Tage 329 bis 331 – Bezeugen, ohne zu lösen – Zu Gast bei Joel

Den Weg über Basel hatte ich ursprünglich gewählt, weil die Stadt für mich eine der europäischen Kunstmetropolen ist. Ich hatte gehofft, mein Projekt dort noch einmal in einen öffentlichen Kunstkontext stellen zu können. Über Bekannte und Freunde vor Ort gab es einige Tipps und Versuche, aber am Ende ergab sich keine offizielle Station.
Als ich schließlich in Basel ankam, war mir das gar nicht mehr so unrecht. Die Kanutour über den Hochrhein war wunderschön gewesen, aber das kalte Wetter, der Wind und die vielen Kilometer hatten meiner Erkältung nicht gutgetan. Zudem war ich mit vielem Organisatorischen in Verzug geraten; mit den Texten für meinen Blog hing ich inzwischen mehrere Wochen hinterher. Vielleicht war es also genau richtig, dass in Basel keine öffentliche Zuhörstation auf mich wartete. Ganz ohne Zuhören würde es trotzdem nicht bleiben. Es waren Begegnungen mit Freunden und Bekannten geplant, die auf ihre Weise ebenfalls viel Präsenz erfordern würden.
Für die ersten beiden Tage war ich bei Joel und seiner Familie eingeladen. Joel kenne ich noch aus dem Pfadfinderumfeld – man könnte sagen, er ist so etwas wie mein Pfadfinderenkel. Tilmann, der mich zwei Wochen zuvor begleitet hatte, war als Jugendlicher in der Gruppe, die ich damals leitete. Joel wiederum war später in Tilmanns Gruppe. In der Jugend machen solche Altersunterschiede noch viel aus, über die Jahre verlieren sie an Bedeutung. Aus manchen dieser alten Pfadfinderverbindungen sind Freundschaften geworden, die bis heute tragen, so wie mit Joel. Als er über meinen Newsletter erfahren hatte, dass ich nach Basel kommen würde, schrieb er mir sofort, dass ich bei ihm und seiner Familie willkommen sei. Ich nahm die Einladung dankbar an.

Als ich die Treppe im Mehrfamilienhaus nach oben kam, wartete schon die ganze Familie neugierig im Türrahmen auf den schweigenden Wanderer. Und nicht nur sie standen dort zur Begrüßung: An der Tür hingen Bilder und kleine Texte, die die ältere Tochter für mich vorbereitet hatte. Darin hatte sie zeichnerisch festgehalten, wie sie sich die nächsten Tage mit mir vorstellte. Ich war sehr berührt von diesem Empfang. Nach der Begrüßung stand schon ein typisch schweizerisches Abendessen auf dem Tisch: Raclette. Was hätte ich mir nach einem langen Paddeltag auf dem Wasser mehr wünschen können?
Joel hatte ich zuletzt vor ungefähr eineinhalb Jahren gesehen. Damals hatte er mir erzählt, dass seine Familie seit längerer Zeit durch eine ganze Reihe von schweren Dynamiken geht. Zwei Wochen zuvor hatte mir auch Tilmann berichtet, dass die Situation in der Zwischenzeit noch einmal schwieriger geworden sei. Ich war also gespannt, was mich erwarten würde und wie diese beiden Tage bei ihnen sein würden.
Am ersten Abend war von all dem zunächst kaum etwas zu spüren. Ich saß bei einer warmen, lebendigen Familie am Tisch. Alles fühlte sich erstaunlich normal an. Die Kinder waren neugierig und offen, ich fühlte mich herzlich aufgenommen. Hätte ich die Vorgeschichte nicht gekannt, wäre ich kaum auf die Idee gekommen, dass hier über Jahre so viel zusammengekommen war. Vielleicht hätte ich nur den ganz normalen Familienwahnsinn gesehen, den viele junge Eltern mit kleinen Kindern kennen.
Erst später, als die Kinder im Bett waren, öffnete sich der andere Teil dieser Geschichte.
Joel und Sharon erzählten mir von den vergangenen Jahren. Nicht in einem dramatisierenden Ton, sondern eher so, wie Menschen berichten, die selbst immer wieder versuchen zu begreifen, was ihnen da eigentlich alles widerfahren ist: Eine schwierige Schwangerschaft, ein Unfall, Krankheiten, Verluste im Umfeld. Immer wieder neue Herausforderungen. Dazu der Schlafmangel, der wohl fast alle jungen Eltern irgendwann an ihre Grenzen bringt, der aber in ihrem Fall nicht nur eine Phase blieb, sondern Teil eines dauerhaften Ausnahmezustands wurde.
Irgendwann weiß man bei einer solchen Kette von Ereignissen kaum noch, was Ursache und was Folge ist. Führt die Erschöpfung zu den nächsten Problemen? Verstärken die Sorgen die Krankheiten? Und wenn ja, an welchem Punkt kann man überhaupt ansetzen, um den Kreislauf zu unterbrechen? Joel erzählte, dass er einmal eine Liste all dessen angefertigt hatte, was in den letzten Jahren geschehen war. Nicht, um sich im Leid einzurichten, sondern um sich selbst zu vergewissern: Es ist wirklich viel gewesen. Wir bilden uns das nicht ein. Es gibt Gründe dafür, erschöpft zu sein und manchmal keinen Ausweg mehr zu sehen.
Am nächsten Morgen bekam diese Erzählung noch einmal ein sehr konkretes Bild. Zu Wochenbeginn wurden die Medikamente für die Familie in die Tablettenboxen sortiert, mit den Fächern für die einzelnen Tage und Uhrzeiten. Die jüngere Tochter half ihrem Vater dabei, die Tabletten zuzuordnen. Mit ihren vier Jahren hatte sie darin schon eine erstaunliche Routine und sogar Freude daran, die einzelnen Dinge an ihren Platz zu legen.
Für Menschen, die viel mit Pflege oder Krankheit zu tun haben, mag ein solcher Anblick nichts Ungewöhnliches sein. Ich muss zugeben, dass ich in den letzten Jahren wenig mit solchen Situationen konfrontiert war. Und wenn, dann eher bei älteren Menschen. Nun diese Medikamentenboxen in einer jungen Familie zu sehen, für mehrere Familienmitglieder, berührte mich sehr.
Hinzu kam, dass ich selbst Medikamenten gegenüber eher zurückhaltend bin. Für mich sind sie etwas, zu dem ich erst greife, wenn ich das Gefühl habe, dass es wirklich nötig ist. Umso deutlicher merkte ich in diesem Moment, wie schnell mein eigenes Weltbild mit auf die Situation schaute.
Ich war froh, dass ich in diesem Moment nichts sagen und vor allem nichts kommentieren konnte.
Denn natürlich stiegen sofort Gedanken in mir auf: Muss das alles wirklich sein? Gibt es keinen anderen Weg? Und zugleich war da der Wunsch zu helfen, etwas beizutragen, etwas zu sagen, das vielleicht entlasten könnte. Ich kenne diesen Reflex gut von mir. Wenn man sieht, dass Menschen leiden, möchte man nicht einfach daneben sitzen. Man möchte erklären, empfehlen, trösten, eine Idee anbieten, eine Lösung andeuten.
Aber genau darin liegt auch eine Gefahr.
Mein Schweigen gab mir die Möglichkeit, diese Impulse bei mir selbst zu beobachten, ohne ihnen sofort folgen zu müssen. Ich merkte, wie schnell in mir der Wunsch auftauchte, etwas zu kommentieren, und konnte zugleich sehen, wie anmaßend manches gewesen wäre. Ich bin kein Arzt. Ich kenne mich mit den Krankheitsbildern dieser Familie nicht aus. Joel und Sharon hatten in den letzten Jahren viele Fachleute aufgesucht, Medikamente ausprobiert, Nebenwirkungen erlebt, manches wieder abgesetzt und anderes neu begonnen. Sie sind längst selbst zu Experten ihrer eigenen Situation geworden. Sie konnten mir sehr genau erklären, welche Warnzeichen sie beachten müssen, welche Erfahrungen sie gemacht haben und warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden.
Vor allem hörte ich, wie viel Sorge darin lag. Nicht Naivität, nicht blindes Vertrauen in irgendein System, sondern ein ständiges Abwägen. Jeder vorschnelle Kommentar von meiner Seite hätte wahrscheinlich nur zusätzliche Unsicherheit erzeugt. Und Unsicherheit gab es schon genug.
In solchen Momenten wird mir besonders deutlich, wie schwer Zuhören sein kann. Ich werde oft gefragt, ob es mir nicht schwerfällt, einfach schweigend danebenzusitzen. Meistens ist es leichter, als viele denken. Aber nicht in solchen Situationen. Wenn ich das Gefühl habe, helfen zu wollen, wenn ich meine, etwas zu wissen, dann fällt mir das Schweigen schwer.
Auch bei Joel und Sharon konnte ich nicht nur schweigender Zuhörer bleiben. Irgendwann begann ich, auf meinem Tablet zu schreiben. Da ich wusste, dass Joel sich schon mit Meditation und Achtsamkeitsübungen beschäftigt hatte, tastete ich mich vorsichtig in diese Richtung vor. Ich schrieb den beiden von kleinen Übungen. Von Möglichkeiten, in schwierigen Momenten kurz innezuhalten. Von Dyaden als einer Form, einander zuzuhören, ohne sofort in Lösungssuche oder Streit zu geraten.
Aber auch hier stieß ich innerlich schnell an eine Grenze. Denn wie leicht ist es, über solche Dinge zu schreiben, wenn man selbst nicht mitten in diesem Familienalltag steckt? Wenn man nicht nachts immer wieder geweckt wird und morgens schon weiß, dass der Tag wieder nur daraus bestehen wird, irgendwie durchzukommen? Joel konnte mir sehr glaubhaft vermitteln, dass es Zustände gibt, in denen selbst der Vorschlag, zur Ruhe zu kommen, fast zynisch klingen kann. Wenn man im Überlebensmodus ist, wird selbst das, was helfen könnte, manchmal zu einer weiteren Aufgabe auf einer ohnehin übervollen Liste.
Es gibt Situationen, in denen erst einmal die Bedingungen fehlen, unter denen Ruhe überhaupt entstehen kann. Und doch bleibt die Frage im Raum: Wie kommt man aus diesem Modus heraus, wenigstens für kurze Augenblicke? Wie verhindert man, dass die ständige Erschöpfung selbst wieder zur Ursache neuer Erschöpfung wird?
Ich merkte an diesen Abenden, wie reflektiert Joel und Sharon mit all dem umgehen. Sie sehen ihre Situation klar. Sie haben Ideen, sie suchen Wege, sie holen sich Hilfe. Und trotzdem gibt es viele Momente, in denen man nicht einfach etwas richtig machen kann. Man muss erst einmal annehmen, was gerade da ist. Vielleicht war das Wichtigste, was ich an diesen beiden Tagen tun konnte, nicht das, was ich auf meinem Tablet schrieb. Vielleicht war es das Dabeisitzen. Das Bezeugen einer Wirklichkeit, die sich von außen kaum erkennen lässt.

Und meine stille Präsenz hatte offenbar auch eine Wirkung. Als ich Joel später schrieb, dass das, was sie mir erzählten, und das, was ich als Momentaufnahme wahrnehmen konnte, wie zwei verschiedene Welten erschienen, meinte er, dass ich eine gute Phase erwischt hätte: Seit einigen Monaten wirkten die Medikamente besser. Darüber hinaus, schrieb er, verändere auch meine Anwesenheit etwas. Meine stille Präsenz trage dazu bei, dass die Kinder ruhiger würden.
Und die beiden Mädchen sind mir in diesen Tagen wirklich ans Herz gewachsen. Ich wurde in alles einbezogen, als wäre ich ein ganz normaler Gast – vielleicht sogar noch mehr, weil ich nicht sprach und dadurch auf eine andere Weise verfügbar war.
Besonders berührt hat mich eine Szene am zweiten Abend. Die ältere Tochter, die gerade lesen gelernt hatte, kam zu mir ins Zimmer, wo ich an einem neuen Blogeintrag schrieb. Es war eigentlich schon Bettgehzeit. Im Kinderzimmer wurde die jüngere Schwester bettfertig gemacht, und Sharon las ihr eine Geschichte vor. Das bedeutete, dass die ältere Tochter in diesem Moment die Aufmerksamkeit ihrer Mutter hätte teilen müssen. Bei mir konnte sie sicher sein, dass sie meine ungeteilte Aufmerksamkeit bekam.
Sie setzte sich mit einem Buch zu mir aufs Bett und begann mir vorzulesen. Langsam, konzentriert, manchmal stockend, aber gut verständlich. Irgendwann wurde es ihr zu unbequem. Also stand sie noch einmal auf, holte Kissen und Decken aus dem Wohnzimmer, machte es sich neben mir gemütlich und deckte uns beide zu, damit auch ich nicht frieren musste, solange sie mir vorlas. Immer wieder drang aus dem Kinderzimmer die Stimme ihrer Mutter zu uns herüber, dass sie sich nun bitte auch bettfertig machen solle. Sie überhörte es geflissentlich und las einfach weiter.
Als Joel später dazukam und sah, was sie mir vorgelesen hatte, stellte er erstaunt fest, dass sie noch nie so viel am Stück alleine gelesen hatte. Mich berührte vor allem dieses Vertrauen. Ein Mann, der erst etwas mehr als vierundzwanzig Stunden im Haus war und kein Wort sprach, bekam plötzlich einen Platz in ihrer Welt. Nicht, weil ich etwas Besonderes tat. Sondern vielleicht gerade, weil ich einfach da war.
Auf meiner Reise ist mir immer wieder aufgefallen, wie unterschiedlich Kinder auf mein Schweigen reagieren. Manche fühlen sich dadurch verunsichert, andere spüren darin einen Raum, in dem sie sich leichter zeigen können. Je länger ich unterwegs bin, desto häufiger habe ich jedoch den Eindruck, dass Kinder meine Nähe suchen. Vielleicht bin ich mit der Zeit ruhiger geworden, durchlässiger, weniger bemüht. Kinder scheinen sehr genau zu spüren, ob jemand wirklich anwesend ist. Sie prüfen nicht zuerst, ob jemand etwas Kluges sagt. Sie schauen, ob jemand bleibt. Ob jemand zuhört. Ob jemand ihre Welt ernst nimmt.
Bei Joel und Sharon begegneten mir an diesen Tagen beide Seiten zugleich: die Schwere der vergangenen Jahre und die Lebendigkeit ihrer Familie. Die Müdigkeit, die Sorge, die Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Und daneben zwei Kinder, die spielen, lesen, lachen, sich anlehnen und mit großer Selbstverständlichkeit einen schweigenden Gast in ihr Leben hineinnehmen.
Von außen sieht man oft nur eine Momentaufnahme. Eine warme Familie. Zwei lebendige Kinder. Ein Abendessen am Tisch. Oder man sieht nur die Belastung, wenn sie einmal ausgesprochen wird. Aber das Leben besteht selten nur aus einer dieser Wahrheiten. Meistens liegt beides nebeneinander.
So rundete sich für mich in Basel etwas. Ich war ohne offizielle Zuhörstation gekommen und dachte, ich hätte dort vielleicht weniger Projektzeit. Aber in diesen zwei Tagen wurde mir noch einmal deutlich, dass Zuhören nicht nur dort geschieht, wo zwei Stühle vorbereitet sind und jemand bewusst zu mir kommt. Es geschieht auch an einem Familientisch. Beim Sortieren von Medikamenten. In Gesprächen spät am Abend. Und auf einem Bett, wenn ein Kind einem schweigenden Gast ein Buch vorliest.
In diesen Tagen durfte ich bezeugen, wie viel eine Familie tragen kann, ohne dass ihre Wärme verschwindet. Und wie viel Kraft manchmal schon darin liegt, dass jemand für einen Moment nichts lösen will, sondern einfach da bleibt und zuhört.
