Tage 232–234 – Unterwegs mit Bernd

Bernd gehört zu den Menschen, die mich schon lange vor dem Start von „Ich höre zu – Ein Jahr im Schweigen“ begleitet haben. Bevor ich losgelaufen bin, hat er meine Flyer und meine Website lektoriert. Damals war er der Erste, der mich darauf hingewiesen hat, dass es in meinem Projekt nicht nur um Schweigen und Zuhören geht, sondern mindestens genauso um das Wandern selbst.
Für mich, der schon seit Jahren lange Touren macht, war das fast nebensächlich. Dass ich ein Jahr lang durch Deutschland laufe, über 3.500 Kilometer zurücklege und oft im Zelt schlafe, war in meinem Kopf einfach normal und irgendwo ans Ende des Konzepts verbannt. Das Schweigen schien viel radikaler. Bernd hat mir erklärt, dass genau dieses Unterwegssein zu Fuß für viele Menschen alles andere als selbstverständlich ist.
Auch als ich dann losgezogen war, war Bernd immer wieder im Hintergrund mit dabei. Er hat mitüberlegt, wo ich unterkommen könnte, wo sich Stationen organisieren lassen. Er und seine Frau Daniela haben in der Charité, im Humboldt Forum und an anderen Orten für mich angefragt. Nicht alles hat geklappt, aber einige warmherzige Begegnungen und Übernachtungen sind so überhaupt erst möglich geworden. Und von Anfang an stand im Raum, dass Bernd nicht nur aus der Ferne mitdenken, sondern irgendwann auch ein Stück mitlaufen möchte.
So kam es, dass wir uns in Riesa an der Elbe verabredet haben. Bernd wollte mich zweieinhalb Tage begleiten und hat mich gleich zu drei Übernachtungen eingeladen.
Vor ein paar Wochen hatte ich schon einmal eine Begleitung, die ihre schweren Wanderschuhe zu Hause gelassen und sich mit Turnschuhen durch den Schnee gekämpft hat. Dieses Mal wollte ich wenigstens vorwarnen, dass es noch matschig werden könnte. Bernd reiste schließlich in Gummistiefeln an, weil bei ihm zu Hause alles unter Wasser stand und er sich gut gerüstet fühlen wollte. Dummerweise waren die Stiefel eine Nummer zu groß. Er ist also nicht nur durch Pfützen, sondern auch in seinen Schuhen geschwommen. Zum Glück hatte er noch wasserdichte Wanderstiefel dabei. Die ersten sieben Kilometer von Riesa nach Strehla wollte er aber noch in Gummistiefeln gehen.

Als er mir entgegenkam, konnte ich schon von Weitem sehen, dass sein Gang merkwürdig aussah. Je weiter wir gingen, desto deutlicher wurde, wie sehr ihn diese Schuhe aus der Balance brachten. Er stand und ging, als würde er schief im Wind hängen. Normalerweise kommuniziere ich beim Wandern kaum, weil ich ungern das Tablet heraushole. Also fragte ich nicht, sondern beobachtete und übte mich im Aushalten. Wir hatten für die nächsten zwei Tage jeweils über zwanzig Kilometer geplant. Zu sehen, wie er sich schon auf den ersten sieben Kilometern abmühte und trotzdem nicht gleich ans Morgen zu denken, war eine echte Übung in Achtsamkeit.
Gleichzeitig musste ich mir immer wieder klar machen, dass Bernd ein erwachsener Mann ist, der selbst Verantwortung für sich übernehmen kann. Zur Not hätte er jederzeit ein Taxi rufen können. Warum wir nicht einfach kurz angehalten und die Schuhe gewechselt haben, lässt sich im Nachhinein kaum erklären. Vielleicht, weil man Strehla schon früh am Horizont gesehen hat und wir beide dachten: „Das Stück schaffen wir jetzt auch noch.“
Er kam an, aber deutlich erschöpft. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie das am nächsten Tag werden sollte. Abends sind wir noch etwas essen gegangen. Da hatte er normale Schuhe an, stand plötzlich wieder gerade und ging wie ein anderer Mensch neben mir her. Welch Erleichterung auf beiden Seiten.

Bernd hatte zwei Tage vor unserer Tour seinen 73. Geburtstag. Es hätte also auch mein Vater sein können, mit dem ich da unterwegs war. Der Altersunterschied hat aber keine Rolle gespielt. Er bringt eine Lebendigkeit und Offenheit mit, die ihn innerlich deutlich jünger wirken lässt.
Bernd ist Regisseur und Autor. Den größten Teil seines Berufslebens hat er in der Werbebranche verbracht: Werbefilme für große Automobilkonzerne, Texte für Autozeitschriften, dazu Dokumentarfilme und andere Projekte. Er hat in London gelebt, später dann in Berlin Mitte – dort, wo sich die Kreativen dieser Stadt dicht ballen, wo Dachgeschosswohnungen mit großen Terrassen und Blick über die Stadt zum Bild gehören. Von dieser Wohnung hat er mir öfter vorgeschwärmt. Und letztes Jahr hat er sie einfach aufgegeben.
Mit einer Krebserkrankung kamen Fragen: Was bedeutet das alles für mich? Gibt es so etwas wie einen Sinn dahinter? In einem Buch ist er auf eine Frage gestoßen, die ihn bis heute begleitet:
„Was durfte in dir nicht wachsen, damit der Krebs wachsen musste?“ Lange hatte er darauf keine Antwort. Irgendwann ist er schließlich auf das Format der Visionssuche gestoßen.
Eine Visionssuche, so wie ich sie verstehe, ist eine bewusst gestaltete Auszeit in der Natur. Menschen gehen für einige Tage ganz raus aus ihrem Alltag, um einer tieferen Lebensfrage zu lauschen. Es gibt eine Phase der Vorbereitung in der Gruppe, dann eine Zeit des Alleinseins draußen – oft fastend, ohne Ablenkung, nur mit dem Nötigsten (kein Handy, nichts zu schreiben, nicht einmal ein Feuer anzünden ist erlaubt) – und danach das gemeinsame Wiederankommen, in dem die Erlebnisse erzählt und bezeugt werden. Die Natur ist dabei nicht nur Kulisse, sondern Spiegel. Das, was draußen geschieht, berührt und beantwortet auf seine Weise das, was innen in Bewegung kommen will.
Bernd hat sich darauf eingelassen, ohne genau zu wissen, worauf er sich da einlässt. Dass es um Übergangsrituale geht, wie sie etwa bei indigenen Völkern Nordamerikas seit Langem praktiziert werden, war ihm vorher nicht klar. Räuchern mit Salbei, Singen am Feuer, vier Tage und Nächte fastend allein im Wald, in der letzten Nacht sogar ohne Schlaf und ohne Wasser – all das hat ihn anfangs eher abgeschreckt. Er fühlte sich zuerst völlig fehl am Platz, war kurz davor abzubrechen. Und dann sind in diesen Tagen Antworten aufgetaucht. Klarer und deutlicher, als er sich das je hätte vorstellen können. Seitdem hat sein Leben eine neue Richtung bekommen.
Das Eschwege-Institut, an dem er seine Visionssuche gemacht hat, hat ihn anschließend gefragt, ob er sich zum „Ältesten“ ausbilden lassen möchte. Eine Person mit viel Lebenserfahrung, die die zweijährige Ausbildung zum „initiatischen Prozessbegleiter und Visionssucheleiter“ durchläuft, konstruktives Feedback geben und später selbst Veränderungsprozesse begleiten kann. Bernd hat Ja gesagt.
Seitdem hat er Seminare in Outdoor-Leadership und Naturpädagogik gemacht, einen Erste-Hilfe-Outdoor-Kurs, Weiterbildungen zu Beziehungsthemen und Persönlichkeitsentwicklung. Dazu kam ein Grundkurs im Council, bei dem die Praxis des Redestabs vermittelt wird. In diesem Kurs haben wir uns kennengelernt. Die Council-Methode ist inzwischen in meine „Walks in Silence“ eingeflossen.
Wenn Bernd mir erzählt, sagt er oft Sätze wie: „Wenn du mir vor zwei Jahren gesagt hättest, dass ich einmal freiwillig in einem Ritual mit Salbei beräuchert werde oder singend am Lagerfeuer sitze – ich hätte dich für verrückt erklärt.“
Und doch ist genau das passiert.
Statt sich im Alter einzurichten, ist er mit Anfang siebzig aus der Berliner Dachgeschosswohnung an den Rand eines Dorfs in Mitteldeutschland gezogen. Während andere sich in ihr Badezimmer eine barrierefreie Dusche einbauen, steht sein neues zu Haus hoch oben, halb im Wald, mit weitem Blick über die Landschaft. Es gibt eine Pelletheizung, und im Winter braucht er täglich einen 15-Kilo-Sack davon, den er mehrere hundert Meter den Hang hinaufträgt. Altersgerechtes Wohnen sieht anders aus. Er nennt dieses Haus trotzdem liebevoll seine „Mönchszelle“ – ein Ort zum Lesen, Nachdenken und Schreiben.

Aber das sind bei weitem nicht die einzigen Veränderungen. Bernd ist der örtlichen freiwilligen Feuerwehr beigetreten und ein gern gesehenes Mitglied dort geworden. Er fährt ab und zu den Bürgerbus, mit dem vor allem ältere Menschen ohne Auto in den umliegenden Dörfern eingesammelt werden, damit sie einkaufen gehen, Ärzte besuchen oder Behördengänge erledigen können. Inzwischen ist er im Dorf so bekannt, dass er aufpassen muss, überhaupt noch genug Zeit zum Schreiben zu finden. Die Menschen sind neugierig auf den Schriftsteller im Wald und möchten sehen, wie er lebt. Er überlegt, welche Seminare er nach seiner Ausbildung anbieten will. An Ruhestand denkt er eher selten.
Dabei hat er längst aufgehört, der Regisseur seines Lebens zu sein. Eher ist er ein wacher Kameramann, der die Bilder einfängt, die das Leben ihm vorsetzt, ohne den Ablauf kontrollieren zu müssen. Aus diesen Bildern entsteht gerade ein Buch mit dem Arbeitstitel „Aus Berlin an den Rand eines Dorfs“. Auf unserer gemeinsamen Wanderung durfte ich den Geschichten lauschen, die er darin verarbeitet.

Dass Bernd im Winter mit mir in der Weite Nordsachsens unterwegs war, ist sicher Teil dieser neuen Lebensphase. Abgeschlossen hat er mit seiner Vergangenheit nicht. Es ist eher so, als hätte er ein weiteres Kapitel aufgeschlagen. Das wurde deutlich, als wir an der größten Motocross-Strecke Deutschlands vorbeikamen, wo er früher mit seiner Enduro trainiert hat. Seine Augen haben geleuchtet, als er davon erzählte. Und gleichzeitig ist es für ihn kein Widerspruch, heute zu Fuß unterwegs zu sein statt mit dem Motorrad.
Eine kleine Szene bleibt mir besonders in Erinnerung. Bernd erzählte mir, dass Singen früher so gar nicht seins gewesen sei. Dass es ihn bei der Visionssuche anfangs eher abgeschreckt hat. Und dann ging er neben mir her und sagte, dass er nun beim Wandern immer wieder Momente großer Freude erlebt, in denen ihm plötzlich sogar nach Singen ist. Kurz darauf stimmte er neben mir an: „Das Wandern ist des Müllers Lust.“ Man muss wissen, dass er mit Nachnamen Müller heißt. Glücklicher hätte er mich in diesem Moment kaum machen können.
Wenn ich selbst mit 73 gesundheitlich noch solche Wege gehen kann, wäre ich sehr dankbar. Noch wichtiger erscheint mir aber die innere Beweglichkeit, die Bernd sich bewahrt hat: die Bereitschaft, sich auch in diesem Alter noch einmal ganz neu auf das Leben einzulassen. Wenn mir das gelingt, wenn ich mit dem Leben mitfließen und die Dinge entstehen lassen kann, darf ich irgendwann vielleicht auf ein abenteuerreiches Leben zurückschauen, aus dem es viel zu erzählen gibt.
