Tage 285 - 289 – Von Weltenburg nach München - Unterwegs mit Christoph

Ich habe Regensburg kurz vor Ostern verlassen. Schönes Wetter war angekündigt, und ein besonders schöner Streckenabschnitt entlang der Donau lag vor mir. Da die Anreise von Stuttgart nach Regensburg nicht mehr allzu weit und kompliziert war und Flavia über die Feiertage ihr Yogastudio geschlossen hatte, hatte ich sie eingeladen, mich ein paar Tage zu begleiten. Ich hatte Hotels herausgesucht, in denen wir unterkommen konnten, Strecken gewählt, die nicht zu lang waren, und mich sehr auf ihre Begleitung gefreut. Vier Tage bevor es losgehen sollte, sagte sie die gemeinsamen Tage jedoch ab, weil es ihr nicht gut ging und sie sich nicht vorstellen konnte, mehrere Tage mit Rucksack unterwegs zu sein.

So machte ich mich schweren Herzens allein auf den Weg, entlang der Donau zum Kloster Weltenburg, das mit seiner unglaublich schönen Lage am Donaudurchbruch zu den Highlights der bisherigen Tour gehörte. Als Pilger konnte ich dort ein vergünstigtes Zimmer bekommen, und da meine Ankunft auf Karfreitag fiel, gab es im Kloster viele Feierlichkeiten mit den Liturgiegesängen der Benediktinermönche. So schön und beeindruckend all das war, lag über allem ein Schatten, weil ich es gern mit Flavia geteilt hätte und weil einfach alles so wunderbar gepasst hätte: das Wetter, die Landschaft, dieses besondere Erlebnis, einen solchen Festtag an einem Ort zu verbringen, an dem er noch einmal eine ganz andere Bedeutung bekommt.

Es waren Tage der Akzeptanz für mich. Immer wieder nahm mich die Traurigkeit ein, und immer wieder versuchte ich, sie loszulassen, einfach zu erleben, was gerade ist, die Natur zu genießen und den Gesängen der Mönche zu lauschen. Manchmal gelang mir das überraschend gut, und ich war ganz präsent. Dann wieder war alles weit weg, und ich mit meinen Gedanken ganz woanders. Da ich allerdings ohnehin vorhatte, eine Woche später von München aus für drei Tage nach Hause zu fahren, um Flavia zu sehen und einen Teil meiner Winterausrüstung gegen Sommerausrüstung zu tauschen, war auch klar, dass es bald ein Wiedersehen geben würde. Das letzte Mal hatten wir uns über Weihnachten und Neujahr gesehen.

Außerdem wusste ich, dass mich direkt nach Ostern Christoph begleiten würde, ein alter Freund aus Studienzeiten. Er konnte die Tage, die ich so gern mit Flavia verbracht hätte, natürlich nicht ersetzen. Aber es war trotzdem gut, gerade dann Begleitung zu haben, und noch dazu eine, die ich seit Langem kenne und auf die ich mich ebenfalls sehr freuen konnte.
Kennengelernt habe ich Christoph an der Kunstakademie Stuttgart. Wir waren beide im AStA und haben an vielen studentischen Projekten mitgewirkt, woraus über die Jahre eine enge Freundschaft entstanden ist. Als ich fünf Jahre in Brasilien gelebt habe und einmal im Jahr nach Deutschland kam, habe ich meist einige Tage bei Christoph verbracht. Und wenn ich ein neues Kunstprojekt geplant habe, war Christoph oft einer der Unterstützer, sei es durch ein Crowdfunding oder dadurch, dass er mir für den Slowwalk-Marathon sein Ferienhäuschen im Schwarzwald zur Verfügung gestellt hat, damit ich dort für eine Woche ein Trainingslager einrichten konnte. In den letzten Jahren war ich mit Flavia ein- bis zweimal im Jahr im Schwarzwald, um Christoph und seine Familie zu besuchen, weil auch Flavia immer mehr in diese Freundschaft hineingewachsen ist.
Christoph wollte ursprünglich eine Nacht in Regensburg verbringen und dann an Ostermontag zu mir stoßen. Spontan änderte er seinen Plan jedoch und suchte mich noch nach Einbruch der Dunkelheit mit dem Navigationssystem mitten im Wald auf, wo ich das Zelt schon aufgebaut und für uns beide etwas Leckeres gekocht hatte.

Am nächsten Morgen war wunderschönes Wetter, als wir durch die Hopfenanbaugebiete Oberbayerns wanderten, und Christoph war so angetan vom Gehen, der Landschaft und dem schönen Wetter, dass er meinte: Wenn ich so mit dir wandere, dann habe ich das Gefühl, dass du hier draußen die schönste Zeit verbringen kannst. Für diesen Moment war diese Aussage sicher richtig. Natürlich war auch ihm klar, dass ich nicht nur Sonnentage hatte. Aber das eigene Erleben, selbst wenn es nur wenige Tage sind, prägt eben doch das Bild vom Ganzen.


Christoph gehört auch zu den Menschen, die mir zu Projektbeginn gesagt haben: Daniel, ich möchte dich im Winter begleiten, in der Zeit, in der es hart ist, wenn du Hotels und Beistand brauchst. Er war also einer der Freunde, die mir früh gezeigt haben, dass sie mich nicht hängen lassen, wenn es schwierig wird. Das war für mich sehr ermutigend. Dass es letztlich nicht dazu kam, lag vor allem daran, dass eine Begleitung für ihn als Lehrer mit der weiten Anreise und den komplizierten Verbindungen nicht so leicht umzusetzen war und es in den Schulferien oft von meiner Seite nicht passte. Ich bin mir aber sicher: Hätte ich wirklich Beistand gebraucht, hätte er es möglich gemacht. Nun war der Winter zwar vorbei, doch seine Begleitung kam genau in einem Moment, in dem sie mir ebenfalls gut tat.
Christoph würde ich eher als einen meiner stilleren Freunde beschreiben. Er ist kein Mensch, der einem seine Meinung aufdrängt, was aber nicht bedeutet, dass er keine Meinung hat. Ganz im Gegenteil: Er ist ein guter Beobachter und eher ein Denker, und was er sagt, hat in der Regel Hand und Fuß. Ich war deshalb sehr gespannt darauf, wie es sein würde, wenn wir mehrere Tage zusammen unterwegs sein würden. Würden wir viel Zeit einfach schweigend miteinander gehen, oder würde Christoph diesen Raum nutzen und vielleicht mehr von sich erzählen als sonst?


Und auch bei Christoph, den ich schon so lange und gut kenne, war es so, dass mein Schweigen Räume geöffnet hat. Da ich beim Gehen so gut wie nichts schreiben und mich kaum in eine Unterhaltung einbringen kann, war es vor allem ein Lauschen auf Christophs Geschichten. Manchmal war ich erstaunt, wie viel Raum sich dabei geöffnet hat. Wir kennen uns seit über zwanzig Jahren, und in dieser Zeit haben wir viel über Kunst, Ausstellungen, Natur, das Unterwegssein draußen und auch viel Persönliches gesprochen. Und wie bei vielen, die mir begegnen, war auch bei Christoph meine Beziehung zu Flavia während dieses Projekts Thema, was oft dazu führt, dass die anderen ebenfalls von ihren Beziehungen erzählen. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir uns jemals so offen über Spiritualität ausgetauscht hätten. Ich weiß nicht, ob es an meinem Projekt liegt und an den Texten, die ich in den letzten Monaten online gestellt habe, oder daran, dass sich Christophs ältere Tochter selbstständig dazu entschieden hat, sich taufen und konfirmieren zu lassen und das Thema dadurch in der Familie präsenter wurde. Für mich war es auf jeden Fall spannend, diese Öffnung zu beobachten. Und unabhängig von Christoph ist das etwas, das ich in den letzten Monaten immer wieder erlebt habe: Wenn leisere Menschen sich in meiner stillen Gegenwart wohlfühlen, erlauben sie mir oft einen tiefen Einblick in ihre Gedanken- und Gefühlswelt.

Die Strecken, die wir an den beiden Wandertagen zusammen gingen, lagen jeweils bei über zwanzig Kilometern, leider auch mit sehr viel Asphalt. Nach einer längeren Pause, in der die Muskeln kalt geworden waren, stand ich einmal wieder stöhnend auf, setzte mir mit einem tiefen Seufzer den schweren Rucksack auf und humpelte erst einmal los, wobei ich die ersten Schritte noch mit einem besonders schwerfälligen Atem untermalte, wie ein alter Mann, für den jeder Schritt eine große Anstrengung ist. Ich muss zugeben: Wenn ich Begleitung habe, mache ich daraus nonverbal manchmal eine kleine Show und seufze vielleicht etwas lauter, als ich es allein tun würde. Es ist meine Art, mitzuteilen, dass ich es heute sehr anstrengend finde, dass der Rucksack auch für mich nach vielen Kilometern zur Qual werden kann und dass das Weitergehen Kraft und Überwindung kostet. Eben dass nicht alles immer nur Sonnenschein und gute Laune ist. Natürlich sind die meisten, die mich begleiten, das Wandern auch nicht so geübt, dass sie am Nachmittag nicht Ähnliches verspüren würden. Nur können sie es eben verbal ausdrücken. Ich betone es dann halt nonverbal.
Als wir uns nach einer längeren Pause wieder auf den Weg machten, die Knochen eingerostet waren und es länger dauerte, wieder einen Rhythmus zu finden, fragte mich Christoph, worauf ich mich am meisten freuen würde, wenn dieses Projekt vorbei ist und ich wieder zu Hause ankomme. Da ich nicht antworten konnte, machte er mir verschiedene Vorschläge, auf die ich mit Nicken oder Kopfschütteln reagieren konnte: lange und ausgiebig baden, im eigenen Bett schlafen, nicht mehr wandern müssen, vielleicht eine zweistündige Thai-Massage. Ich schüttelte immer den Kopf.

Nonverbal war es kaum möglich zu erklären, dass ich nach meiner Rückkehr wahrscheinlich gerade das mit am meisten vermissen werde: das Gehen, das Sich-immer-wieder-Überwinden und den Moment, in dem nach den ersten mühsamen Schritten der Schmerz nachlässt und der Körper zurück in seinen Rhythmus findet. Auf einer langen Wanderung gibt es immer wieder Augenblicke, in denen man überhaupt keine Lust mehr hat, einem alles weh tut und man am liebsten sitzen bleiben würde. Und trotzdem geht man weiter. Nicht, weil es leicht ist, sondern weil man weiß, dass das Sitzenbleiben keine wirkliche Lösung ist. Und oft geschieht genau dann etwas Entscheidendes: Aus der Überwindung wächst neue Kraft. Manchmal sogar Glück. Und am Abend bleibt eine tiefe Dankbarkeit darüber, dass man sich wieder aufgerafft hat und dadurch Dinge erleben durfte, die einem sonst verborgen geblieben wären.
Vielleicht ist das eines der Wichtigsten, was ich aus diesem Jahr mitnehme: die Erfahrung, dass sich manches erst im Weitergehen löst. Dass hinter dem Widerstand nicht nur Erschöpfung liegen kann, sondern auch Lebendigkeit. Und wenn ich genau das in meinen Alltag hinüberretten kann, immer wieder loszugehen, auch wenn es schwerfällt, ohne meine Grenzen zu übergehen und daran auszubrennen, dann werde ich sehr viel von dieser langen Wanderung mit nach Hause bringen.

Nach zwei Nächten im Zelt mit Christoph, in denen wir Girsch-Spinat auf dem Benzinkocher gekocht haben, verbrachten wir die dritte Nacht im Kloster Scheyern, einem durch seine Größe sehr beeindruckenden Benediktinerkloster mit eigener Brauerei und Klostermetzgerei. Christoph lud mich zu einem leckeren Essen ein, und nach den langen Etappen war es der reinste Wohlgenuss, so verwöhnt zu werden und eine heiße Dusche zu haben. Und als ich vorschlug, dass wir am nächsten Morgen am Gottesdienst mit den Mönchen teilnehmen könnten, und Christoph sofort freudig zusagte, war ich doch etwas verwundert, dass ich mich nach über zwanzig Jahren Freundschaft am nächsten Morgen in aller Frühe mit Christoph freiwillig in der Kirche wiederfand. Vor einigen Monaten hätte ich mir das wohl auch noch nicht vorstellen können. Aber es passte zu dieser Reise.