Tage 229–239 – Als Pilger auf dem Jakobsweg

Als ich zur Sommersonnenwende in Stuttgart losgegangen bin, war diese Wanderung für mich ein Kunstprojekt. Mein vorrangiges Ziel war, möglichst viele Museen und Kulturinstitutionen als Kooperationspartner zu finden. Dass diese Reise irgendwann auch eine Pilgerfahrt werden könnte, hätte ich damals nicht gedacht – obwohl ich selbst schon einmal auf dem Jakobsweg nach Santiago gepilgert bin und sogar mehrtägige Achtsamkeitsworkshops beim Pilgern angeboten habe. In meinem Kopf waren das zwei getrennte Schubladen: Kunst ist Kunst, Pilgern ist Pilgern. Das eine hatte mit dem anderen nichts zu tun.
Es gab eine Zeit, da konnte ich mir gar nicht vorstellen, etwas anderes als Künstler zu sein. Wahrscheinlich war das eine Weile auch gut so. Aus Mangel an Alternativen habe ich das Künstlersein mit aller Kraft vorangetrieben. Aber in den letzten Jahren habe ich dieses Bild immer öfter hinterfragt. Es hat mich eher enger gemacht als freier.

Seit ein paar Tagen habe ich nun zum ersten Mal einen offiziellen Pilgerausweis – und ich bin froh, dieses strenge Trennen von Rollen hinter mir zu lassen. Ich kann Künstler und Pilger zugleich sein, und beides kann sich gegenseitig bereichern. Es ist so viel leichter, als Schweigender mit Menschen in Kontakt zu kommen, wenn ich als Pilger in privaten Unterkünften lande, bei Menschen, die offen sind, die gerne erzählen. Ich spare Geld, Ressourcen, weil ich weniger im Zelt übernachten muss, und ich gehe auf Wegen, die vor mir schon viele andere gegangen sind. Das macht einiges einfacher. Und natürlich bin ich nicht nur auf Pilgerwegen unterwegs, aber dort, wo es welche gibt, nutze ich sie dankbar – als Künstler und als Pilger.
Ich bin jetzt vieles zugleich: Künstler, Schweigender, Pilger, Wanderer, Outdoorer, Idealist, Achtsamkeitslehrer, Abenteurer, Vegetarier, Zuhörer, vielleicht sogar bald Autor – und noch vieles mehr. Für Menschen, die gerne in klaren Kategorien denken, ist das vermutlich ein Graus. Beim Finanzamt habe ich offiziell schon drei Tätigkeiten angemeldet plus Minijob; dort will man genau wissen, womit ich mein Geld verdiene und wofür ich es ausgebe. Manchmal wüsste ich das selbst auch gerne ganz genau. Aber solange ich leben kann, ist das für mich nicht mehr der entscheidende Punkt.
Ich erlebe diese zunehmende Weite eher als Befreiung. Wie schön es ist, diesen inneren Raum größer werden zu lassen. Viele Begegnungen, die ich unterwegs habe, werden erst möglich, weil ich diesen Raum öffne und nicht sofort alles sortiere. Und weil ich auch andere Menschen weniger schnell in Schubladen stecke. Vielleicht bin ich für manche dadurch weniger konsequent. Aber das sind dann meistens genau die, die wieder nur in Schubladen denken.
Dieses Auflösen von inneren Bildern betrifft nicht nur meine Idealvorstellungen davon, wer oder was ich bin, sondern auch meine alten Glaubenssätze. Einer der hartnäckigsten war: „Ich kann nicht schreiben.“ Als Legastheniker habe ich diese Erfahrung meine ganze Schulzeit über gemacht. Und jetzt sitze ich hier – und schreibe. Fast täglich. Und es wird sogar gelesen. Noch vor einem Jahr hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich nach vielen Kilometern in den Beinen abends noch ein bis zwei Stunden an Texten sitze. Selbst im Zelt, bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, habe ich Wege gefunden, es mir mit dem Notebook halbwegs gemütlich zu machen und zu schreiben. Ich lerne gerade, über mich selbst zu staunen.


Seit ich Dresden nun mit offiziellem Pilgerausweis verlassen habe, habe ich öfter auf Pilgerherbergen zurückgegriffen. Manchmal ist das ein Zimmer mit Bett in einem Familienhaus, manchmal eine leerstehende Wohnung oder eine Pension, die für Pilger einen Sonderpreis anbietet, oder ein Raum im Pfarrhaus, in dem Matratzen ausliegen. Jeder Ort ist anders. Es ist das Gegenteil von Kettenhotels, die überall gleich aussehen und jede Form von Individualität glattbügeln wollen. Beim Pilgern ist jede Unterkunft eine kleine Reise in eine andere Welt. Wenn man bereit ist, auf Komfortansprüche zu verzichten, kann man dort unglaublich viel entdecken.

Und nicht nur die Orte, auch die Menschen sind besonders. Viele privaten Herbergen werden von Leuten betrieben, die selbst gepilgert sind. Sie wissen, wie es sich anfühlt, nach einem langen Tag erschöpft anzukommen und freundlich aufgenommen zu werden. Etwas von dem, was sie selbst erfahren haben, möchten sie weitergeben. Manche sind inzwischen älter und können keine langen Reisen mehr machen – also holen sie sich die Welt einfach nach Hause. Wer weltoffene und gastfreundliche Menschen vermisst, sollte pilgern gehen – vielleicht nicht unbedingt auf den Hauptpilgerwegen zur Hochsaison.

Mehrmals wurde ich auch zum Frühstück oder Abendessen eingeladen. Dort konnte ich ihren Geschichten zuhören: den Erlebnissen auf ihren Pilgerreisen, den Wendepunkten in ihrem Leben. Besonders eindrücklich waren für mich als Westdeutscher die Erzählungen der älteren Menschen, die die DDR noch als Erwachsene erlebt haben – mit all den Reisebeschränkungen. Wie es für sie war, als plötzlich die Grenze offen war und damit die ganze Welt. Manche sagten, sie hätten es in den ersten Jahren wohl etwas übertrieben mit dem Reisen, weil sie das Gefühl hatten, so viel nachholen zu müssen. Für jemanden wie mich, der seit seiner Jugend in alle möglichen Himmelsrichtungen unterwegs war, sind solche Geschichten kaum vorstellbar. Meine eigene Freiheit bekommt in diesen Momenten ein anderes Gewicht.
Für all diese Begegnungen bin ich sehr dankbar. Sie sind ein Teil dieser Reise, den ich mir am Anfang nicht hätte ausmalen können – irgendwo zwischen Kunstprojekt und Pilgerweg, zwischen alten Bildern von mir selbst und neuen, die gerade erst entstehen. Und vielleicht ist genau das der eigentliche Weg.

