Tage 256–258 – Eine Visionssuche: Der Natur lauschen

Nachdem ich am Morgen mit Katrin den Wald angeschaut hatte, in dem ich meine Visionssuche machen wollte, bin ich noch einmal mit ihr zurück ins SELBSTGEMACHT gegangen. Ich schrieb ein paar letzte E-Mails, die nicht bis nach meiner Rückkehr warten konnten, und machte mich dann mit dem restlichen Gepäck wieder auf den Weg zurück in den Wald.
Wieder ging es den Berg hinauf, der mir schon am Morgen so schwergefallen war. Und obwohl mein Rucksack diesmal nur etwa halb so schwer war wie sonst, erschien mir die Steigung fast unmöglich. Es fehlte schlicht die Energie. Ich habe schon öfter gefastet, das war immer herausfordernd. Aber dass mich die Kraft so schnell und so deutlich verließ, war mir neu. Wahrscheinlich war der Kontrast zu groß: In den letzten Tagen bin ich täglich über 20 Kilometer gegangen und habe Unmengen an Kalorien zu mir genommen, weil mein ohnehin schon dünner Körper das braucht. Und dann, ohne erst einmal wirklich zu regenerieren, von einem Moment auf den anderen die Nahrungszufuhr zu stoppen, war vielleicht einfach zu viel verlangt.

Im Wald musste ich noch einen Lagerplatz für diese vier Nächte finden. Ich war schon am Vormittag umhergegangen, um zu schauen, ob es eine Stelle gibt, die mich ruft. Normalerweise habe ich dafür ein feines Gespür. Ich schlage mein Lager nicht mehr irgendwo auf; der Ort sagt mir, ob ich bleiben darf. Doch diesmal blieb dieser Ruf aus. Auch jetzt, als ich wieder ankam, gab es keine Stelle, die sich wirklich richtig anfühlte für das, was vor mir lag.
Ich war müde, kraftlos und kaum fähig, Entscheidungen zu treffen. Irgendwann war klar: Ich kann nicht ewig suchen. Also kapitulierte ich und nahm den nächstbesten Ort. Nicht zu weit von der Stelle entfernt, an der ich am Morgen das Wasser abgestellt hatte, weil ich es nicht noch weiter tragen wollte. Ein halbwegs flacher Platz unter vier kleinen Fichten, mit Blick nach Süden auf die Schneise. Wenigstens Sonne, wenigstens etwas Wärme am Morgen.

Ich hatte nur das Außenzelt dabei, das Innenzelt hatte ich in der Herberge gelassen. Weil der Boden nicht ganz eben war, beschloss ich, das lange Gras auf der Rodung zu sammeln und mir eine Art Heumatratze zu bauen. Ich deckte sie mit meinem Poncho ab und spannte darüber die Plane – beide Eingänge offen, eher wie ein Dach als wie ein Zelt. Bei einer Visionssuche soll das Lager kein Rückzugsraum werden, sondern nur Schutz vor Tau und Regen geben. Die Verbindung zur Natur soll so direkt wie möglich bleiben.
Mehr als hundertmal habe ich im letzten Jahr mein Zelt aufgebaut. Dieses Mal kostete es mich gefühlt alles. Als ich fertig war, zog ich nur noch den Schlafsack heraus, legte mich hin und schlief sofort ein. Mir hatte es den Stecker gezogen.
In der Abenddämmerung wachte ich kurz auf, trank etwas, ging auf die Toilette. Selbst das Aufstehen fühlte sich mühsam an. Dann schlief ich wieder ein. Ab und zu wachte ich auf und registrierte, wie der fast volle Mond beim Aufgang dunkelorange mir ins Gesicht schien. Und dann war es wieder Nacht in mir. Ich schlief bis weit nach Sonnenaufgang.
Ich machte mir trotz der Erschöpfung keine Sorgen. Es war nicht dieses „Oh je, ich liege hier allein im Wald ohne Handy, und mein Körper spielt nicht mit.“ Es war eher ein Sich-Ergeben. Ein Kapitulieren nach all den Anstrengungen der letzten Monate. Und da war diese ungeheure Entlastung: Ich musste nichts mehr tun. Nicht wandern. Niemandem zuhören. Keine E-Mails. Kein Scrollen. Keine Blogtexte im Kopf. Keine Planung für die nächsten Tage. Laptop und Handy hatte ich vorsorglich im Haus gelassen. Kein Papier, kein Stift, kein Reader. Ich durfte einfach sein.
Ich weiß nicht, wie viel davon das Fasten war und wie viel die Psyche. Ich weiß nur, dass ich seit Ewigkeiten nicht mehr so lange geschlafen habe. Als die Sonne schon hoch stand, setzte ich mich kurz auf und legte mich wieder hin. Der Kreislauf war ganz unten, ich war wie in einem Dämmerzustand. Und gleichzeitig fühlte ich mich sicher. Der Wald gehörte Katrin, kein Förster würde mich vertreiben. Wildschweine hatten mich in den letzten Monaten oft nachts besucht, ohne Zwischenfälle. In den Tagen zuvor ging ich immer wieder im Kopf durch: Was soll schon passieren? Draußen in der Natur zu sein, ist das, was ich fast jede zweite Nacht gemacht habe. Vielleicht fiel genau deshalb so viel Spannung ab.
Doch der Friede hielt nicht lange an. Die Natur forderte meine Aufmerksamkeit auf eine Weise ein, mit der ich nicht gerechnet hatte.
Als ich seitlich auf meinem Poncho lag, krabbelte eine stattliche Zecke ungefähr zwanzig Zentimeter vor meinem Gesicht direkt auf mich zu. Für einen kurzen Moment war es vorbei mit der Gelassenheit. Ich griff nach meiner Tasse, wollte sie einfangen, und da sah ich zehn Zentimeter weiter eine zweite.
In diesem Moment kippte etwas. Wo zwei Zecken sind, sind wahrscheinlich mehr. Hatte ich sie mit dem Gras für die Matratze selbst eingesammelt und an meinen Platz gebracht? Plötzlich begann mein ganzer Körper zu jucken, als hätten sie in der Nacht schon Wege in meinen Schlafsack gefunden.
Ich fing beide ein, suchte den Poncho ab und kontrollierte stichprobenartig meinen Körper. Ich fand nichts Weiteres und atmete erst einmal auf. Anfang März hatte ich nicht damit gerechnet. Der Winter hatte mich in eine andere Realität versetzt, obwohl ich weiß, dass Zecken ab sechs bis acht Grad aktiv werden. Meine Mutter hatte viele Jahre mit Borreliose zu kämpfen. Deshalb war für mich immer klar: Ein Biss könnte dieses Projekt beenden. Immerhin hatte ich Karden-Tropfen im Erste-Hilfe-Set, mit denen sie damals ihre Krankheit in den Griff bekommen hatte. Das beruhigte mich etwas. Trotzdem stand die Frage im Raum: Was mache ich jetzt? Umziehen? Alles abbauen? Wieder suchen?
Und dann erinnerte ich mich an eine andere prägende Begegnung mit unliebsamen Insekten. Bei meinem Kunstprojekt Walk in Time, bei dem ich einen Marathon in einer Gehmeditation absolvierte: 120 Meter pro Stunde, 60 Tage lang, wurde ich auf offenem Feld von Pferdebremsen attackiert. Schlug ich eine tot, kam die nächste. Von Meditation keine Spur mehr. Und ich wusste: Entweder ich finde einen Umgang damit, oder das Projekt kippt an ein paar Insekten.
Damals schloss ich innerlich eine Art Abmachung: Ich bin hier durch euer Revier unterwegs. Ihr dürft um mich herumfliegen, ihr dürft auf mir sitzen. Aber ihr dürft mich nicht beißen. Ich tue euch nichts, wenn ihr mich in Ruhe lasst. Es klingt seltsam, aber es hat funktioniert. Gebissen hat mich keine mehr.
An diese Abmachung erinnerte ich mich, schaute die Zecken in meiner Tasse an und schloss mit ihnen den selbe Deal. Dann trug ich sie weit weg und setzte sie auf einem Baumstamm aus. Am nächsten Morgen krabbelte eine weitere auf mich zu, später las ich drei weitere von meiner Kleidung ab. Ganz weg war die Angst nicht – auch jetzt beim Schreiben juckt es mich an manchen Stellen –, aber sie war auf ein Maß reduziert, mit dem ich leben konnte. Und ich blieb ruhig.
Neben den Zecken haderte ich weiter mit dem Ort. Es war kein „Energieort“. Nicht der Platz, an dem man sich eine Visionssuche erträumt. Gegen Mittag schleppte ich mich noch einmal ein Stück herum, aber es war wie am Vortag: kein Ruf. Und irgendwann verstand ich: Es ging nicht um den einen perfekten Platz. Es ging um den Wald, in dem ich war.
Dieser Wald war gezeichnet. Vom Borkenkäfer, von den Rodungen, von Maschinen. Überall Baumstümpfe, tiefe Spuren von Vollerntern, Haufen aus abgesägten Ästen. Es stimmte mich traurig. Weil ich wusste: Dieser kaputte Wald ist eine Folge des Klimawandels. Zu heiße Sommer, geschwächte Fichten, Monokultur – der Käfer hatte leichtes Spiel. Und plötzlich war da diese ganze Kette: unser Lebensstil, unser Konsum, die aufgeheizte Atmosphäre, die Bäume, die fallen. Die Gedanken machten mich zunehmend schwer.
Und dann wurde mir klar: Wenn ich die nächsten drei Tage hier sitze und nur Trübsal blase, wird diese Visionssuche sehr ernüchternd. Aber zugleich regte sich etwas in mir, das sich dagegen wehrte. Nicht gegen die Traurigkeit an sich, sondern dagegen, ihr die ganze Bühne zu überlassen.
Dieser Wald spiegelte mir im Kleinen etwas wider, das ich in den letzten Monaten auf meiner Reise immer wieder bemerkt und in verschiedenen Formen auch hier im Blog beschrieben habe.
Hatte ich in den letzten Monaten nicht unzählige Wälder gesehen, durchzogen von den tiefen Spurrillen der Maschinen? Und aus vielen Quellen getraue ich mich inzwischen nicht mehr, Wasser zu nehmen, weil ich zu oft Traktoren mit riesigen Güllefässern gesehen habe. Fast nirgendwo ist es wirklich still. Je stiller man selbst wird, desto deutlicher merkt man das.



Ich habe die Natur in Deutschland oft „bluten“ sehen. Und doch habe ich immer wieder einen Umgang gefunden. Weil ich neben der Zerstörung auch das gesehen habe, was trägt. Selbst im tiefsten Winter: ein Mäusebussard, der seine Kreise zieht. Gänse auf einer eisfreien Stelle. Das Rauschen von Blättern. Kleine Dinge, die Kraft geben.
Und auch dieser Wald war nicht verloren. Er war verwundet. Aber er begann schon wieder, sich zu heilen. Als Erste waren es die Vögel. Ein Paar Kolkraben kreiste über mir. Eichelhäher flogen aufgeregt hin und her – Wächter des Waldes, die Samen verteilen, ohne es zu planen. Ich brauchte nur nach oben zu schauen, und plötzlich war da ein anderer Wald in mir, einer, in dem Leben möglich ist.


Sogar die Brombeeren sah ich mit anderen Augen. Manuel auf dem Örkhof hatte mir erklärt, dass Brombeeren den besten Kompost machen: lockere, nährstoffreiche Erde, Grundlage für vieles. Hier waren sie keine Plage, sondern Heilerinnen. Sie hielten den Boden, schützten vor Erosion, bereiteten Humus. Sie machten ihn wieder bereit. So lag ich auf meinem Platz, hörte den Vögeln zu und sah die Knospen der jungen Bäumchen, die gerade ihre ersten winzigen Blättchen entfalteten.
Ich bin mit Fragen in den Wald gekommen. Was wird aus mir, wenn dieses Projekt vorbei ist? Kehre ich zurück in ein Leben mit mehreren Jobs, die das Überleben sichern, aber Kraft kosten? Wie finde ich eine Form, die tragfähig ist?
In diesem Wald wurde mir etwas bewusst, das ich in den letzten Monaten gelernt habe: Ich kann das Schwere sehen, das Leid, die Zerstörung. Ich kann traurigen Geschichten zuhören. Ich sehe politische Missstände. Ich muss nichts davon verdrängen. Und trotzdem gehe ich daran nicht kaputt. Weil ich gelernt habe, den Raum zu weiten. Auch das Gute wahrzunehmen, ohne das Schwere kleinzureden. Den Fokus zu steuern, nicht um zu flüchten, sondern um Kraft zu haben, es überhaupt halten zu können.
Vielleicht ist das das Entscheidende: Dass man in Zeiten, in denen alles düster wirkt, nicht die Augen verschließt, aber auch nicht im Dunkel stecken bleibt. Dass Hoffnung nicht Naivität ist, sondern eine Haltung, die Handlung möglich macht.
Was auch immer nach dieser Reise kommt: Diese Tage im Wald haben mir gezeigt, wie ich mit meinen Ängsten umgehen kann. Nicht, indem ich sie wegdrücke, sondern indem ich ihnen ihren Platz gebe und dann weiter schaue. Ich spüre, dass da etwas in mir gewachsen ist, das mir neue Räume öffnet.
Und vielleicht ist das ein gutes Bild für mich, gerade jetzt: Ein Wald, der verwundet ist und der trotzdem wieder austreibt. Kein Märchenwald. Aber ein Ort, an dem Leben beginnt.