Tage 281–284 – Zu Gast bei Paola in Regensburg

Vom Haus Werdenfels hatte ich Begleitung auf meinem Weg nach Regensburg. Anja, die mich schon im Herbst einmal für zwei Tage begleitet hatte und dafür extra von Stuttgart in die Nähe von Münster gereist war, kam nun ein zweites Mal, um ein Stück mit mir zu gehen. Damals hatte sie sich auf den ersten Kilometern noch gefragt, was sie da eigentlich tut und warum sie für eine Wanderung mit einem Schweigenden eine so weite Reise auf sich nimmt. Umso mehr hat es mich gefreut, dass sie nun wieder eine lange Anfahrt in Kauf nahm, um mich zu begleiten.

War ich über neun Monate fast ganz ohne Regen ausgekommen, was für mich immer noch ein kleines Wunder ist, so hatte sich das in den Tagen vor meinem Aufenthalt im Haus Werdenfels langsam geändert. Auch an diesem Morgen durch das Fränkische Jura, das mich mit seiner schönen Landschaft an vielen Stellen an die Schwäbische Alb erinnerte, begleiteten uns immer wieder leichte Regenschauer, die manchmal sogar in Schneeregen übergingen. Als meine Handschuhe feucht wurden und meine Hände dadurch zu Eiszapfen, und die Orte, an denen ich mich bei gutem Wetter hingesetzt hätte, um die Aussicht zu genießen, kalt und nass waren, wurde mir noch einmal bewusst, wovor ich in diesem Winter weitgehend verschont geblieben war.

Der Winter war kalt, und es gab verhältnismäßig viele Schneetage. Aber diese nasse Kälte knapp über null Grad, die einem langsam in die Knochen kriecht, hatte ich zum Glück so gut wie nie. Wahrscheinlich wäre das noch viel härter gewesen als die trockene Kälte, vor der ich mich mit vielen Schichten warmer Kleidung ganz gut schützen konnte. Meine schlecht durchbluteten Finger waren dabei immer meine Schwachstelle, auf die ich gut Acht gegeben habe. Frostbeulen an den Fingern habe ich tatsächlich erst jetzt im Frühling bekommen. Vielleicht auch, weil ich unachtsam geworden bin und gedacht habe: Der Winter ist vorbei. Was soll's.

In Regensburg hatte ich dann noch einmal zwei Tage Pause bei Paola, die mich bei sich zu Hause aufgenommen und mit leckerem Essen verwöhnt hat. Auch Paola gehört zu meinem Netzwerk der Achtsamkeitslehrer:innen. Sie hat mit mir die Ausbildung gemacht und bringt als Psychologin und Coachin noch einmal ganz eigene Sichtweisen auf mein Projekt mit.
Unsere Gespräche waren auf besondere Weise berührend. Paola hat Diabetes, so wie auch mein Vater Diabetes hat. Diese Krankheit hat unsere beider Lebensgeschichten stark geprägt, und sie erzählte mir, was es mit einem Menschen macht, wenn so vieles im Alltag beobachtet, geplant und kontrolliert werden muss. Vielleicht hat sie gerade deshalb so ein feines Gespür dafür, was mein Projekt bedeutet, in dem ich so vieles aus der Hand gebe und mich dem Weg und den Begegnungen anvertraue. Für sie, sagte sie, sei das kaum vorstellbar, und gerade deshalb bewundere sie es. Manchmal, erzählte sie, würde sie am liebsten all die Technik und Medizin zu Hause lassen und so frei und losgelöst reisen wie ich. Aber natürlich geht das nicht einfach so. Es war schön, ihr zuzuhören und zu erleben, wie persönlich und zugleich reflektiert unsere Gespräche wurden.
In Regensburg musste ich außerdem noch einiges Organisatorische erledigen. Unterwegs hatte sich die Beschichtung meiner Brillengläser gelöst, und ich habe immer trüber gesehen, was mich zunehmend gestört hat. Wenn der Kopf durchs Gehen klarer wird, sollte die Sicht nicht durch eine kaputte Brille getrübt werden. Schon in Dresden hatte ich deshalb einen Sehtest gemacht, was auch ohne Sprechen erstaunlich gut funktioniert hat. Ich hatte dabei sogar großen Spaß mit dem Optiker, der sehr beeindruckt von meinem Projekt war.
Eigentlich hätte ich die Brille mit den neuen Gläser in Leipzig abholen sollen. Doch ich war zu Fuß schneller dort als sie mit dem Kurier, sodass die Brille schließlich weiter nach Regensburg geschickt wurde. Wenn man nicht sprechen kann, ist die Organisation solcher Dinge oft mit erheblichem Aufwand verbunden. Manchmal musste sogar meine Projektmanagerin Becky für mich telefonieren, weil ich selbst nicht mehr weiterwusste.
Nun war die Brille also in Regensburg, und ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Gleitsichtgläser bekommen. Auch an mir geht das Altern leider nicht spurlos vorbei, und mit meiner alten Brille konnte ich auf dem Handy kaum noch etwas lesen. Die ersten Tage mit den neuen Gläsern waren allerdings nicht schön. Ich kam mir komplett verschoben und irgendwie neben mir vor. Ich hatte sogar das Gefühl, nicht mehr ganz klar im Kopf zu sein, weil sich auch mein Blick nicht mehr klar anfühlte.
Außerdem musste ich in Regensburg noch einmal meine Schuhe reparieren lassen. Die Schusterin traute ihnen allerdings nicht mehr zu, mich bis nach Hause zu tragen. Aber Totgeglaubte leben länger, und ich hoffe sehr, mit ihnen noch bis nach Stuttgart zu kommen. Und auch diese Frau wollte nur sechs Euro für die Reparatur. In Bayern scheint vieles teuer zu sein, aber als Wanderer seine Schuhe reparieren zu lassen, kann selbst ich mir hier noch leisten.
Paola zeigte mir außerdem noch ein wenig Regensburg. Mit den neuen Gläsern war das allerdings eine Herausforderung. Ich war froh, als wir uns in ein Café setzten und ich mich nicht mehr vorwärtsbewegen musste, es weniger zu sehen gab und ich mich wieder aufs Zuhören konzentrieren konnte. Das fiel mir in diesem Moment um vieles leichter.
Viel Zeit war nicht, um Regensburg besser kennenzulernen, und doch hat diese Stadt an der Donau sofort etwas in mir berührt. Es war eher ein erstes Streifen als ein wirkliches Kennenlernen. Umso mehr weiß ich: Hierher möchte ich zurück. Mit mehr Zeit und dann wieder sprechend.
Mein herzlicher Dank geht an Paola für die Tage bei ihr, ihre Offenheit und Fürsorge, und an Anja, die mich ein zweites Mal begleitet und mein Projekt auch darüber hinaus sehr großzügig unterstützt hat. Vielen herzlichen Dank!