Tage 301 - 304 – Unterwegs mit Reinhold

Nach mehreren Tagen in Begleitung und Übernachtungen bei immer neuen Gastgebern hatte ich mich innerlich darauf eingestellt, nun ein paar Tage allein auf dem Jakobsweg unterwegs zu sein. Ich freute mich sogar darauf. Vieles war liegen geblieben. Ich war kaum noch zum Tagebuchschreiben gekommen, viele E-Mails warteten unbeantwortet, und an meinen Blog wagte ich schon gar nicht mehr zu denken.
Mit jedem Tag wuchsen der Rückstand und das schlechte Gewissen. Zugleich entstand der Druck, all diese Erlebnisse festhalten zu müssen, bevor sie wieder verblassen. In Gedanken hatte ich mich also schon darauf vorbereitet, endlich wieder etwas Zeit für mich und meine Texte zu haben.
Aber so kam es dann doch nicht.
Manchmal spielt einem das Leben Menschen zu, bei denen man am Anfang nicht so recht weiß, was es mit dieser Begegnung auf sich hat. Dann ist es schön, wenn man sich nicht gleich verschließt, sondern schaut, wohin sie einen trägt.
Mit Reinhold war es so eine Begegnung.
Er war am Abend in derselben Pilgerherberge wie ich und erzählte mir, dass er vorhabe, bis nach Santiago de Compostela zu gehen, wenn er es denn so weit schaffen würde. Hundert Tage hatte er sich dafür vorgenommen. Gestartet war er in München.
Da wenige Kilometer vor der Herberge ein Schild gestanden hatte, auf dem 2605 Kilometer bis Santiago angegeben waren, war ich sofort etwas skeptisch. Die Rechnung war einfach: Im Schnitt hätte Reinhold 26 Kilometer am Tag gehen müssen. Mit Pausentagen wären es eher 30 Kilometer täglich geworden. Das würde selbst ich mir nach zehn Monaten unterwegs und gutem Training nicht ohne Weiteres zutrauen. Und Reinhold hatte bereits fast zwanzig Lebensjahre mehr in den Beinen als ich.
Als ich ihn darauf hinwies, relativierte er zu meiner Beruhigung gleich, dass es auch nicht schlimm sei, wenn er es nicht auf einmal bis Santiago schaffe.
Reinhold erzählte, dass er acht Jahre bei der Bundeswehr gewesen war und später als Sachbearbeiter in einer Entsorgungsfirma gearbeitet hatte. Erfahrung mit Fernwanderungen hatte er bisher keine. Der Entschluss, den Jakobsweg zu gehen, war gekommen, als er in den Ruhestand ging. Er wollte ein gutes Projekt haben, damit ihm zu Hause nicht die Decke auf den Kopf fällt.
Und ihm gegenüber stand nun ein Künstler, der nicht einmal sprach und seit fast einem Jahr schweigend durch Deutschland wanderte, um den Menschen zuzuhören, die ihm begegneten.
Sehr viel unterschiedlicher hätten wir beide also kaum sein können.
Am nächsten Morgen brach Reinhold fast zwei Stunden vor mir auf. Ich wollte noch etwas schreiben und war mir nicht sicher, ob ich ihn überhaupt noch einmal treffen würde. Immerhin hatte er längere Etappen vor sich als ich. Für den Abend hatte ich in einer privaten Pilgerherberge bereits eine Gartenhütte für mich gebucht.
Doch ich war keine zwei Stunden unterwegs, da sah ich ihn schon aus der Ferne. Auch nach einer längeren Pause, die ich einlegte, dauerte es nicht lange, bis ich wieder zu ihm aufgeschlossen hatte. Alle paar Meter blieb er stehen. Es war deutlich zu sehen, dass es ihm nicht gut ging und dass er mit seinem schweren Rucksack sehr zu kämpfen hatte.
Kurz darauf erreichten wir einen kleinen Rastplatz. Ich wollte dort Mittagspause machen und etwas essen, und Reinhold setzte sich zu mir. Dabei stellte sich heraus, dass er nicht einmal ausreichend Essen dabeihatte. Seine Planung war davon ausgegangen, dass er unterwegs schon immer irgendwo etwas finden würde und deshalb nicht viel mittragen müsse. Doch die Infrastruktur auf diesem Abschnitt war dafür bei Weitem nicht ausgelegt.
Also versorgte ich ihn mit. Er war sehr dankbar dafür. Gleichzeitig spürte ich, wie sehr er bereits an sich und seinem Ziel zweifelte.

Nach dem Essen bot ich ihm an, gemeinsam seinen Rucksack durchzuschauen. Vielleicht, so meine Hoffnung, könnte er einiges nach Hause schicken und von den 17 Kilogramm, die er mit sich trug, zumindest auf 12 oder besser noch auf 10 Kilogramm kommen.
Tatsächlich fanden sich einige Dinge, die er nicht wirklich brauchte. Vor allem Zelt und Isomatte empfahl ich ihm nach Hause zu schicken. Finanziell war er nicht darauf angewiesen, draußen zu übernachten, und allein damit ließ sich einiges an Gewicht sparen. Außerdem hatte er sowohl eine Regenjacke als auch ein riesiges Regencape dabei. Ich empfahl ihm, sich für eines von beiden zu entscheiden.
Wir hatten gerade die letzten Sachen wieder eingepackt und wollten weitergehen, als ein Gewitter aufzog und die ersten Regentropfen fielen. Reinhold wäre vermutlich einfach weitergelaufen und dem Regen ziemlich ungeschützt ausgeliefert gewesen. Ich dagegen, den ein richtig starker Regen in den vergangenen zehn Monaten immer verschont hatte, dachte nicht daran, mich jetzt von diesem Gewitterguss zum ersten Mal völlig durchnässen zu lassen.
Und wieder einmal hatte ich Glück.
Gleich neben uns stand ein alter Schuppen. Die Tür war nur angelehnt, und wir fanden für eine halbe Stunde Unterschlupf. Draußen regnete es sintflutartig, zeitweise hagelte es sogar. Reinhold wäre an dieser Hütte wahrscheinlich einfach vorbeigegangen.

Das war nicht die letzte kleine Lektion, die er in den folgenden Tagen von mir lernte: dass er immer mit erhobenem Blick durch die Landschaft gehen solle, um solche Möglichkeiten, die einem das Leben manchmal schenkt, auch wahrzunehmen.
Ich folgte anschließend dem regulären Wanderweg über den Hohen Peißenberg und empfahl Reinhold, diesen Abschnitt zu umgehen. So konnte er sich rund 300 Höhenmeter und einige Kilometer sparen. Während ich über den Berg ging und zum richtigen Zeitpunkt in der Kirche auf dem Gipfel vor dem nächsten Regenschauer Zuflucht fand, hatte es Reinhold unterwegs leider wieder erwischt.
Als ich am späten Nachmittag in der Pilgerherberge ankam, war Reinhold bereits dort. Er hatte sich für dieselbe Unterkunft entschieden. Das bedeutete, dass wir uns das kleine Gartenhäuschen teilen würden.
Zu Gast waren wir bei Gerdrudis, einer erfahrenen Pilgerin, die selbst schon auf vielen Pilgerwegen in Europa unterwegs war. Ihre kleine Gartenhütte gehört zu den ersten privaten Pilgerunterkünften am Münchner Jakobsweg. Seit vielen Jahren nimmt sie dort Pilgerinnen und Pilger auf Spendenbasis auf. Dazu gibt es ein gutes Frühstück und manchmal sogar ein Abendessen. Mehr als tausend Pilger waren in den vergangenen zwanzig Jahren schon bei ihr zu Gast.
Wir erzählten Gerdrudis, dass wir mittags bereits Reinholds Rucksack durchgeschaut hatten. Ich empfahl ihm, noch einmal mit ihr darüber zu sprechen. Als erfahrene Pilgermutter konnte sie vielleicht manches noch einmal anders sagen als ich.
Und so kam es, dass wir in der Küche alles, was Reinhold dabeihatte, auf eine Waage legten und gemeinsam aussortierten.
Der Arme hatte es mit uns beiden nicht leicht. Obwohl wir es gut mit ihm meinten und ich versuchte, mein mildestes und mitfühlendstes Lächeln aufzusetzen, war es wohl doch ein Lächeln, das ihn immer wieder sagen ließ, wir könnten ruhig über ihn lachen, wenn er sich schwertat, auf etwas zu verzichten, das wir für unnötig hielten.

Schweren Herzens stimmte er am Ende oft doch zu. So kamen sechs bis sieben Kilogramm zusammen, die er nach Hause schicken konnte. Reinhold litt sichtbar unter dieser Prozedur, weil er merkte, wie viel er noch lernen musste. Zugleich war er aber auch erleichtert. Mit leichterem Rucksack stiegen die Chancen deutlich, dass er zumindest ein gutes Stück weitergehen konnte.
Auch in den folgenden Tagen versuchte ich, ihm einiges von dem weiterzugeben, was ich in vielen Jahren des Unterwegsseins selbst gelernt hatte. Ich suchte alternative Wege heraus, die weniger Steigung bedeuteten, auch wenn sie dafür teilweise an Straßen entlangführten. Als er über seine Füße klagte, schrieb ich ihm, dass er Blasen sofort versorgen müsse. Da war es allerdings schon zu spät. Schon beim Anblick dessen, womit er sich die letzten Kilometer vorwärtsgequält hatte, tat es mir weh.
Auch diese Erfahrung wollte ich ihm mitgeben: stehen bleiben, sobald die erste Reibung entsteht. Die Stelle sofort abkleben. Eine Blase kann auf 100 oder 200 Metern entstehen. Und bis man eine bequeme Stelle gefunden hat, um sich hinzusetzen, ist es manchmal schon zu spät.


In diesen Situationen merkte ich aber auch, dass Reinhold diesen Weg wirklich gehen wollte. Er wollte nicht klein beigeben. Mit jedem Tag wuchs mein Respekt vor seiner Zähigkeit. Auch vor seiner guten Laune, die immer wieder zurückkam, wenn er freundliche Menschen traf, mit denen er sich austauschen konnte, oder wenn er sich an der Natur freute.
So schwer es ihm immer wieder fiel, er konnte den Weg erstaunlich oft auch genießen. Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Pilgern.
So unterschiedlich wir beide waren, so sehr bewunderte ich ihn auch für seinen Mut, einfach losgegangen zu sein. Trotz seiner Unerfahrenheit. Wie viele Menschen hegen den Wunsch, eine solche Reise anzutreten, und trauen sich dann doch nicht, weil sie Angst haben, Fehler zu machen. Weil sie sich nicht die Blöße geben wollen, falsch gepackt zu haben. Weil sie fürchten, nicht so viele Kilometer zu schaffen, wie sie sich vorgenommen haben.
Aber genau dieses Lernen gehört dazu. Nur wenn man sich eingesteht, dass man Fehler macht, wenn man auf andere zugeht und um Hilfe bittet, kann man wachsen. Und genau diese Offenheit brachte Reinhold mit. Er versuchte nicht, seine Fehler zu vertuschen. So konnte ich ihm einiges von dem weitergeben, was mir selbst in den vergangenen Monaten geholfen hatte. Zumindest so viel, dass er seinen Weg fortsetzen konnte, ohne dass ich mir allzu große Sorgen um ihn machen musste.
Ich hätte es unglaublich schade gefunden, wenn er nun abgebrochen hätte. Wenn er frustriert nach Hause gefahren wäre und sich vielleicht nie wieder auf ein Abenteuer dieser Art eingelassen hätte. Deshalb setzte ich mir in den Kopf, ihn so gut es mir im Schweigen möglich war zu unterstützen, damit es zumindest nicht so schnell dazu käme.

Aber ich tat all das nicht nur, weil ich Reinhold helfen wollte oder den Ehrgeiz hatte, ihm den Weg nach Santiago zu ebnen. Es ging mir auch darum, etwas zurückzugeben.
Ich habe in den vergangenen Monaten selbst so viel Hilfe erfahren, ohne die ich diesen Weg nie bis hierher geschafft hätte. Und nicht nur in diesem Projekt: Immer wieder sind in meinem Leben Menschen aufgetaucht, die mir genau im richtigen Moment geholfen haben. Die mir den Weg zeigten, mich irgendwohin mitnahmen, mich vor einer schlechten Entscheidung bewahrten oder einfach da waren, als es nicht weiterzugehen schien.
Manchmal wirken solche Menschen wie Engel am Weg. Mehr als danken kann man ihnen oft nicht. Aber vielleicht kann man ihre Hilfe weitergeben. An jemand anderen. In einem anderen Moment.
Reinhold war für mich genau so eine Begegnung. Und ganz nebenbei durfte ich wieder einen Menschen ins Herz schließen, der auf den ersten Blick aus einer ganz anderen Welt kommt als ich.
Es wäre leicht gewesen, einfach weiterzugehen. Zwei Menschen, die so unterschiedlich sind, jeder auf seinem Weg. Ich hätte einfach meines Weges ziehen können. Doch irgendetwas in mir sagte, dass ich diesem Mann helfen möchte. Nicht, weil ich etwas zurückerwarte, sondern weil auch ich so vieles empfangen habe.
Ich drücke Reinhold sehr die Daumen, dass er irgendwann in Santiago steht. Vielleicht nicht bei diesem ersten Versuch. Vielleicht beim zweiten, dritten oder vierten. Aber ich wünsche ihm, dass sein Mut belohnt wird. Der Mut, einfach loszugehen und Fehler zu machen.
Er hätte es verdient.
Buen Camino, Reinhold!
