Tage 278 - 281 – Zu Gast im Haus Werdenfels – Ein Ort für Stille und Begegnung

Ins Haus Werdenfels bin ich über Manuela gekommen. Sie bietet wie ich achtsame Wanderungen durch die Natur an und hat über eine ihrer Teilnehmerinnen von mir erfahren. Manuela war gleich sehr begeistert von meinem Projekt und schrieb mir schon, als ich noch auf der Höhe von Leipzig war, dass sie mir behilflich sein könnte, falls ich über Regensburg gehen und in die Nähe ihrer Heimat kommen würde.
Als dann tatsächlich klar war, dass ich über Regensburg gehen würde, setzte sie sich im Haus Werdenfels dafür ein, dass ich dort für zwei bis drei Nächte als Gast aufgenommen werde und die Kosten vom Haus übernommen werden. Das hat mich sehr gefreut, denn meine nächste Unterkunft in Regensburg war erst Ende April möglich. Ich hatte also ein paar Tage zu überbrücken oder hätte mein Tagespensum deutlich heruntersetzen müssen, um nicht viel zu früh dort anzukommen.
Wieder war es ein völlig unerwartetes Geschenk, das mir nach so vielen Wandertagen ohne Unterbrechung von Hof durch Oberfranken und das Fränkische Jura genau zur rechten Zeit begegnete, fast so, als hätte ich diesen Aufenthalt im Voraus geplant. Und als dann auch noch für dieses Wochenende Regen und sogar Schnee angekündigt waren, war ich umso dankbarer für die Möglichkeit, dort ein wenig zur Ruhe zu kommen. Mein Plan war, in diesen Tagen auch den Text über Selbitz fertigzustellen, der mich viel Kraft gekostet hat. Ich war mir überhaupt nicht sicher, was ich davon erzählen möchte und wie darauf reagiert werden würde. Und trotzdem gab es da eine Stimme in mir, die sagte, dass es wichtig ist, auch solche Begebenheiten zu teilen.
Manuela arbeitet an der Rezeption des Hauses, und so war es gleich aus doppeltem Grund mein erster Gang dorthin. Dort fand ich sie und wurde von ihr so begrüßt, als würden wir uns schon sehr lange kennen: mit einer festen und freudigen Umarmung, wie nach einem langen Wiedersehen.
Da Freitag und damit An- und Abreisetag war, gab es noch einige Leute, die ein- und auschecken mussten, bevor sie mir mein Zimmer zeigen konnte. Dabei fiel mir auch auf, dass ich nicht der Einzige war, den Manuela hier mit einer Umarmung begrüßte oder verabschiedete. Später erzählte sie mir, dass viele Gäste schon öfter da gewesen seien und man einen sehr herzlichen Umgang mit ihnen pflege. Es wirkte nichts aufgesetzt. Diese Herzlichkeit schien einfach zum Haus zu gehören.
Bis zum Abend hatte Manuela noch an der Pforte zu tun, und ich nutzte die Zeit, um zu schreiben, zu duschen und etwas zu essen. Später holte sie mich in meinem Zimmer ab, erzählte mir unterwegs die Geschichte des Hauses und brachte mich in die moderne Kirche.

Da ich aus einem evangelischen Elternhaus stamme, sind mir katholische Kirchen nur bis zu einem gewissen Maß vertraut. Und obwohl ich Kunst studiert habe, weiß ich eigentlich nur wenig über die Symbolik, die Gestaltung und die vielen Details, die in solchen Räumen mitgedacht sind. So bekam ich an diesem Abend gewissermaßen eine kleine Kirchenführung. Zum ersten Mal habe ich dabei so richtig begriffen, dass dort fast nichts zufällig ist. Alles hat eine Bedeutung, auch wenn sie von Epoche zu Epoche und von Kirche zu Kirche ganz unterschiedlich Gestalt annimmt. Schon allein die Tatsache, dass die Kirchentür kein Schloss hatte, mit dem man sie hätte verschließen können, war Ausdruck davon, dass es sich um eine Wallfahrtskirche handelt, die für jeden und zu jeder Zeit offen sein soll. Und das war nur eines von vielen Beispielen, die mir Manuela mit großer Begeisterung erzählte.
Auch die Geschichte des Hauses selbst ist besonders. Ursprünglich war es kein Wohnhaus, sondern ein Pavillon der Bayerischen Landesausstellung, der später an seinen heutigen Ort versetzt wurde. Im Lauf der Zeit wurde daraus eine geistliche Bildungsstätte. Heute ist Haus Werdenfels das zentrale Exerzitienhaus der Diözese Regensburg. Man spürt dort noch etwas von dieser Geschichte, zugleich aber auch, dass es kein musealer, sondern ein lebendiger Ort ist.

Das Leitbild des Hauses lautet: Stille, Meditation, Begegnung und Exerzitien. Genau deshalb hatte dieser Ort für mich so viel Berührung mit dem, was ich unterwegs lebe. Stille und Meditation sind ein Grundpfeiler meines Schweigejahres. Sie sind nicht nur etwas, das im Stillen für mich selbst stattfindet, sondern sie prägen auch die Begegnungen. Oft ist es gerade diese stille Präsenz und die Fähigkeit, einen Raum halten zu können, aus der heraus Menschen überhaupt erst anfangen zu erzählen. Und auch Exerzitien sind im Kern ein Übungsweg, in dem Schweigen und innere Ausrichtung eine zentrale Rolle spielen.
Während vielerorts christliche Seminarhäuser schließen müssen oder ihre Angebote zurückfahren, spürte ich hier etwas anderes. Haus Werdenfels wirkte lebendig. Die Kurse sind gut besucht, das Programm ist vielfältig, und im Haus liegt eine Selbstverständlichkeit, als wäre Stille hier nicht etwas Randständiges oder Sonderbares, sondern etwas, das Menschen heute tatsächlich suchen.
Das wundert mich nicht. Ich erlebe in vielen Gesprächen, wie groß die Sehnsucht nach Stille und Ruhe ist. Vielleicht nennen es nicht alle so, aber der Wunsch ist oft derselbe: einmal aussteigen aus diesem inneren Dauerlauf. Menschen, die nachts nicht schlafen können, die sich im Alltag verlieren, die merken, dass das Gedankenkarussell nicht mehr aufhört. Und weil wir selten gelernt haben, wie man wirklich zur Ruhe kommt, greifen viele zu dem, was schnell verfügbar ist: Ablenkung, Bildschirm, Scrollen, Betäubung, manchmal auch zu Alkohol und Drogen. Nicht, weil jemand schwach ist, sondern weil es nur wenige Orte gibt, an denen man niedrigschwellig wieder lernen kann, in sich selbst anzukommen.
Gerade deshalb beschäftigt mich seit dieser Reise immer wieder die Frage, warum die Kirchen das Feld der Stille und Meditation in den letzten Jahrzehnten so stark anderen Traditionen überlassen haben, obwohl sie selbst auf einer langen Geschichte von Rückzug, Kontemplation, Wüste, Kloster und Exerzitien aufbauen. Vieles davon ist noch da, aber im Alltag vieler Gemeinden kaum erfahrbar, während Yoga und buddhistische Meditationsgruppen regen Zulauf haben. Oft wirkt es auf mich, als sei Stille in der christlichen Tradition vor allem etwas für die „Profis“, für Mönche und Nonnen hinter Klostermauern, nicht aber etwas, das ganz selbstverständlich in den Alltag normaler Menschen gehört, als ob man Laien die Stille nicht zumuten möchte, gerade weil sie manchmal auch herausfordernd sein kann. In Gottesdiensten ist das Wort zentral, und das hat seinen Platz. Aber manchmal frage ich mich, wie ein Wort überhaupt noch ankommen soll, wenn Menschen längst übersättigt sind von Worten, Informationen und Reizen. Vielleicht braucht es in einer lauten Welt zuerst einen stillen Raum, in dem wieder gehört werden kann.
Gleichzeitig sehe ich, dass sich auch hier in den letzten Jahren etwas bewegt. Es gibt Exerzitien im Alltag, Meditationsabende, christliche Kontemplation, Menschen, die Brücken bauen zwischen verschiedenen Übungswegen, und eben Orte wie Werdenfels, an denen man einfach kommen, üben und still werden kann. Und ich denke, dass es in dieser lauten Welt noch viele weitere niedrigschwellige Angebote und Orte geben sollte. Nicht als Ersatz für Glauben, sondern vielleicht als eine Tür, durch die Menschen überhaupt erst wieder in Berührung kommen können.
Drei Nächte durfte ich dort sein. Für ein Kursprogramm war es zu kurzfristig, aber ich saß bei den Mahlzeiten mit Menschen zusammen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen hierhergekommen waren. Und ich merkte, dass auch ohne offizielles Seminar etwas entsteht: eine Atmosphäre, in der man sich schneller öffnet, in der man zuhören kann, ohne sofort reagieren zu müssen, und in der Stille nicht Druck macht, sondern trägt.
Mein Dank geht an Manuela, die mir diesen Aufenthalt ermöglicht hat, und an die Hausleitung, die die Kosten übernommen hat. Es waren Tage zum Durchatmen, zum Schreiben und zum Sortieren. Und sie haben mir noch einmal gezeigt, dass es sie gibt: diese Orte in der Kirche, an denen Stille nicht Randthema ist, sondern gelebte Praxis. Orte, deren Türen offenstehen. Vielleicht ist genau das heute schon viel.