Tage 262–264 – Selbitz: Den Erinnerungen meiner Kindheit zuhören

Mein nächster Halt sollte die Christusbruderschaft in Selbitz sein. Ein evangelisches Kloster, wobei sie sich dort Communität nennen, und die Frauen nicht Nonnen, sondern Schwestern. Ich hatte einige Tage zuvor angefragt, ob ich mit meinem Projekt für zwei bis drei Tage willkommen sein kann. Weil am Wochenende alles ausgebucht war, blieben am Ende nur zwei Nächte. Für mich war das trotzdem wichtig. Selbitz hat eine große Bedeutung in meiner Kindheit und Familiengeschichte. Und genau deshalb war ich in Arnsgrün so abrupt aufgebrochen, um diese Möglichkeit nicht zu verpassen.
Von Arnsgrün nach Selbitz waren es ungefähr sechzig Kilometer. Weil ich im SELBSTGEMACHT erst nach dem Mittagessen loskam, wurde es eine lange Etappe durchs Vogtland, über die ehemalige innerdeutsche Grenze nach Oberfranken, dazu viele Höhenmeter. Ich war überrascht, wie gut mein Körper das wegsteckte – einen Tag nach dem Fastenbrechen, als wäre nichts gewesen.
Am Morgen vor Selbitz bekam ich eine Nachricht von Flavia, die mich emotional ziemlich mitnahm. Ich merkte, wie sensibel ich nach den Tagen im Wald geworden war. Wie nah am Wasser. Dinge trafen mich schneller und tiefer, als ich es von mir kenne.
Die Idee für diese Station war eigentlich simpel: Ich wollte an diesen Ort meiner Kindheit zurückkehren, den Erinnerungen zuhören, und falls sich Schwestern auf mich einlassen würden, auch hören, was sie mir erzählen. Dass mich diese Idee später so herausfordern würde wie kaum eine andere Station auf dieser Reise, war mir nicht klar.
Selbitz ist in meiner Erinnerung ein Ort des Guten, in einer Kindheit, die alles andere als leicht war. Meine Eltern haben ein altes Bauernhaus übernommen und grundsaniert, ohne finanzielle Spielräume, vieles in Eigenarbeit. Mein Vater hatte Diabetes und dadurch starke Stimmungsschwankungen, die häufig in Unterzucker endeten. Es gab Unfälle, Momente, in denen er nicht ansprechbar war. Meine Mutter versuchte, alles aufzufangen und zu kontrollieren.
Dazu kam das Engagement meiner Eltern im Blauen Kreuz, einer christlich geprägten Suchthilfe. Zeitweise lebten bei uns drei bis fünf alkoholabhängige Männer, die auf einen Platz in einer Entziehungsklinik warteten oder gerade aus einer kamen und die Zeit bei uns nutzten, um ihr Leben zu ordnen. Sie halfen im Gegenzug auf der Baustelle und waren oft meine Babysitter. Als Kind hatte ich keinerlei Berührungsängste; sie haben mir viel Aufmerksamkeit gegeben.
All das – die Krankheit meines Vaters, drei Kinder, Hausbau und die Verantwortung für andere – führte bei meiner Mutter irgendwann in eine völlige Überlastung. Als später auch noch meine Oma zum Pflegefall wurde, eskalierte die Situation und meine Mutter entschied sich für die Trennung. In einem sehr christlichen Umfeld war das damals, vor fast vierzig Jahren, noch einmal schwerer, als es ohnehin schon ist.
In den Jahren vor der Trennung meiner Eltern war Selbitz auf Familienfreizeiten unser Feriendomizil. Und obwohl ich mich an vieles aus den ersten Jahren kaum erinnere, ist dieser Ort in mir als hell abgespeichert, als würde dort etwas aufatmen, was zu Hause ständig unter Spannung stand. Als Kind galt ich als Zappelphilipp, still sitzen war nicht mein Ding. Dort, bei den Schwestern, war ich anscheinend wie ausgewechselt. Vor allem bei meiner Lieblingsschwester Rose konnte ich plötzlich still sein. Von den Schwestern ging Herzlichkeit aus, aber auch eine Klarheit, etwas Bestimmtes, das mich offenbar schon damals angezogen hat, auch wenn ich das nur aus Erzählungen weiß.
Als ich meiner Mutter zwei, drei Wochen zuvor schrieb, dass ich Selbitz besuchen möchte, war sie sofort begeistert. Sie schickte mir eine lange Sprachnachricht und sagte einen Satz, der bei mir hängen blieb: „Dort ist Gott zu Hause.“ Sie klang dabei so überzeugt, dass ich neugierig wurde: Woran lässt sich so etwas festmachen?

Als ich nun das erste Mal seit 38 Jahren wieder ankam, war sofort dieses Gefühl von Ankommen da. Ich kam durch den Wald, in dem wir Hütten gebaut hatten, vorbei am Sportplatz. Das Gästehaus. Als ich durch die Tür ging, fühlte es sich an, als wäre ich nicht wirklich weg gewesen. Vielleicht hat sich tatsächlich wenig verändert. Vielleicht war es auch mein Körper, der Gerüche und eine bestimmte Energie wiedererkannte.
An der Pforte lag der Schlüssel für mein Zimmer. Auch das Zimmer kam mir merkwürdig vertraut vor. Um 17:30 Uhr wurde zum Abendgebet gerufen, mit einem elektrischen Gong. Dieses Geräusch traf mich wie eine alte Schulglocke: Jahrzehnte nicht gehört, und trotzdem sofort da, mitsamt allem, was daran hängt.

Ich wollte in diesen Tagen an den Gebeten teilnehmen, um das Leben der Communität als Erwachsener kennenzulernen, mit neuen Augen. Die Kapelle war still, außer mir und den Schwestern waren nur noch zwei weitere Gäste da. Ich saß da, lauschte dem Liturgie-Gesang, bis ein Lied aus dem Gesangbuch angestimmt wurde: „Jesu, geh voran“.
Schon die ersten Töne trafen mich. Ich bringe kaum ein anderes Lied so sehr mit meinem Vater und mit dem religiösen Erbe dieser Zeit in Verbindung. Und ich verbinde damit Schwere. Nicht unbedingt wegen des Textes, den ich als Kind wahrscheinlich gar nicht wirklich verstanden habe, sondern wegen der Art, wie mein Vater es gesungen hat. Diese Stimme, diese Wucht, dieser Schwermut.
Und plötzlich war er da. Nicht als Gedanke, sondern als Präsenz. Ich weiß nicht, wie ich das anders sagen soll. Vielleicht war es Einbildung. Vielleicht Übermüdung. Vielleicht war ich nach den Tagen allein im Wald einfach offen wie selten. Aber in diesem Moment war ich mir sicher, dass er neben mir sitzt. Und ich hörte ihn, wie er früher mit seiner kräftigen Stimme alles übertönt hat. Ich hörte diese Schwere. Und ich verstand sie zum ersten Mal. Ich verstand, warum er dieses Lied so oft gewählt hat.
Er hat in seinem Leben viel gelitten. Als uneheliches Kind, als Jugendlicher in der Nachkriegszeit, geprägt und traumatisiert von Erfahrungen, die er nie wirklich bewältigen konnte – und später, nach der Scheidung, als sein Leben in sich zusammenbrach, fand er keinen lebensbejahenden Umgang damit. In diesem Moment habe ich seinen Schmerz zum ersten Mal wirklich verstanden, und mir wurde klar, warum dieses Lied für ihn so wichtig war. Da brach etwas in mir auf. Ich konnte die Tränen nicht mehr halten.
Vielleicht habe ich seit seinem Tod vor vierzehn Jahren zum ersten Mal wirklich um ihn geweint. Da war keine Wut mehr, kein altes Gemisch aus Mitleid und Trauer. Es war nur noch Mitgefühl. Ein Mitgefühl, das meinen ganzen Körper füllte.
Beim Abendessen kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit einer Schwester, die mich willkommen hieß. Ich konnte nicht anders, als schriftlich davon zu berichten, was in der Kapelle passiert war, und ich weinte wieder. Es tat gut, den Tränen Raum zu geben und jemanden zu haben, mit dem ich diese Erfahrung teilen konnte.
Am nächsten Morgen besuchte mich Schwester Rose. Wir mussten beide lächeln, weil klar war: Auf der Straße hätten wir uns wohl nicht erkannt. Sie ist inzwischen 83, klein, gebrechlich, vom Alter gezeichnet, und gleichzeitig voller wacher Energie. Sie fragte, wie es mir geht. Ich schrieb ihr, wie vertraut sich alles anfühlt. Und ich erzählte ihr von dem Lied und von dieser „Begegnung“ mit meinem Vater. Sie sah mich lange an, sehr aufmerksam, und sagte dann, dass ich vielleicht durch das Schweigen sensibler für Dinge geworden bin, die andere nicht wahrnehmen.
Schwester Rose war geistliche Begleiterin für meinen Vater und auch für meine Mutter. Sie kannte unsere Familiengeschichte gut. Sie erzählte von den letzten Besuchen meines Vaters hier, von seiner Lebensmüdigkeit, von den Unterzuckerungen, von den Momenten, in denen er ohnmächtig gefunden wurde und der Krankenwagen kommen musste. In ihrer Stimme lag kein Vorwurf. Nicht gegenüber ihm. Nicht gegenüber meiner Mutter. Nicht wegen der Scheidung. Da war nur Mitgefühl.
Ich schreibe das so offen, weil es Teil dessen ist, was dieses Schweigen mit mir macht. Ich habe lange überlegt, ob ich das so erzählen soll. Wie weit gehe ich in die Details. Was hat das noch mit meinem Kunstprojekt zu tun. Ist das nicht zu privat. Und berührt es nicht etwas, das sich rational nicht eindeutig festhalten lässt.
Am Ende spielt es für mich keine entscheidende Rolle, ob mein Vater „wirklich“ neben mir saß oder ob sich in mir etwas so verdichtet hat, dass es sich wie Präsenz anfühlte. Entscheidend ist, was es in mir ausgelöst hat.
Ich bin losgegangen, um Geschichten anderer Menschen zu hören. In Selbitz habe ich verstanden, dass dieses Zuhören auch nach innen geht. Dass Erinnerungen auftauchen können – und dass ich ihnen durch meine Stille Raum geben kann, ohne mich darin zu verlieren.
Vor nicht allzu langer Zeit hätte ich das wahrscheinlich nicht zugelassen. Ich hätte abgewiegelt, mich abgelenkt, dichtgemacht. Es wäre so einfach gewesen, diese Begegnung als etwas Irrationales abzutun. Nicht bewusst, sondern aus einem Schutzmechanismus heraus und aus der Angst, dass da etwas hochkommt, dem ich nicht gewachsen bin.
In Selbitz kamen viele Erinnerungen. Auch die schwierigen. Und ich konnte dableiben. Ich konnte weinen. Ich konnte mitfühlen, ohne mich darin zu verlieren. Ich konnte dem Schmerz des Kindes, das ich einmal war, zuhören, ohne dass er heute wieder zu meinem eigenen wurde. Er durfte da sein.
Durch das Zuhören in den letzten Monaten habe ich gelernt, den Raum nicht nur für andere zu halten, sondern auch für mich: nichts wegzuschieben – und trotzdem da zu bleiben.
Es war wohltuend, weil ich gemerkt habe, dass sich etwas gelöst hat. Dass etwas weicher geworden ist. Dass ich Frieden mit meinem Vater schließen konnte, obwohl mir vorher gar nicht bewusst war, wie viel davon noch unter der Oberfläche lag.

Am zweiten Abend bot mir Schwester Wiebke an, mir ihre Geschichte zu erzählen. Sie war es, die mich am ersten Abend in Empfang genommen hatte. Da wir der gleiche Jahrgang sind, interessierte es mich besonders, was sie dazu bewegt hatte, ins Kloster zu gehen. Ich stellte die Frage nicht direkt, sondern war einfach gespannt, was sie teilen würde – und es wurde genau die Erzählung ihrer Berufung.
Mehrfach betonte sie, dass ihr früher nie in den Sinn gekommen war, einmal Nonne zu werden. Sie verfolgte einen völlig anderen Lebensentwurf, bis sie mit diesem immer mehr ins Hadern geriet. In ihrer Geschichte ging es ums Loslassen, darum, das Leben nicht mehr selbst kontrollieren zu wollen, sondern es anzuvertrauen. Und plötzlich ergaben sich Dinge, taten sich Türen auf, mit denen sie vorher nie gerechnet hätte, bis sie schließlich in Selbitz landete.
Schwester Wiebke ist eine wunderbare Erzählerin. Ich habe die Wendungen ihres Weges innerlich so mitvollzogen, als würde ich sie selbst durchleben. Es war eine Schilderung, die mich tief berührte – vor allem, weil ich in den Tagen zuvor an meinem Text über Jena geschrieben hatte, in dem es ebenfalls um das Vertrauen ins Leben ging. Nur verwendete sie als Nonne ein ganz anderes Vokabular als ich. Doch im Kern meinten wir das Gleiche.
Zum Abschluss segnete sie mich und gab mir selbstgemachtes Knuspermüsli und Studentenfutter als Wegzehrung mit auf den Weg. Diese Begegnung mit einer so lebensfreudigen und herzlichen Schwester hat mich zutiefst beseelt. Nach all den schweren Erinnerungen dieses Tages fühlte ich mich plötzlich wieder leicht, erfüllt und dankbar, mich an diesen Ort begeben zu haben.
Was Selbitz für viele Menschen zu so einem Kraftort macht, ist die tiefe Herzlichkeit dieser Gemeinschaft. Während meiner Tage dort habe ich – auch an den Nebentischen bei den Mahlzeiten – immer wieder wahrgenommen, was für großartige Zuhörerinnen und Seelsorgerinnen diese Schwestern sind. Jeder Mensch ist hier willkommen, ganz egal, welche Lasten oder Geschichten er mitbringt. Von dieser Fähigkeit, den Raum für andere so weit zu öffnen, geht eine enorme Stärke aus. Es ist eine besondere Qualität, die diesen Ort so kostbar macht. Neben vielen anderen. Und zu der ich bestimmt einmal zurückkehren möchte.
Danke an die Schwestern, besonders an Schwester Rose und Schwester Wiebke, für die herzliche Aufnahme, für ihre Erzählungen und dafür, dass an diesem Ort auch meine Erinnerungen Raum haben durften.