass der Winter noch einmal ernst wird. Da meine Füße und Hände genetisch bedingt schlecht durchblutet sind und schnell zu Frostbeulen neigen, musste ich hier nachrüsten. Daunensocken für Zelt und Schlafsack, wirklich warme Winterhandschuhe, wasserdichte Überhandschuhe. Eine Thermoskanne kam dazu, weil ich gemerkt habe, wie sehr mich kaltes Wasser unterwegs auskühlt – und wie wenig ich deshalb trinke.
Außerdem habe ich mir eine Außentasche für den Rucksack besorgt, angepasst und mit dem Projekttitel „Ich höre zu – Ein Jahr im Schweigen“ bedrucken lassen. Das alte Pappschild war unpraktisch und schnell kaputt. Die neue Tasche bewährt sich sehr: Handschuhe, Daunenjacke oder zusätzliche Schichten lassen sich nun schnell verstauen, ohne jedes Mal den ganzen Rucksack öffnen zu müssen – ein großer Unterschied bei Pausen in der Kälte.
Mein Wanderstock, den ich in den ersten Tagen aus dem Gebüsch gezogen hatte und der mich inzwischen über 1.500 Kilometer begleitet, ist mir richtig ans Herz gewachsen. Er hatte sich jedoch durch die Belastung um etwa zehn Zentimeter „verkürzt“. Da er auch eine Zeltstange ersetzt, stand das Zelt zuletzt schief. Ich habe deshalb einen alten Trekkingstock gekürzt und die Spitze an meinen Stock montiert. Eine gute Entscheidung: Als ich nach meiner Rückkehr in Berlin auf vereisten Wegen unterwegs war, hat die Metallspitze mir hervorragenden Halt gegeben.
Über Silvester sind wir noch zu Christoph und Steffi in den Schwarzwald gefahren. Ein vertrauter Ort, liebe Freunde, ein Umfeld, in dem wir uns wohlfühlen. Auch hier war mein Schweigen kein Hindernis für das Zusammensein. Austausch war da, Nähe war da. Diese drei Tage fühlten sich wirklich wie Urlaub an. Der Computer blieb aus, die wichtigsten Aufgaben waren erledigt. Ich konnte loslassen.
Neben der körperlichen Erholung war diese Zeit auch eine Pause vom ständigen Wechsel der Orte und Begegnungen. Einfach einmal wieder fest an einem Ort zu sein, ohne weiterzuziehen. Dem Geist in dieser Hinsicht Ruhe zu gönnen. Unterwegs ist mir das meist erstaunlich leicht gefallen – aber es war gut, wieder zu spüren, wie sich Vertrautheit anfühlt.
Der Wunsch, nun doch länger zu Hause zu bleiben, tauchte manchmal auf – auch wegen der Kälte draußen. Doch er wurde nie so stark, dass er die wachsende Vorfreude überlagerte. Wie ein Seemann nach langer Reise wieder zu Hause, hat es mich zugleich auch wieder hinausgezogen in die Welt.
All diese Gefühle durfte ich beobachten: Vorfreude und Abschiedsschmerz, Trauer, Dankbarkeit und Unsicherheit. Ohne sie zu bewerten, ohne in Widerstand zu gehen. Auch Tränen hatten ihren Platz. Einige schwere Dinge, die sich nicht klären ließen, sind nun mit im Gepäck.
Ich bin sehr dankbar für diese Auszeit: für das Wieder-zu-Kräften-Kommen, für liebe Freunde, für das Treffen mit meiner Mutter und für die erneuerte Verbindung zu Flavia – und zugleich für das ehrliche Wahrnehmen der offenen Fragen, die bleiben.
Sorge vor dem Winter und Trauer über den Abschied stehen neben der Lust auf neue Begegnungen und auf das Weitergehen. Das Leben ist nicht nur leicht oder nur schwer – es ist beides. All dem Raum zu geben, nichts auszuschließen und nichts zu verdrängen, ist mir in dieser Zeit gut gelungen.
Dafür bin ich sehr dankbar.
