Tage 209 – 219: Expedition ins Unbekannte – Wintergedanken zwischen Luckenwalde und Dresden

Die Etappe von Luckenwalde nach Dresden hat mir im Vorfeld den größten Respekt abverlangt. Nicht, weil sie die längste gewesen wäre, sondern weil so vieles gleichzeitig unbekannt war.
Da war zuerst das Wetter. Mitte Januar, tiefster Winter. Dann die Landkarte in meinem Kopf: ein längerer Abschnitt ohne Anlaufstationen, ohne Netzwerke, ohne vertraute Namen. Ein weißer Fleck, dazu relativ dünn besiedelt. Würde ich unterwegs genug Einkaufsmöglichkeiten finden, um nicht mit einem zu schweren Rucksack loszuziehen? Würde ich Unterkünfte finden, wenn ich sie bei Kälte wirklich brauche, und lägen sie halbwegs auf dem Weg?
Und schließlich waren da noch die Sätze, die man so aufschnappt, bevor man in diese Richtung aufbricht. Diese schnellen Kommentare über „braune Gegenden“, über Wahlen, über Landstriche, die als Problemzonen gehandelt werden. Ich hatte schon in Westbrandenburg begonnen, manches davon abzustreifen, aber ganz verschwindet so etwas nicht aus dem Kopf, wenn es lange genug wiederholt wird, auch dort, wo man eigentlich gerade erst ankommt.

Jetzt ist diese Strecke vorbei, und ich frage mich: Was erzähle ich darüber, ohne in die falschen Worte zu greifen? „Trostlos“ oder „bedrückend“ passt als Momentaufnahme für manche Orte, aber als Urteil wäre es unfair. Mitte Januar wirkt vieles leer und still, egal wo. Wenn überhaupt, dann kann ich den Winter beschreiben, wie er sich über diese Landschaft gelegt hat. Nicht als Wahrheit über die Orte, sondern als eine Jahreszeit, in der alles anders aussieht, anders klingt, anders in einem arbeitet.
Und ich will gleich vorwegnehmen, damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich bin wieder fast ausschließlich freundlichen Menschen begegnet. Keine Begegnung, die ich im Nachhinein gerne gemieden hätte. Im Gegenteil. Noch in keiner anderen Region wurde ich so oft angesprochen. Wohin ich denn unterwegs sei bei diesem Wetter, woher ich komme. Vielleicht, weil ein Mensch mit großem Rucksack im Januar tatsächlich eine Ausnahmeerscheinung ist.
Eine Wirtin sagte mir, in ihrem Dorf kämen so gut wie nie Touristinnen vorbei. Wenn, dann seien es nur „Verrückte“ oder „Individualisten“, zu denen sie mich sicherlich auch zählte. Sie sagte es freundlich, mit einem Lächeln, fast mit einem Augenzwinkern und ich konnte es ihr nicht übelnehmen.
Nicht immer reichte ich mein Kärtchen. Manchmal hatte ich bei Kälte und schwerem Rucksack schlicht keine Lust, stehen zu bleiben und zu schauen, was passiert. Dann grüßte ich nonverbal und deutete mit der Hand an, dass ich nicht spreche, und die Begegnung endete schnell. Und manchmal blieb es bei wenigen Minuten, respektvoll, freundlich, unkompliziert. Mehr Raum entstand meist erst dort, wo man ohnehin ankommen muss: beim Essen, in einer Pension, am Ende eines langen Tages. Über die Menschen möchte ich später aber noch ausführlicher schreiben.

Mein Weg führte mich über drei ehemalige Truppenübungsplätze. Zwei sind heute Naturschutzgebiete. Weil Blindgänger nicht ausgeschlossen sind, darf man die Wege nicht verlassen. Große Bereiche werden nicht bewirtschaftet, nicht beforstet. Die Natur kann tun, was sie will. Die Vorstellung, dass gerade hier alles so üppig wachsen darf, weil zuvor Krieg geübt wurde, hatte etwas Groteskes. Und zugleich zeigte sie mir, wie sich Bedeutungen verändern können.
Ein dritter Truppenübungsplatz war anders. Dort war nicht wirklich klar, ob man überhaupt hindurch darf. Die Schilder klangen eindeutig. Einheimische meinten, sie gingen dort dennoch öfter spazieren. Kein Problem, solange man auf den Wegen bleibt. Außen herum wären es zwölf Kilometer Umweg gewesen. Also bin ich zehn Kilometer hindurch.
Diese zehn Kilometer fühlten sich nicht gut an. Ein ständiges Unbehagen ging mit, Schritt für Schritt. Als dann in der Nähe Hubschrauber kreisten, weit genug weg, dass keine reale Gefahr bestand in ein Manöver zu geraten, aber nah genug, um das Gefühl zu verstärken, am falschen Ort zu sein, beschleunigte sich mein Tempo ganz von selbst. Zehn Kilometer ohne Pause. Nur raus.
Im Kopf schrieb ich mir unterwegs bereits eine Geschichte, in der ich, weil ich nicht spreche, abgeführt und verhört werde, und die Frage tauchte auf, ob Menschen Verständnis dafür hätten, dass ich ein Kunstprojekt mache und deshalb nicht sprechen würde. Zum Glück kam es nicht so weit. Aber die Geschichten im Kopf waren real genug. Manchmal ist es nicht die Wirklichkeit, die den Puls treibt, sondern das eigene Kino. Und in solchen Momenten helfen Achtsamkeitsübungen nur mäßig.

Für die ersten drei Übernachtungen auf dieser Strecke hatte Kerstin gesorgt, worüber ich sehr dankbar war, aber auch im weiteren Verlauf habe ich mir größtenteils Unterkünfte gegönnt. Ich wollte es nicht noch schwieriger machen, als es ohnehin war. Und ich war sehr dankbar für die Menschen, die in den letzten Wochen gespendet haben, damit ich mir gelegentlich eine warme Nacht leisten kann.
Doch auch Wärme hat ihren Preis. Oft saß ich ein bis zwei Stunden am Tag da und suchte Unterkünfte, die nicht zu weit vom Weg entfernt lagen. Und weil ich nicht anrufen kann, ging vieles nur per E-Mail. Viele Anfragen blieben unbeantwortet. Und erstaunlich viele Pensionen waren ausgebucht. An einem Tag musste ich fast dreißig Kilometer gehen, nur um wieder eine warme Übernachtung zu haben.
Die Freiheit des Zeltes, fast überall schlafen zu können, wo es passt, tauschte ich ein gegen die Bindung an Orte, die oft nicht da lagen, wo ich sie gebraucht hätte. Beides hat Vorteile. Im Winter entschied ich mich meistens für Wärme, für das Ankommen, für die Möglichkeit, abends noch in Ruhe organisatorische Dinge zu erledigen, überhaupt zu schreiben, statt im Schlafsack nur der Kälte zu trotzen. Dafür musste ich manchmal mehr gehen, als es mir gut getan hat.
Je länger ich durch diese weite Winterlandschaft ging, desto mehr merkte ich, wie sehr ich in Gedanken versank. „Im Hier und Jetzt“ zu bleiben ist nicht so leicht, wenn da scheinbar kaum etwas ist. Es hat etwas von Wüste, oder von Meer. Plötzlich ist viel Raum da, der sich füllen will. Keine Ablenkung, keine Reize, die dich ständig herausziehen. Man ist auf sich zurückgeworfen.
Wenn die Sonne scheint und der Schnee glitzert, fühlt sich alles leicht an. Wenn der Wind eisig wird und der Himmel grau, spiegelt sich das Wetter oft in uns selbst. Ich hatte das Gefühl, dass die Gedanken, die dann auftauchen, mindestens so viel Kraft kosten wie das Gehen. Vielleicht ist es nicht nur der Winter, der so anstrengend ist, sondern der innere Sturm, den er manchmal auslösen kann.

Gleichzeitig wuchs unterwegs meine Verbindung zur Natur. Sie wurde zu meiner Lehrerin. Immer wieder sehe ich diese radikale Verlangsamung dieser Jahreszeit. Tiere bewegen sich nur so viel, wie sie müssen. Bäume ziehen Energie aus den Kronen zurück, speichern sie in den Wurzeln. Sie lassen los, was nicht gebraucht wird.
Auch wir Menschen haben früher den Winter genutzt, um uns zurückzuziehen, Ressourcen zu sparen, Kräfte zu sammeln. Es blieb uns kaum etwas anderes übrig. Erst seit wir gelernt haben, Wärme und Licht technisch herzustellen, tun wir oft so, als wäre das ganze Jahr Sommer. Als müssten wir immer gleich funktionieren, immer gleich produktiv sein. Und wir bauen die Welt so, dass sie uns diese Illusion ermöglicht.
Vielleicht wäre es Zeit, die Natur wieder ernster zu nehmen. Anzuerkennen, dass es in unseren Breitengraden Zeiten des Rückzugs gibt. Zeiten, in denen etwas stirbt, in denen man zweifelt, in denen Dinge sich lösen. Das kann schmerzhaft sein. Es kostet Kraft. Aber es schafft auch Raum für Neues. Und manches Neue hat keine Chance, wenn wir alles konservieren wollen. So waren diese Wochen nicht nur wegen Kälte und Eis anstrengend. Ich musste mich auf eine Weise auf den Jahreszyklus einlassen, die ich so noch nicht kannte, weil ich ihm zu Fuß ausgesetzt war. In der Weite war plötzlich Platz für Dinge, die man im Alltag gern übertönt. Mit Serien, mit Arbeit, mit Ablenkung.
Manchmal versuchte ich, den Gedanken davonzulaufen, mehr Kilometer zu machen, Ziele zu setzen, nur um Fokus zu haben. Das funktioniert ein paar Tage, dann kommt die Erschöpfung. Körperlich und geistig. Und irgendwann geht es nicht mehr darum, wie weit man kommt, sondern darum, welches Tempo überhaupt möglich ist.

In dieser Zeit musste ich lernen, meinen eigenen Geschichten zuzuhören. Nicht nur den Geschichten anderer. Und zulassen, was da erzählt werden will, ohne sofort in Widerstand zu gehen. Denn oft kostet nicht das, was sich zeigt, die meiste Kraft, sondern der Widerstand dagegen. Wenn man es annimmt, verliert es manchmal Gewicht. Und dann wird es wieder einfacher, in den Moment zurückzukehren.
Als ich zwei Tage mit Jan unterwegs war, sah ich an ihm, wie sehr er zeitweise im Gehen in seiner Gedankenwelt versunken war. Sein Blick war viel auf den Boden gerichtet. Ihn so zu sehen, spiegelte mir etwas: Auch mein Blick war in diesen Wochen nicht mehr so wach nach außen, sondern mehr und mehr nach innen gekehrt. Das hatte seine Berechtigung. Aber ich merkte auch, wie leicht man sich darin verlieren kann. Und dass es ein Gegengewicht braucht.
Ich nenne es für mich den Blick des Jägers. Auch im Winter mussten Menschen hinausgehen, um Nahrung zu finden. Und in dieser großen Weite findet man nur etwas, wenn man genau hinschaut. Wenn man langsamer wird. Wenn die Aufmerksamkeit sich schärft.
Dann entdeckt man plötzlich überall Spuren. Im Schnee, im gefrorenen Schlamm. Man sieht die gefrorenen Hagebutten und Schlehen, die eine überraschende Süße bekommen haben. Der Flug eines Greifvogels in der Ferne wird zu etwas Erhabenem. Unter dem Schnee erkennt man Tunnel der Mäuse. Man freut sich an schnatternden Enten an einer der wenigen eisfreien Stellen.
Und man beginnt, ganz praktisch zu schauen: Wo wäre ein windgeschützter Platz fürs Zelt? Ist das Wasser aus diesem Bach trinkbar? Wie liest man diese Landschaft, damit sie einem hilft, statt nur Hintergrund zu sein?
Wenn ich es schaffe, diesen Blick zu aktivieren, bin ich wieder da. Nicht im Kopf, sondern vor Ort. Und dann kommen die Gedanken wieder, und man verliert sich, und irgendwann kommt man zurück. Je öfter dieser Wechsel passiert, desto weniger bleibt man in endlosen Schleifen hängen, in denen derselbe Gedanke zum dreiundsiebzigsten Mal in leicht anderer Variante wiederkehrt. Und durch dieses Zurückkommen entsteht Raum, in dem etwas Neues reifen kann.
Vielleicht suchen Menschen seit jeher Einöden, Wüsten oder das Meer genau deshalb auf: um wieder mit sich selbst in Kontakt zu kommen.
Rückblickend ist auf meinem Weg durch Brandenburg und Nordsachsen viel in Bewegung geraten. Nicht immer konnte ich unterscheiden, was innerlich geschah und was das Wetter äußerlich auslöste. Wahrscheinlich gehört beides zusammen. Manches ist zerfallen. Manches ist abgestorben. Aber das ist auch gut so. Denn dadurch entsteht Platz.
Noch ist es zart. Wie die ersten Knospen, die man an den Bäumen ahnen kann. Wenn man achtsam durch den Winter geht, entdeckt man jetzt schon die ersten Weidenkätzchen. Man merkt, dass sich etwas vorbereitet. Dass Leben aus der Tiefe irgendwann wieder auftauchen will.
Alles in allem war es eine sehr anstrengende, aber vielleicht auch eine sehr wichtige Zeit. Ich bin sehr gespannt, was daraus hervorgehen mag.
