Tage 251 - 255 – Durch das Vogtland nach Arnsgrün – Zu Gast im SELBSTGEMACHT

Als ich in Jena gestartet bin, hatte es an diesem Tag unglaubliche 18°C. Überall schossen Krokusse aus dem Boden, den Schneeglöckchen war es fast schon wieder zu warm. Morgens war es noch frisch, aber ich kam schon bald mit all meinen Kleidern ins Schwitzen. Zum ersten Mal seit Monaten konnte ich Jacken und Pullis ausziehen und einfach im Hemd wandern. Selbst der Hut war zu viel, als ich mich vom Zentrum aus den Berg hinaufgearbeitet habe. Was für den Körper Erleichterung bedeutete, war zugleich mehr Gewicht im Rucksack: All die Schichten, die mich im Winter vor der Kälte geschützt hatten, waren nun gut zwei Kilo mehr auf den Schultern. Mal sehen, wann ich mich traue, mich wirklich von ihnen zu trennen und Stück für Stück etwas nach Hause zu schicken, weil der Frühling sich spürbar durchsetzt.

Von Jena ging es südwärts durch das ländliche Vogtland. Und je höher ich kam, desto mehr wurde der Frühling wieder um ein paar Tage zurückgedreht. Stellenweise lagen Teiche und Seen im Schatten noch zugefroren da, die Landschaft wirkte winterkahl. Gleichzeitig führte mich der Weg durch viele kleine, idyllische Dörfer mit schön renovierten alten Häusern. Der Leerstand in den Dorfzentren war hier bei weitem nicht so ausgeprägt wie in anderen Regionen der letzten Monate.

Mein Ziel war nach vier sehr langen Tagen, mit vielen Höhenmetern und mehr als 20 km täglich, Arnsgrün – das SELBSTGEMACHT. Vermittelt wurde dieser Ort von Bernd, der mir wärmstens empfohlen hat, bei Katrin einen Stopp einzulegen, wenn es keinen allzu großen Umweg bedeutet. Ganz in dem Wissen, dass hier zwei Seelen aufeinandertreffen könnten, die einiges gemeinsam haben.
Ich bin in den vergangenen Monaten bei vielen mir völlig fremden Menschen angekommen. In den ersten Minuten liegt oft eine leichte Spannung in der Luft – von beiden Seiten. Wer kommt da? Zu wem komme ich da? Wie wird das sein mit einem Schweigenden? Bei Katrin war davon nichts zu spüren. Ich kam an und wurde gleich in den Arm genommen, obwohl wir uns noch nie begegnet waren. Es fühlte sich an, als würde man sich schon lange kennen. Da spürt man Bernds Menschenkenntnis – er lag mit seiner Einschätzung richtig.

Katrin ist die Chefin des SELBSTGEMACHT, einem Gäste- und Seminarhaus, das als individuell gestaltetes Ensemble gedacht ist: zum Übernachten, Tagen und Feiern, aber auch, um Kunst zu erleben und selbst kreativ zu werden. Es gibt Kursangebote, etwa zum Filzen, Malen oder Trommelbau, und je nach Programm auch Formate wie Fasten oder Yoga. Entworfen wurde das Haus von Katrins Mann, einem ehemaligen Architekten und Künstler, der hier seine Kreativität einbringen konnte. Der Unterbau geht auf einen früheren kleinen Dorfladen zurück, der später durch einen modernen Aufbau mit Herberge ergänzt wurde. So ist ein Ort entstanden, der auf Natürlichkeit und ein herzliches Miteinander setzt.

Katrin bietet außerdem Wanderungen mit ihren Lamas an, leitet Kurse im Waldbaden, ist der Achtsamkeitslehre sehr vertraut und macht gerade eine Ausbildung zur initiatischen Prozessbegleitung am Eschwege-Institut – dort hat sie Bernd kennengelernt, und so schließt sich der Kreis auch wieder zu mir.
Später zeigte sich, wie viele Schnittmengen es gibt: die Verbundenheit zur Natur, Achtsamkeit, das Wandern, die Suche nach echter Verbindung mit Menschen. Doch beim ersten Aufeinandertreffen war mir das noch gar nicht bewusst. Es gab noch andere Gründe für diesen herzlichen Empfang, als würde man alte Freunde sehen. Zuerst einmal ist Katrin eine außergewöhnlich gute Gastgeberin – vermutlich auch ein Grund, warum das SELBSTGEMACHT über viele Jahre so gut gelaufen ist und sich stark über Mund-zu-Mund-Propaganda getragen hat. In den folgenden Tagen las sie mir jeden Wunsch von den Augen ab. Und als wir später zusammensaßen und sie erzählte, was sie zu meinen Erlebnissen der vergangenen Monate dachte, wurde schnell klar: Sie begleitet mich schon eine Weile über meinen Blog. Nicht nur lesend, sondern auch gedanklich. Viele meiner Erzählungen hatten in ihr etwas in Bewegung gebracht. Als ich ankam, war ich ihr also längst nicht mehr fremd.
Arnsgrün lag nicht direkt auf meiner Route von Jena über Hof nach Bayern. Es bedeutete einen Umweg von ungefähr einem Tag. Aber ich hatte Zeit gewonnen: Das ausgefallene Seminar an der Universität hatte mir Raum geschenkt, und die weiteren Stationen waren noch nicht an Termine gebunden – falls sich überhaupt etwas ergeben würde. Ich war frei. Der Umweg nach Arnsgrün war keine zusätzliche Belastung, sondern eher ein Geschenk.

In den vergangenen Monaten habe ich unzähligen Geschichten zugehört: am Küchentisch und in Kirchenbänken, in Museen und Gemeinderäumen, auf Parkbänken, in stillen Dyaden, manchmal auch Menschen, die einfach nur kurz stehen blieben und mir ihr Herz ausschütteten. Und in letzter Zeit hat sich dieses Feld geweitet. Zuhören ist für mich nicht mehr nur etwas zwischen Menschen. Ich habe einer tausendjährigen Kirche gelauscht, den Geräuschen der Nacht, den Tieren, die mir begegnen, dem Wind, dem Wasser, dem Rhythmus der Schritte meiner Begleiter. In Arnsgrün ergab sich eine neue Möglichkeit: Ich wollte nicht nur durch einen Wald hindurchgehen, in im Schlafen, sondern ihm wirklich zuhören – mehrere Tage lang, ohne Ablenkung.
Durch das Council-Seminar im vergangenen Jahr bin ich mit vielen Menschen in Kontakt gekommen, die eine sogenannte Visionssuche gemacht haben.
Eine Visionssuche ist ein altes Übergangsritual, das in vielen indigenen Traditionen Nordamerikas vorkommt und heute auch in europäischen Kontexten von Einkehr, Schweigezeiten und Naturerfahrung aufgegriffen wird. Im Kern geht es darum, für einige Tage aus dem Alltag auszusteigen, oft alleine in der Natur zu sein, zu fasten oder sehr reduziert zu leben und sich bewusst einer Frage oder Schwelle im eigenen Leben zuzuwenden. Nicht im Sinne von „schnell eine Antwort finden“, sondern indem man sich der Stille, der Unsicherheit, den eigenen Gedanken und dem, was einem in der Natur begegnet, aussetzt. Begleitet wird das meist durch eine Vorbereitungszeit und eine Zeit danach, in der das Erlebte geteilt und eingeordnet wird – damit aus einer intensiven Erfahrung tatsächlich Orientierung für den nächsten Schritt werden kann.
Die Erzählungen darüber waren oft sehr prägend. Sie haben mich jedes Mal aufs Neue fasziniert, und in mir wuchs mehr und mehr der Wunsch, es selbst auszuprobieren. Der Winter war vorbei, der Frühling stand kurz bevor. Vieles ist abgestorben, Neues bereit zu wachsen. Den Daniel, der vor über acht Monaten losgezogen ist, um zuzuhören, den gibt es so nicht mehr. Aber noch ist überhaupt nicht klar, was daraus hervorwächst, welchen Weg ich einschlage, wenn ich in einigen Monaten wieder nach Hause komme. Ich habe das lange zur Seite geschoben. Im Winter ging es darum, sich zurückzuziehen, Kräfte zu sparen, zu „überleben“. Nun war diese Zeit überwunden. Ich fühlte mich an einer Lebensschwelle, an der alles im Umbruch ist – wie bei den Jahreszeiten. Und plötzlich hatte ich Tage gewonnen.
Außerdem kannte Katrin das Thema Visionssuche gut. Ich konnte also ziemlich sicher sein, dass sie meinen Wunsch nicht für abwegig hält, als ich ihr vorab schrieb und fragte, ob ich den Aufenthalt bei ihr nicht als „normale Station“ nutzen könne, sondern als Ausgangspunkt: vier Nächte in den Wald, fasten, auf das Handy verzichten, nur mit Plane, Schlafunterlage und Schlafsack. Nichts schreiben, nichts lesen. Nicht einmal ein Feuer – weil es wärmt, aber auch in Bann ziehen kann.
Katrin stimmte zu und ließ mich wissen, dass sie schon Ideen hätte, wo es Stellen im Wald gibt, an denen ich diese Zeit alleine verbringen könnte. Und als die Wettervorhersage weiterhin Sonnenschein ankündigte, nachts um die -2°C und tagsüber bis zu 15°C, war plötzlich klar: Alles fühlte sich an, als wäre es genau dafür gemacht. Fast so, als hätte das Leben es so vorbereitet.
Am Abend bekam ich Ofengemüse als leichte Kost, um am nächsten Tag leichter ins Fasten zu starten. Ein Essen, das vorzüglich schmeckte. Und ich schlief in einer der eindrücklichsten Unterkünfte dieses Projekts: Durch eine riesige Fensterfront konnte ich den Sonnenuntergang über dem Dorf sehen – und am nächsten Morgen den Vollmond in unglaublicher Größe hinter den Hügeln absinken.

Wer lange allein mit Zelt und vor allem mit sehr wenig Geld unterwegs war, kann sich vielleicht vorstellen, was für ein Luxus so etwas ist – und wie erfüllend. Und zugleich musste ich über mich selbst lächeln. Katrin hatte mir angeboten, gerne zu bleiben, so lange ich möchte, mich zu erholen, Organisatorisches zu erledigen. Ich sei herzlich willkommen. Und ich wollte freiwillig genau diesen Komfort hinter mir lassen, um nur mit Schlafsack und Isomatte in den Wald zu gehen: ganz ohne Essen, nur mit Wasser. Man muss schon ein wenig verrückt sein, um freiwillig das eine gegen das andere zu tauschen. Und doch war mir völlig klar, dass das mein Weg war.
Am Morgen meditierte ich mit Katrin zum Sonnenaufgang. Für den späten Vormittag verabredeten wir, zusammen in den Wald zu gehen, damit sie mir mögliche Plätze zeigen konnte. Das Schöne daran: Es war nicht irgendein Wald, sondern ihr Wald. Sie hatte ihn vor einigen Jahren gekauft, um dort Waldbaden-Seminare durchzuführen. Sie warnte mich allerdings: Durch starken Borkenkäferbefall sei der Wald vor einigen Jahren sehr in Mitleidenschaft gezogen worden. Kein idyllischer Märchenwald – aber vielleicht finde ich trotzdem einen Platz, der meiner Vorstellung entspricht.
Als sie mich kurz nach elf abholte, hatte ich zuerst einmal meinen Rucksack mit 14 Litern Wasser gefüllt. Ich wollte später noch einmal zurück, ein paar Dinge erledigen, bevor ich mich für vier Tage wirklich von der Außenwelt abnabeln würde – um dann erst allein mit der restlichen Ausrüstung in den Wald zu gehen.
Katrin ging schnellen Schrittes den Hang hinauf. Ich hatte an diesem Morgen schon nichts mehr gegessen, den Darm wie vor einer Fastenkur entleert, und es fiel mir schwer, mit ihr Schritt zu halten. Ich fühlte mich plötzlich kraftlos. Als wir in ihrem Wald angekommen waren und den Hauptweg verlassen hatten, veränderte sich Katrins Schritt. Sie ging auf einmal ganz vorsichtig, als wollte sie keiner Pflanze mit ihren schweren Wanderstiefeln zu nahe treten – obwohl wir uns durch Gestrüpp und Brombeerranken arbeiteten.

Schon bald erreichten wir einen großen Kahlschlag. Vereinzelt standen Gruppen junger Fichten und einzelne Kiefern herum. Es sah trostlos aus. Katrin erzählte, dass hier 2021 noch viele große Bäume standen, als sie den Wald gekauft hatte. Ein Wald, der zum Konzept des Hauses passte: Waldbaden für Besucher, ein Ort für ihre Enkelkinder, Übernachtungen mit Jugendlichen in Hängematten. Und nach nur einem Jahr war dieser Wald kaum wiederzuerkennen. Praktisch von heute auf morgen fielen die Bäume dem Borkenkäfer zum Opfer und mussten gefällt werden. Es dauerte seine Zeit, bis sie diesen Schmerz überwunden hatte – und ich sah die Trauer in ihren Augen kurz aufblitzen, als sie mir davon erzählte.
Das Wild verbiss neue Bäumchen viel zu schnell. Geld für eine Umzäunung hatte sie nicht, und es widersprach auch ihrem Bild von Wald. So blieb ihr nur Akzeptanz. Als sie sich ins hohe Gras auf die Lichtung legte, wir den Vögeln lauschten, ich ihr einen Birkenporling aus dem Wald brachte und wir sahen, wo der Frühling seine ersten Knospen trieb, sprach sie davon, dass der Wald wachsen dürfe, wie er möchte. Sie werde ihn nur begleiten. Sie sagte das mit so viel Liebe. Es war immer noch ihr Wald. Auch wenn er nicht mehr so war, wie sie ihn gekauft hatte. Vielleicht würden erst ihre Enkel, die ihr so lieb und wichtig sind, ihn wieder in voller Größe erleben. Diese Zuwendung berührte mich.
Und nun sollte er für vier Tage und Nächte auch mein Wald werden.
Aber dazu dann in einem anderen Text…