Tage 258–259 – Das Ende der Visionssuche: Vom Vertrauen ins Entstehen und einem Deal mit der Angst

Am dritten Tag ging es mit meinen Kräften langsam bergauf, aber weite Strecken konnte ich noch nicht gehen. Nach einem Spaziergang von einem Kilometer zum Waldrand und zurück war ich zwar erschöpft, doch der Kopf wurde klarer. Gedanken, die in den ersten Tagen nur wie lose Fäden herumlagen, begannen sich zu bündeln. Und mit dieser Klarheit kam eine neue Frage: Was mache ich mit der Erkenntnis der ersten Tage?
Der Wunsch wuchs in mir, weiterzugeben, was ich in diesem Jahr erfahren habe. Gleichzeitig stand sofort die nächste, sehr praktische Frage im Raum: Wie? Als Künstler? Als Achtsamkeitslehrer? Als Autor, der ein Buch darüber schreibt? Ist das, was ich hier tue, überhaupt noch Kunst? Und wie soll ich damit später meinen Lebensunterhalt bestreiten? Wenn ich nach Hause komme, wird mich ein leeres Konto erwarten. Meine Rücklagen gibt es nach einem Jahr praktisch keine.
Die Antworten lagen, wie so oft, in den vergangenen Monaten. Habe ich nicht gelernt, dem Entstehen zu vertrauen? Eine Richtung einzuschlagen, ein Ziel zu haben – und gleichzeitig nicht wissen zu müssen, was mir auf dem Weg dorthin begegnet? Auch meine Kategorien haben sich längst verschoben. Ich war Pilger, Wanderer, Künstler, Zuhörer, Achtsamkeitslehrer, Abenteurer – manchmal alles an einem Tag. Spielt es wirklich noch eine Rolle, welches Etikett ich trage, wenn ich wieder zu Hause bin? Muss ich mich wieder in Schubladen zwängen, oder kann ich sie offen lassen und schauen, wohin das Leben mich führt?
Wenn ich das so schreibe, klingt es schlüssig. Fast zu schlüssig. Als wäre alles leicht. In diesen Tagen im Wald war es tatsächlich so, dass ich eine tiefe Gewissheit gespürt habe: Das wird schon. Und manchmal spüre ich sie auch jetzt – von Moment zu Moment.
Und dann gibt es die anderen Tage. Da fühlt sich der Gedanke an das Zurückkommen schwerer an als das Losgehen. Damals hatte ich ein Konzept, einen klaren Weg. Jetzt habe ich eher eine Richtung – und manchmal entzieht sich selbst die. Das sind die Tage, an denen die Angst wieder auftaucht.
Vielleicht muss ich mit ihr einen Deal machen, wie mit den Zecken. Sie darf da sein. Sie darf mich begleiten. Sie darf sich sogar auf mich setzen. Aber sie darf mich nicht beißen.
Und wenn doch? Was wäre schon dabei? Von einem Zeckenbiss stirbt man in der Regel nicht. Man dreht sie heraus, desinfiziert, es juckt ein paar Tage – und das Leben geht weiter.
Wäre es doch immer nur so einfach.

Mit den wachsenden Kräften begann ich an den letzten beiden Tagen, einen Steinkreis um mein Lager zu legen. Überall im Wald lagen weiße Quarzsteine herum. Am Anfang legte ich sie in Abständen von 30 bis 40 Zentimetern aus. Mit zunehmender Energie kam der Ehrgeiz, den Kreis wirklich zu schließen. Vielleicht sollte er den Platz „energetischer“ machen, vielleicht die Zecken fernhalten, vielleicht war es einfach nur ein Ritual, das mir gut tat. Ob es hilft? Keine Ahnung. Aber es fühlte sich richtig an.
Zur Visionssuche gehört auch eine letzte Nacht, in der man bewusst auf Schlaf verzichtet. Man gibt nicht nur Essen und Ablenkung auf, sondern auch die letzte Komfortzone: den Rückzug in den Schlaf. Man setzt sich der Nacht aus – den Gedanken, den Geräuschen, dem eigenen Innenleben.

Weil die Nächte noch unter null Grad waren und mir klar war, dass ich um den Schlafsack nicht herumkomme, baute ich mir einen Stuhl. So konnte ich im Schlafsack sitzen, ohne mich hinzulegen – denn dann wäre ich wahrscheinlich sofort eingeschlafen. Bis ein Uhr nachts hielt ich es ohne Schlafsack aus. Leider hörte ich die Dorfglocke läuten und hatte dadurch eine ungefähre Orientierung. Dann wurden die Füße zu Eisklötzen, und ich setzte mich in den Schlafsack.
Der Sternenhimmel war fantastisch. Später ging der Mond auf, und dann wurde er mein Fixpunkt, dem ich durch die Nacht folgte. In einer Nacht ohne Sterne und Mond – in völliger Finsternis – stelle ich mir das unendlich schwer vor. Vielleicht bekommen dann die Geräusche eine andere Bedeutung. Oder das Innenleben.
Ein paarmal bin ich eingenickt. Nie lange. Als die Morgendämmerung kam, war ich überglücklich. Diese lange Nacht hinter mir zu haben, war eine besondere Erfahrung. Große neue Erkenntnisse brachte sie mir nicht – außer einer sehr schlichten: Ich sollte mich öfter nachts auf eine Wiese legen, in die Sterne schauen und ihnen zuhören. Sie haben viel zu erzählen. Aber das wäre wieder eine andere Geschichte.
Als die Sonne aufging, packte ich zusammen und machte mich auf den Rückweg. Meine Kräfte waren – trotz der durchgemachten Nacht – wieder da. Leichten Schrittes ging ich ins Dorf, schrieb Katrin kurz, dass alles gut gegangen ist und ich wohlbehalten zurück bin. Ich duschte, wollte mich dann eigentlich hinlegen. Doch Katrin hatte inzwischen Essen gekocht, um das Fasten zu brechen: gekochtes Gemüse, Apfelmus und für später ein Kichererbsen-Curry. Katrin verwöhnte mich.

Ich aß das Gemüse und das Apfelmus, und beides schmeckte so unglaublich intensiv. Nach dem Fasten nahmen meine Geschmacksknospen jede Nuance überdeutlich wahr. Was für ein Genuss. Ich fühlte mich, als säße ich in einem Sternerestaurant.
Und dann konnte ich nicht mehr schlafen. Ein krasser Kontrast zu den ersten beiden Tagen der Visionssuche, in denen ich kaum richtig wach geworden bin. Mein Kopf musste erst einmal verarbeiten, was in den letzten Tagen passiert war. Das Essen wirkte wie ein Energieschub. Nach zwei Stunden Hin- und Herwälzen stand ich auf, setzte mich hin, schrieb – und machte dann leider auch die E-Mails auf. Ich las Nachrichten. Und ehe ich mich versah, war ich wieder mitten im Alltag.

Am späten Nachmittag fand im SELBSTGEMACHT eine Veranstaltung zum Weltgebetstag statt. Aus mehreren Gemeinden sollten Leute kommen, es gab einen Gottesdienst und danach ein Buffet. Katrin hatte mich eingeladen, dazuzukommen, wenn ich Lust hätte. Einige waren über mich und mein Schweigen informiert. Wenn ich wollte, konnte ich mein Zuhören anbieten.
Weil die Müdigkeit nicht zurückkam und ich nicht noch länger vor dem Bildschirm sitzen wollte, ging ich hinunter. Ich wurde im herzlichsten Thüringerisch empfangen – als würde ich dazugehören, obwohl ich nicht sprach.
Beim Weltgebetstag geht es jedes Jahr um ein bestimmtes Land. Es wird von Lebenssituationen erzählt, für Menschen wird gebetet und es wird gesammelt. In diesem Jahr ging es um Nigeria – um Frauen, die durch Konflikte, Kriminalität oder Drogen ihre Ehemänner verloren haben, plötzlich mit ihren Kindern aus der Gesellschaft fielen, kaum Rechte hatten, kaum Schutz. Und darum, wie sie gelernt haben, sich zusammenzuschließen und einander zu tragen. Eine Bewegung, die Selbstwirksamkeit schafft, wo vorher Ohnmacht war.
So saß ich nach einer Visionssuche in einem kleinen thüringischen Dorf, in einer christlichen Veranstaltung, und hörte von Leid und Widerstandskraft nigerianischer Frauen. In was für Welten ich mich innerhalb weniger Stunden bewegte. Und wieder musste ich spüren, wie schnell man innerlich Bilder hat – und wie gut es ist, sie immer wieder zu verlieren. Mit so einem Thema, mit so einer Weite, hätte ich hier ehrlich gesagt nicht gerechnet. Der volle Spendenkorb am Ende beschämte mich – nicht wegen der Menschen dort, sondern wegen meiner eigenen Vorstellungen.
Schon vor der Visionssuche zeichnete sich ab, dass ich wenige Tage später eine weitere Station in Selbitz, in Oberfranken, haben würde, die mir persönlich sehr wichtig war und sich terminlich nicht verschieben ließ. Ich musste also am nächsten Tag weiterziehen. Das war alles andere als ideal. Ich hätte es lieber sacken lassen, länger bleiben, mit Katrin sprechen, reflektieren.
Katrin hatte mir angeboten, mich noch ein paar Tage auszuruhen. Es wäre gut gewesen. Und doch wusste ich: Ich muss weiter.
Wir wollten am nächsten Tag wenigstens noch gemeinsam zu Mittag essen. Eine ihrer Mitarbeiterinnen war dabei, ein junges Mädchen, das gerade die Schule abgeschlossen hatte und nun ein freiwilliges ökologisches Jahr im SELBSTGEMACHT machte. Beim Essen fragte sie mich, ob ich im Wald keine Angst gehabt hätte – dass mir etwas passiert, dass ich stürze, mir den Fuß breche.
Ich schrieb zuerst auf mein Tablet, dass ich mir darüber im Vorfeld kaum Gedanken mache. Dann merkte ich, dass diese Antwort für sie wahrscheinlich zu leer wäre – denn sie machte sich ja genau diese Gedanken. Also ergänzte ich:
„Wenn du vor jeder Autofahrt überlegst, was alles passieren kann, dann kannst du nicht mehr Auto fahren.“
Wenn ich hätte sprechen können, hätte ich das vielleicht noch weiter ausgeführt: dass es im Wald, wie im Straßenverkehr, Regeln gibt. Dass Ausrüstung wie ein Sicherheitsgurt sein kann. Und dass man das Draußensein lernen kann – über Jahre. Aber das blieb alles ungesagt, war auch nicht wichtig, weil sie kurz nachdachte und dann sagte: „Ah. Das ist wie, wenn man morgens im Bett liegt und überlegt, was einem heute alles Schlimmes passieren könnte. Wenn man das macht, wird das bestimmt kein guter Tag.“
Da wusste ich: Sie hat mich auf ihre Weise verstanden. Und sie nimmt etwas mit.
Es gab das obligatorische Foto, eine sehr herzliche Verabschiedung – und dieses Gefühl, sich von einem besonderen Ort losreißen zu müssen. Ich wäre gerne länger geblieben. Aber es gab einen Ruf, dem ich folgen musste, so schwer es mir fiel.
Danke, Katrin, für diese Tage im SELBSTGEMACHT, für die wunderbare Gastfreundschaft – und dass du mich bei meiner „Zuhörstation“ im Wald unterstützt hast.

Anmerkung:
Falls jemand Lust bekommt, eine Visionssuche zu machen, würde ich nicht empfehlen, es so zu tun wie ich – beim ersten Mal einfach allein loszugehen. Mit guter Vor- und Nachbereitung kann so ein Erlebnis noch einmal ganz anders getragen und eingeordnet werden. Bei begleiteten Visionssuchen gibt es außerdem ein Sicherheitsnetz: Man ist zwar mehrere Tage und Nächte allein, aber über vorher vereinbarte Zeichen oder kurze Rückmeldungen wird sichtbar, dass es einem gut geht. Und mit dieser behutsamen Vorbereitung können auch Menschen teilnehmen, die wenig oder keine Erfahrung mit Fasten, Naturaufenthalt oder Schwellengängen haben.