Tage 290–292 – Taubheit in Dachau und der Mut zum Nicht-Wissen

Die letzte Nacht im Kloster Scheyern mit Christoph habe ich nur wenig geschlafen. In der Nacht hatte mich eine Erkältung erwischt, die Nase war zu, alles verschleimt, und das Atmen fiel mir schwer. Trotzdem ging es am nächsten Tag weiter Richtung München. Der Termin für die nächste Station zum Zuhören im MOMO stand bereits fest, und viel Spielraum zur Erholung hatte ich nicht.
Nachdem ich mich von Christoph verabschiedet hatte, machte ich mich auf die letzten drei Tagesetappen nach München. Viel ist von diesen Tagen nicht hängen geblieben, außer dass die Nase ständig lief und ich in der Ferne zum ersten Mal die Alpen gesehen habe, was trotz der Erkältung ein sehr erhabener Moment war.
Ich war nicht schlimm krank, hatte kein Fieber, und doch war mein Kopf überhaupt nicht klar. Ich hatte immer Sorge davor gehabt, wie es wohl wäre, krank mit diesem schweren Rucksack weitergehen zu müssen. Nun war ich erstaunt, dass das Gehen fast wie von selbst lief. Was mich anstrengte, war nicht das Laufen, sondern alles andere: Entscheidungen zu treffen, nach Wasser zum Kochen zu fragen, einen Zeltplatz zu suchen, das Zelt aufzubauen. All das war mühsam. Aber das Gehen selbst ging einfach weiter. Es schien, als hätte mein Körper es längst verinnerlicht. Vielleicht habe ich mich mit 24 Kilometern an diesem Tag dann doch etwas übernommen. Als ich abends gegessen hatte, hatte ich nicht einmal mehr die Kraft, mich bettfertig zu machen, und legte mich einfach mit den Kleidern in den Schlafsack. Wieder folgte eine Nacht, in der mir das Atmen schwerfiel, weil alles dicht war.

Am vorletzten Tag vor meiner Ankunft in München hatte ich schon einige Tage zuvor gesehen, dass mein Weg durch Dachau führen würde und ich direkt an der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers vorbeikommen würde. Als ich das bemerkt hatte, kam mir kurz der Gedanke, dort spontan eine Station einzulegen, mich mit einem Schild vor die Gedenkstätte zu setzen, auf dem steht, dass ich zuhöre, und zu schauen, was passiert. Aber irgendwie fühlte sich dieser Gedanke nicht gut an. An einem geschichtlich so aufgeladenen Ort wollte ich nicht einfach mal kurz eine Station einlegen. Es hätte so wirken können, als würde ich das auch noch mitnehmen, weil es gerade auf dem Weg lag. Das wollte ich vermeiden. Für eine Kooperation, wie ich sie in der Kapelle der Versöhnung an der Berliner Mauer-Gedenkstätte hatte, war es so kurzfristig ohnehin nicht mehr realistisch.
Dann kam mir der Gedanke, einfach diesem Ort zuzuhören. Zu schauen, welche Geschichten aufkommen, was ich in mir und vor Ort wahrnehmen würde. Je nachdem, was sich dabei zeigen würde, hätte ich danach immer noch entscheiden können, was ich damit mache.


Aber so weit kam es gar nicht. Eigentlich wäre es in meiner gesundheitlichen Verfassung sinnvoller gewesen, diesen Ort gar nicht erst zu betreten. Ich hätte mich um mich selbst kümmern sollen, anstatt dieses schrecklichste Kapitel der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts in diesem Zustand auf mich wirken lassen zu wollen. Letztlich haben mein Körper und mein Geist die Notbremse gezogen. Als ich am späten Nachmittag nach 18 Kilometern dort ankam, war da keine Präsenz. Kein Raumhalten. Kein wirkliches Wahrnehmen. Ich war merkwürdig taub, wie selten zuvor auf dieser Reise, als ob ich nichts empfinden könnte. Wahrscheinlich war einfach alles zu viel, und innerlich hat etwas zugemacht, um mich zu schützen. Schon nach einer Dreiviertelstunde verließ ich die Gedenkstätte wieder und schleppte mich mit schweren Schritten noch bis zu einem Baggersee, wo ich für diese Nacht mein Zelt aufschlug.

Am nächsten Morgen ging es mir erstaunlicherweise wieder etwas besser, auch wenn ich in dieser Nacht noch immer nicht gut geschlafen hatte, weil Nase und Nebenhöhlen weiterhin dicht waren. Bis nach München hinein waren es noch ungefähr 18 Kilometer. Da für den Morgen Regen angesagt war, den ich zunächst im Zelt auszusitzen versuchte, kam ich erst spät los und musste mich dann etwas sputen.
Nach Tagen unterwegs in der Natur wieder in eine große Stadt hineinzugehen, ist immer wieder eine besondere Erfahrung. Irgendwo gibt es eine unsichtbare Linie, ab der die Menschen, die einem begegnen, nicht mehr grüßen. Alles wird anonymer. Die Architektur verändert sich, die Häuser werden größer. Man trifft mehr und mehr Menschen, die den gängigen Schönheitsidealen und Modetrends entsprechen, die in den Randzonen und Naherholungsgebieten joggen, Rad fahren oder mit dem Hund spazieren gehen. Und je weiter man in die Stadt vordringt, desto mehr Eindrücke prasseln auf einen ein. Da sind all die Menschen, die sich schon äußerlich deutlich voneinander unterscheiden. Plötzlich sieht man wieder gleichgeschlechtliche Paare in der Öffentlichkeit. Der Kontrast zwischen Arm und Reich wird größer. Und einem fällt auf, wie wenig man vieles davon auf dem Land noch wahrgenommen hat.
Als ich in Hamburg angekommen bin, war da noch die Euphorie, es so weit geschafft zu haben. In Berlin im Winter war es eher Müdigkeit. In Dresden war es Stille. München war einfach nur noch eine große Stadt auf meinem Weg nach Hause. Dass ich meinen Weg bis zum Ende schaffen würde, sofern nicht etwas völlig Unvorhergesehenes geschieht, erschien inzwischen ziemlich sicher. So war München für mich kein eigentlicher Meilenstein mehr. Dieser Meilenstein waren die Berge hinter der Stadt, die Alpen, die den südlichsten Punkt meiner Reise markierten. Und doch war München auch ein besonderer Ort. Allein die Lage vor den Alpen und die Annäherung an dieses Panorama aus der Ferne sind unglaublich beeindruckend. Man merkt der Stadt ihren Reichtum an, ihre Sauberkeit. Ich bin zum ersten Mal durch den Olympiapark gekommen und war sehr beeindruckt von der Architektur, auch wenn sie mir aus dem Fernsehen längst vertraut war. Die Etappe beendet habe ich dann am Marienplatz, nachdem ich mir in der Frauenkirche noch einen Pilgerstempel abgeholt hatte.

Am Abend vor meiner Station im ZUHÖRRAUM war ich bei Kerstin etwas außerhalb von München untergebracht. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln machte ich mich auf den Weg dorthin, nachdem ich mein Tagesziel, den Marienplatz, erreicht hatte. Von dort aus würde ich einige Tage später München auch wieder zu Fuß verlassen. Kerstin gehört, wie so viele Menschen, die mich in den vergangenen Monaten beherbergt haben, zu meinem Netzwerk aus Achtsamkeitslehrerinnen und Achtsamkeitslehrern, das sich auf fast wundersame Weise über Deutschland verteilt und immer wieder erstaunlich nah an meinem Weg auftaucht. Was für ein Glück.
Kerstin hat mit mir zusammen die Ausbildung zur Achtsamkeitslehrerin gemacht, kommt aber ursprünglich aus einer ganz anderen Welt. Sie und ihr Mann sind beide – beruflich wie privat – tief im Tennis verwurzelt und haben den Sport über viele Jahre intensiv gelebt, einer Welt also, die mir selbst eher fremd ist und mit der ich bislang nur wenige Berührungspunkte hatte. Umso spannender war es für mich, an diesem Abend einen kleinen Einblick in diese Welt zu bekommen, bis hin zu selbstgeschriebenen Liedern, die davon erzählen. Die beiden nahmen mich mit großer Herzlichkeit auf, und der Abend war von einer Wärme getragen, die sofort spürbar war. Schön war auch zu erleben, wie selbstverständlich sich bei ihnen Achtsamkeit und Sport inzwischen nicht ausschließen, sondern einander ergänzen. Kerstin hatte die Achtsamkeit irgendwann mit in die Familie gebracht, wo sie, wie sie mir erzählte, inzwischen ebenso viel Raum für sie einnimmt wie das Tennis und in schwierigen Zeiten sogar zu einem Anker für ihre Beziehung geworden ist.
Je länger ich unterwegs bin, desto häufiger scheint die Frage aufzutauchen, wie es mir mit Flavia und unserer Beziehung geht. Inzwischen kann ich kaum noch irgendwo ankommen, ohne darauf angesprochen zu werden. Sicherlich auch deshalb, weil ich dieses Thema im Blog immer wieder streife, ohne es wirklich auszubreiten. Vielleicht entsteht gerade dadurch so viel Raum für Deutungen. In persönlichen Begegnungen, wie an diesem Abend bei Kerstin und ihrer Familie, versuche ich schriftlich ein wenig darauf einzugehen. Hier im Blog tue ich das bewusst nur am Rand. Es würde zu viel Raum einnehmen, auch weil sich ständig alles verändert. Vielleicht lässt sich diese Geschichte erst nach dem Projekt erzählen, wenn klarer geworden ist, wohin sie sich bewegt.

Am nächsten Morgen gab es ein leckeres Frühstück, und auch ihre Tochter war da, die am Abend zuvor auf einer Party in München gewesen war und deshalb zu Hause übernachtet hatte. Sie erzählte von dem Fest und davon, dass es nicht unbedingt ihre Menschen dort gewesen seien, viel Smalltalk, alles eher oberflächlich. Die Aura der Leute habe nicht mit ihrer übereingestimmt, sagte sie.
Mich hat berührt, wie deutlich darin eine Sehnsucht nach Tiefe spürbar war. Nicht ein Überdruss an Menschen, sondern eher ein Wunsch nach wirklicher Begegnung. So kamen wir beim Frühstück auf die Frage, wo man heute überhaupt noch solche Tiefe findet. Ich erzählte von meinen Erfahrungen auf den Pilgerwegen. Dass man dort manchmal schon nach wenigen Minuten Fragen stellen kann, die im Alltag kaum Platz haben. Warum bist du auf dem Weg? Und wenn der andere sich darauf einlässt, öffnet sich nicht selten in kurzer Zeit ein Raum, in dem man mehr vom Inneren eines Menschen erfährt als sonst in vielen Gesprächen. Aber auch Achtsamkeitsseminare oder andere gemeinsame Erfahrungen können solche Räume schaffen, überall dort, wo Präsenz ist und nicht nur geredet, sondern wirklich zugehört wird.
Es hat mich gefreut zu spüren, dass diese Sehnsucht nach echter Verbindung in ihr lebendig ist. Vielleicht ist das auch eine der Erfahrungen, die ich selbst in diesem Jahr am stärksten gemacht habe: dass tiefes, wertfreies Zuhören Verbindung schafft. Etwas, das nährt und das ich auf dieser Reise noch einmal viel deutlicher schätzen gelernt habe.
Gleichzeitig frage ich mich oft, ob es gerade für viele andere jüngere Menschen schwerer geworden ist, noch in solche Tiefe zu finden und überhaupt noch zu wissen, was es bedeutet, in einer tiefen Verbindung zu sein. Die schnelle Art des Bewertens scheint in unserer Zeit noch einmal deutlich zugenommen zu haben. In sozialen Medien wie TikTok oder Instagram reicht oft ein Augenblick, und wir wischen weiter. Auch auf Dating-Plattformen genügt häufig ein kurzer Blick, um zu entscheiden, ob jemand interessant ist oder nicht. Vielleicht prägt uns das stärker, als uns bewusst ist. Vielleicht verlernen wir dadurch ein Stück weit, bei Menschen und Dingen zu verweilen, die sich nicht sofort einordnen lassen.
Mir hat dieses Jahr etwas anderes gezeigt. Dass Menschen mich immer wieder überraschen, wenn ich offen auf sie zugehe, gerade auch jene, denen ich sonst vielleicht eher ausgewichen wäre. Wenn wir andere vorschnell einordnen, wird echte Begegnung oft schon im Ansatz schwerer. Meine Erfahrung auf diesem Weg sagt mir, dass ich mit Neugierde oft viel tiefer komme als mit vorschneller Einordnung. Und dass gerade dort, wo ich mich innerlich nicht verschließe, oft etwas Unerwartetes entsteht. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erfahrungen dieses Jahres überhaupt: dass Begegnung nicht dort tiefer wird, wo man sofort zu wissen meint, wen man vor sich hat, sondern dort, wo man bereit ist, es noch nicht zu wissen.
Gerade nach diesen Tagen, in denen ich krank war, durch Dachau gegangen bin und mich müde bis nach München geschleppt habe, hat mich dieser Gedanke noch einmal besonders berührt. Vielleicht geht es auf dieser Reise nicht nur darum, weiterzugehen, sondern auch darum, offen zu bleiben. Für Orte, für Menschen, für das, was sich nicht sofort einordnen lässt. Und vielleicht ist genau das etwas, das ich teilen möchte, besonders mit jungen Menschen, denen es in dieser digitalen Welt manchmal immer schwerer fällt, in echte Verbindung zu gehen.