Tage 333 - 334 – Zwischen Infinity-Pool und Kiefernwald: Eine Suche nach dem, was bleibt – Unterwegs mit Tobias

Von Basel an war klar, dass ich einen großen Teil meines Weges auf Wegen gehen würde, die mir schon bekannt sind. Wege, die ich irgendwann in den vergangenen dreißig Jahren schon einmal gegangen bin.
Das liegt vor allem an meinem Projekt „Begegnungen“ aus dem Jahr 2004, bei dem ich zu Fuß und ohne Geld von Flensburg nach Basel gewandert bin. Damals wollte ich wissen, wie hilfsbereit und gastfreundlich die Menschen in Deutschland sind und ob man es nur mit der Unterstützung derjenigen, denen man unterwegs begegnet, einmal durchs ganze Land schafft.
Wenige Jahre zuvor hatte ich meinen Zivildienst im Ausland in einem Kinderheim in Mexiko geleistet und war fast zwei Jahre lang in Lateinamerika unterwegs gewesen. Als ich zurückkam, hatte ich den Eindruck, dass die Menschen in Deutschland im Vergleich zu denen in Lateinamerika kaum gastfreundlich und wenig hilfsbereit seien. Hadernd mit Deutschland im Allgemeinen, mit dem Kapitalismus und mit vielem, was ich in Lateinamerika an Schwierigem gesehen hatte und wofür ich unter anderm dem Lebensstil der westlichen Länder die Schuld gab, verfestigte sich in mir damals ein Bild von Deutschland und den Deutschen, das nicht besonders positiv war.
Aber schon damals war mir klar, dass ich dieses Bild überprüfen musste. Ich wollte nicht nur denken, sondern erfahren, wie es wirklich ist. Wahrscheinlich auch inspiriert durch das Buch von Michael Holzach, zog ich also los, um zu sehen, wie es mir ergehen würde. Ich wollte hausieren gehen, heimlich Gespräche aufzeichnen, wenn ich nach Geld fragte, und war fest davon überzeugt, dass ich auf mehr Ablehnung als Hilfsbereitschaft treffen würde.
Und es kam ganz anders.
In diesen zwei Monaten musste ich so gut wie nie betteln. Ich wurde so oft eingeladen, aufgenommen und unterstützt, dass ich immer wieder staunte. Diese Erfahrung hat sicherlich dazu beigetragen, dass ich mein jetziges Projekt mit einer ganz anderen Haltung begonnen habe. Vertrauend darauf, dass es in diesem Land sehr viele hilfsbereite und gastfreundliche Menschen gibt. Und auch mit dem Wissen, dass man die eigenen Vorstellungsbilder immer wieder in Frage stellen und überprüfen muss, bevor man sie als Wahrheit abspeichert und bei passender Gelegenheit wieder aus der Schublade zieht.
Damals führte mich eine der letzten Etappen auf dem Westweg durch den Schwarzwald. Einige wenige Orte sind mir seitdem besonders im Gedächtnis geblieben. Die Gegend um den Belchen, den ich damals im Nebel überschritten habe, gehört für mich bis heute zu den schönsten und mystischsten Wäldern, die ich je erlebt habe. Auf dem Blauen hatte ich ein ganz besonderes Erlebnis, dazu später mehr. Und dann gab es noch eine kleine Hütte am Hexenplatz.
Vielleicht acht Quadratmeter groß, mit Ofen, zugänglich für jedermann. Schon damals, als ich sie entdeckte, war ich fasziniert von diesem kleinen Idyll, das mir in den ersten kalten Herbsttagen Schutz bot. Seitdem wollte ich immer wieder an diesen Ort zurückkehren. Nun bot sich mir die Möglichkeit. Aber nicht allein, sondern mit einer Begleitung, bei der ich wusste, dass sie an diesem von Luxus und Bequemlichkeit befreiten Ort, an dieser romantischen Vorstellung von Verbundenheit mit der Natur, ebenso viel Freude haben würde wie ich.

Für knapp zwei Tage sollte Tobias meine Begleitung sein. Ein alter Freund und Förderer meiner Kunst. Tobias habe ich vermutlich 2010 kennengelernt, als er für eine Stiftung arbeitete, bei der ich mein erstes großes Filmprojekt eingereicht hatte: „Sand am Meer“, für das ich mit einem Surfbrett unter dem Arm zwei Wochen lang durch die Sahara gewandert bin. Dieses Projekt wurde damals von der Stiftung gefördert und von Tobias betreut.
In den darauffolgenden Jahren gab es gemeinsame Künstlergespräche, Vorträge, zu denen er mich einlud, und viele Telefonate, in denen ich ihn um Rat bat, im Bereich der Projektförderung, aber auch inhaltlich zu vielen Projekten. Mit der Zeit kamen zu diesen beruflichen Kontakten gemeinsame Spaziergänge. Das Besondere an diesen Spaziergängen war, dass es dabei immer weniger um Kunst ging, also um das, was uns ursprünglich verbunden hatte und womit wir wahrscheinlich ausreichend Gesprächsstoff für Wochen gehabt hätten.
Immer öfter waren wir einfach im Moment. Es ging um Pilze, Pflanzen und Tiere, die uns begegneten. Aber auch um Meditation, an der Tobias interessiert war, für die sein Alltag aber meistens viel zu voll war. Die Sehnsucht nach Ruhe war da, aber wie bei so vielen Menschen scheiterte sie immer wieder an der Realität aus Familie und Berufsalltag. Die Prioritäten mussten jedes Mal aufs Neue mit sich selbst ausgehandelt werden.
Erst eine schwere Erkrankung brachte den nötigen Raum mit sich. Es öffnete sich ein zeitliches Fenster, bevor Tobias wieder voll in den Berufsalltag einsteigen konnte und in dem er an einem meiner mehrwöchigen Achtsamkeitskurse teilnahm. Seither versucht er, diese Praxis fest in seinen Alltag zu integrieren. Für ihn wurde sie lebensverändernd, wie er mir immer wieder erzählt hat.
Ich erzähle diese Geschichte von Tobias so ausführlich, weil sie etwas beschreibt, das ich in den letzten Jahren immer wieder erlebt habe. In dieser lauten Welt gibt es viele Menschen mit einer großen Sehnsucht nach innerer Stille. Eine Suche, die auch mich begleitet und die mittlerweile ein elementarer Bestandteil meiner Kunst und meines Alltags geworden ist. Vielleicht sind es deshalb auch Menschen mit einer ähnlichen Sehnsucht, die sich von meiner Kunst angesprochen fühlen, sie über lange Zeit beobachten und darin etwas wiedererkennen, wonach sie selbst suchen.
Und wenn ich mit ihnen darüber ins Gespräch komme, höre ich dennoch immer wieder ähnliche Sätze: Dafür habe ich keine Zeit. Es gibt so viele Dinge, die erledigt werden müssen. Mitgliedschaften, Vereine, ehrenamtliche Tätigkeiten, Beruf, Karriere, Sport, Hobbys, Freundschaften, denen man gerecht werden möchte, und oft auch noch eine Familie, die ohnehin einen Großteil der freien Kapazitäten braucht.
Wer kennt das nicht in dieser schnelllebigen Zeit?
Zu mir in die Kurse kommen viele Menschen erst dann, wenn sie merken, dass es nicht mehr geht. Wenn sie keine Kraft mehr haben, ausgebrannt sind oder eine Krankheit ihnen zeigt, dass es so nicht weitergehen kann. Dann wird plötzlich deutlich, dass es Veränderung braucht. Momente, in denen man zur Ruhe kommt. In denen man lernt, das Leben wieder bewusster zu leben, anstatt im Autopiloten hindurchzurasen.
Und um keine Illusionen zu erzeugen: Es reicht nicht, einen Achtsamkeitskurs zu machen, und danach wird alles gut. Ein solcher Kurs, und auch viele andere Angebote, die es mittlerweile gibt, sind nur eine Grundlage. Etwas, das Steine ins Rollen bringen kann. Es braucht einen tieferen Wandel, der nicht innerhalb weniger Monate abgeschlossen ist und der mit vielen Höhen und Tiefen verbunden ist. Wir haben uns über ein ganzes Leben bestimmte Gewohnheiten, Automatismen und Muster antrainiert. Die lassen sich nicht von heute auf morgen loslassen.
Aber an Menschen wie Tobias freut es mich immer wieder zu sehen, was geschehen kann, wenn sich jemand auf den Weg gemacht hat, dranbleibt und vom Wünschenden zum Suchenden geworden ist. Vielleicht geht es manchmal kaum vorwärts. Vielleicht stagniert man eine Zeit lang. Aber dann kommen wieder Impulse. Man wird sich bewusst, dass es auch anders geht, als der Alltag uns immer wieder glauben machen will. Dass man etwas gewinnt, wenn man sich den Raum für die Stille immer wieder erkämpft und schafft.
Auch Tobias musste sich diesen Raum, um mit mir unterwegs sein zu können, wieder erkämpfen. Auf der Autofahrt von Stuttgart bis in die Nähe von Lörrach führte er ein wichtiges Telefonat nach dem anderen, um alle dringenden To-dos noch abzuhaken, bevor wir losziehen konnten. Während wir in Kandern einkaufen waren, beantwortete er noch die letzten E-Mails und hörte Nachrichten ab. Und schon am nächsten Abend hatte er wieder einen Termin in Stuttgart. Aber er war da. Es war ihm wichtig, wenn auch nur für eine Nacht und ein paar Stunden davor und danach. Und darauf kam es an.
Ich war sehr gespannt darauf, wie es nun in dieser veränderten Situation sein würde, mit ihm unterwegs zu sein. Wenn ich mich nicht oder nur sehr minimal an der Unterhaltung beteiligen würde. Es ist für mich immer eine Freude, mit Tobias unterwegs zu sein. Zum einen, weil er ein großartiger Geschichtenerzähler ist, dem man sehr gerne zuhört. Seine Geschichten können leicht zu einer kleinen Weltreise werden, auf der unterschiedlichste Themen und Zusammenhänge berührt werden. Und doch schafft er es immer wieder, den Bogen zu spannen, ohne sich darin zu verlieren.
Sprache ist sein Werkzeug. Eines, mit dem er sich wohlfühlt. Er findet Worte für Dinge, die anderen schwerfallen, zum Beispiel in seinen Texten über Kunst oder bei Eröffnungsreden von Ausstellungen als Kunsthistoriker.
Aber um Tobias zuzuhören, müsste man nicht unbedingt mit ihm unterwegs sein. Ein gutes Abendessen beim Italiener würde reichen, um in diese Welten einzutauchen und in den Genuss seiner Erzählungen zu kommen. Wenn man aber mit ihm draußen unterwegs ist, zeigt sich noch eine andere Qualität. Dann ist er zugleich sehr im Moment. Ihm entgeht kaum eine Pflanze, kaum ein Pilz am Wegesrand, kaum etwas von dem, was um ihn herum geschieht. Und wenn er nicht gerade erzählt, lässt er einen daran teilhaben, was er entdeckt.
So sehr ich mich auch in Achtsamkeit übe und immer wieder versuche, im Moment zu sein, so sehr drifte auch ich manchmal ab, bleibe an Gedanken hängen oder verliere mich innerlich. Dann ist es wunderbar, mit jemandem wie Tobias unterwegs zu sein. Seine scharfen Beobachtungen holen auch mich immer wieder zurück ins Hier und Jetzt. Achtsamkeit kann ansteckend sein.

Ganz so, als wolle er diese besondere Fähigkeit unter Beweis stellen, entdeckte er im Vorbeigehen, an einer Stelle, an der es steil den Berg hinaufging und ich nur mit dem Anstieg und meinem Rucksack beschäftigt war, inmitten unzähliger Kleeblätter einfach ein vierblättriges. Er pflückte es und reichte es mir als Glücksbringer. Ich hätte mich wahrscheinlich auf den Boden knien und jedes einzelne Blatt anschauen müssen, um so einen Fund zu machen.
Etwa 600 Höhenmeter stiegen wir bis zur Hexenplatzhütte hinauf. Nach 22 Jahren war ich wieder an diesem Ort. Die Hütte war noch da. Etwas heruntergekommen, aber in einer kühlen Herbst- oder Winternacht hätte sie nach wie vor ihren Dienst getan. Schön, dass es solche Orte noch gibt.

Tobias zog los, um an einer nahegelegenen Quelle Wasser zu holen, während ich im Freien das Feuer anzündete und das Abendessen vorbereitete, ein Spargelrisotto. Danach durfte ich noch eine Weile Tobias’ Geschichten lauschen, ehe ich, erschöpft vom Anstieg in großer Hitze, aber zum Glück im Schatten des Waldes, in der Hütte in tiefen Schlaf sank. Tobias spannte draußen zwischen den Bäumen seine Hängematte auf und freute sich an diesem Naturerlebnis.

Am nächsten Morgen stiegen wir nach einer gemeinsamen Meditation im morgendlichen Wald ohne großes Frühstück noch einmal 300 Höhenmeter auf den Blauen hinauf. Ich wusste, dass es dort eine Gaststätte gab, in der wir etwas essen konnten. Wie mit der Hexenplatzhütte verband mich auch mit dieser Gaststätte ein ganz besonderes Erlebnis, das nach 22 Jahren noch immer sehr präsent war.
Als ich damals ohne Geld zu Fuß durch Deutschland gewandert bin, hatte ich meine besten Freunde gebeten, mir Briefe zu schreiben, die ich mit auf den Weg nehmen konnte. Auf dem Umschlag sollten sie angeben, für welche Situation der jeweilige Brief bestimmt war. Auf einem stand: „Zu öffnen, wenn es richtig schwierig und kalt ist.“
Da diese Wanderung zu weiten Teilen im Sommer stattfand und es erst im Schwarzwald ende September richtig kalt wurde, blieb dieser Brief als einer der letzten übrig. In der Nacht, bevor ich damals den Blauen erreichte, sank die Temperatur zum ersten Mal unter null Grad. Es lagen nur noch zwei Wandertage vor mir. Ich war für diese Kälte nicht ausgerüstet. Es war also der perfekte Moment, den Brief zu öffnen. Allzu viel Schwieriges sollte auf den verbleibenden Kilometern wohl nicht mehr geschehen.

In dem Umschlag fand ich einen Brief mit vielen aufbauenden Worten, ein paar Streichhölzer, um mir ein wärmendes Feuer anzuzünden, ein Päckchen Zucker, um den Augenblick zu versüßen und etwas Energie zu bekommen, und zehn Euro. Außerdem lag Esspapier darin, auf das ich alles schreiben sollte, was mich belastete, um es anschließend hinunterzuschlucken.
Dieser Brief hat mich damals sehr berührt, und er tut es noch heute, wenn ich mich in die damalige Situation hineinversetze. Es braucht so wenig: ein paar wärmende Worte im richtigen Augenblick und ein paar Kleinigkeiten, die eine Situation grundlegend verändern können.
Als ich dann am nächsten Tag bei schlechtem Wetter über den Blauen ging, war klar, dass ich diese zehn Euro in der Gaststätte auf dem Gipfel ausgeben würde, die ich auf Karten eingezeichnet gefunden hatte. Ein Luxus, den ich mir über zwei Monate nicht gegönnt hatte. Ich bestellte damals einen Kaffee und ein Stück Donauwelle. Und diese Donauwelle war so unglaublich lecker, dass sie mir bis heute in Erinnerung geblieben ist. Ob sie wirklich so außergewöhnlich war, weiß ich nicht. Aber ich war in einem Zustand der Dankbarkeit und des Glücks. Vielleicht war es einer der besten Bissen, die ich je gegessen habe. Jedenfalls erinnere ich mich auch 22 Jahre später noch daran.
Beim Aufstieg auf den Blauen war dieses Erlebnis wieder in meinem Kopf. Insgeheim freute ich mich schon auf die Donauwelle, die es dort oben zur Belohnung geben würde. Mehr brauchte es an diesem Tag nicht, um mich glücklich zu stimmen. Das Wetter war wunderbar. Die Gemeinschaft mit Tobias. Die Landschaft des Schwarzwaldes. Und als Krönung ein Stück Kuchen.
Doch wie so oft auf dieser Reise trafen meine Wünsche und Vorstellungen auf eine andere Realität.
Das Gasthaus auf dem Blauen gibt es nicht mehr so, wie ich es vor 22 Jahren vorgefunden habe. Es wurde inzwischen zu einem Hotel mit gehobenem Anspruch umgebaut, mit großem Spa-Bereich und Infinity-Pool, von dem aus man auf der einen Seite bis in die Vogesen und auf der anderen Seite bis zu den Alpen schauen kann. Die wunderschöne Terrasse, von der man dieses unglaubliche Panorama bei gutem Wetter genießen kann, ist ausschließlich für Gäste des Restaurants und Hotels zugänglich.

Es wurde ein exklusiver Ort geschaffen. Einer, der, sobald er voll in Betrieb ist, sicherlich auch exklusive Preise verlangen kann. Noch merkte man, dass der Betrieb gerade erst begonnen hatte und manches noch nicht eingespielt war. Fotografen machten im Speisesaal Bilder von Tischdekorationen, Essen und schöner Aussicht im Hintergrund.
Tobias lud mich ein, etwas zu essen. Er überlegte, dass er vielleicht einmal mit seiner Frau hierherkommen könnte, der es dort bestimmt gut gefallen würde. Und dagegen war ja auch nichts einzuwenden. Alles sah aus wie aus einem Bilderbuch oder einer Hochglanzbroschüre.
Doch je länger wir dort saßen und die Aussicht genossen, desto deutlicher wurde, dass ihn dieser Ort selbst eher befremdete. Vielleicht gerade, weil wir aus einer ganz anderen Welt kamen: aus der Einfachheit der kleinen Hütte im Wald und einer Nacht, die nichts von dem brauchte, was hier oben so aufwendig inszeniert wurde.
So dachte er laut weiter, dass er vielleicht seine Frau hier unterbringen könnte, damit sie den Komfort in vollen Zügen genießt, während er selbst unten bei der Hütte in seiner Hängematte schläft und nur zum Frühstück hochkommt. An diesen Überlegungen merkte ich, dass das Hotel für ihn keine wirkliche Verlockung war. Was er in der Nacht zuvor erlebt hatte, schien ihm näher zu sein: in der Hängematte liegend, in den Himmel schauend, ganz bei sich ankommend.

Mein Kuchen schmeckte leider furchtbar und innerlich war ich damit beschäftigt, mit meiner Trauer zurechtzukommen, dass dieser Ort nicht mehr dem entsprach, was ich erwartet hatte.
Ich hätte Tobias in dieser Situation gerne an meinen Gedanken teilhaben lassen. Ich hätte ihm gerne die ganze Geschichte erzählt, die mich mit diesem Ort verband. Aber um all das aufzuschreiben, hätte es viele Seiten gebraucht. So blieben diese Gedanken bei mir. Die Enttäuschung über die verlorene Erinnerung. Die Verwunderung darüber, wie aus einem einfachen Gasthaus an einem besonderen Ort ein exklusiver Sehnsuchtsort für wenige geworden war. Und auch alte Fragen, die mich schon vor 22 Jahren beschäftigten: Wer darf an solchen Orten teilhaben? Wer bleibt draußen? Was macht ein Erlebnis wertvoll, wenn es vor allem dadurch besonders wird, dass es nicht allen offensteht?
Ich fragte mich, wie viele der Gäste, die sich regelmäßig ein solches Hotel und all diesen Luxus leisten können, sich nach 22 Jahren noch an den Besuch eines solchen Ortes erinnern werden. An den Infinity-Pool, die tolle Aussicht, das gute Essen. Wenn es zu den eigenen Gepflogenheiten gehört, so einzukehren, brennt sich dann ein solcher Moment noch ein?
Und würden sie je dieses Glück verspüren, das mir damals diese Donauwelle verschafft hatte? Diese unglaubliche Dankbarkeit, die sich in mir eingebrannt hat? Oder braucht es immer mehr Besonderheit, immer mehr Exklusivität, immer mehr inszenierte Einzigartigkeit, um überhaupt noch einen Unterschied zu spüren?
Vielleicht waren diese Gedanken in diesem Moment nicht gerecht gegenüber den einzelnen Menschen, die dort saßen. Vielleicht waren sie zugespitzt, weil ich traurig war. Aber sie waren da. Und sie kamen nicht aus dem Nichts. Sie berührten etwas, das mich seit vielen Jahren beschäftigt: die Frage, wie viel von dem, was wir Glück nennen, eigentlich von Ausschluss lebt. Von einem Lebensstil, der sich nach außen als Erholung, Schönheit und Genuss zeigt, aber zugleich Orte verändert, Preise verändert, Zugänge verändert und am Ende oft genau das verdrängt, was diese Orte einmal einfach und schön gemacht hat.
All diese Gedanken stimmten mich ziemlich traurig. Zum Glück hatte ich Tobias vorher, ohne zu wissen, was uns dort oben nach 22 Jahren erwarten würde, die Wahl gelassen: eine Gaststätte auf dem Blauen oder eine kleine Hütte im Wald. Und wie froh war ich nun, dass er die Hütte gewählt hatte. Trotz aller Achtsamkeitsübungen wäre es mir schwergefallen, an diesem Ort nach der Enttäuschung des Kuchens und allem, was mit ihm verbunden war, innerlich zur Ruhe zu kommen. So war ich erleichtert, bald wieder unterwegs zu sein und in die Natur eintauchen zu können. Hinunter zur Rheinebene, wo ich Tobias am Mittag in Badenweiler verabschieden würde.
Tobias wollte sich unbedingt noch bei mir bedanken und bot mir an, mir für den Abend ein Hotelzimmer in diesem schönen kleinen Kurort zu bezahlen. Im Winter hätte ich diese Einladung wahrscheinlich liebend gerne angenommen. Durch mein Schweigen konnte ich ihm nun aber schwer erklären, dass ich meine Entscheidung längst getroffen hatte und warum. Auch das wären wieder zu viele Seiten auf meinem Tablet geworden. Zu einem sehr leckeren Mittagessen in einem guten Restaurant und einem anschließenden Eis ließ ich mich aber gerne einladen.
Nach einer herzlichen Verabschiedung und diesen wunderbaren Stunden gemeinsam machte Tobias sich auf den Weg nach Hause. Ich dagegen stieg denselben Weg noch einmal einen Kilometer bergauf zurück. Dort gab es einen kleinen Wald mit vielen Kiefern, die weit auseinanderstanden. Die Temperatur lag bei über 30 Grad. Die ersten richtigen Sommertage und Sommernächte mit knapp 20 Grad waren vorhergesagt und nun waren sie da.

Als wir zuvor nach Badenweiler abgestiegen waren, war mir hier der Duft der Kiefern in die Nase gestiegen. Ich hatte die Wärme des Bodens gespürt, die Steine, die das Licht reflektierten. Eidechsen sonnten sich im Geröll. All das löste in mir ein Gefühl von Südeuropa aus. Korsika, Südfrankreich oder Italien. Dazu die wunderschöne Fernsicht über die Rheinebene hinüber zu den Vogesen. Aber es war nicht nur dieses Gefühl von Süden, das mich zurück an diesen Ort gezogen hatte. Es lag etwas von Stille und Frieden dort, das meine Sehnsucht danach wachsen ließ.
Und während ich dort meinen Platz für die Nacht fand, fiel langsam etwas von der Schwere des Vormittags von mir ab. Die Gedanken an das Hotel, an Exklusivität, an all das, was mich traurig gemacht hatte, verschwanden nicht einfach. Aber sie wurden leiser. Der Kiefernwald antwortete nicht auf meine Fragen. Er bot mir nichts an, was ich kaufen, buchen oder besitzen konnte. Er war einfach da. Offen, warm, duftend, durchlässig. Ein Ort, an dem ich niemand sein musste und an dem nichts Besonderes hergestellt werden musste, damit es besonders war.

Die Nacht versprach einen großartigen Sternenhimmel. Dafür brauchte es kein Zelt, kein Dach über dem Kopf. Nur einen wachen Moment, um in die Sterne zu schauen.
Wie viel wertvoller das sein kann als jedes Hotel, lässt sich kaum in Worte fassen und auf einem Tablet niederschreiben. Vielleicht versteht man es nur, wenn man es erlebt. Wenn man ganz im Moment ist, verbunden mit sich selbst und der Natur.
Für mich hätte es an diesem Abend keinen schöneren Ort geben können.
Ich war glücklich und dankbar.
Und vielleicht war es genau eine solche Erfahrung, in der langsam jene Worte in mir reiften, die ich wenige Wochen später, nach einem Jahr im Schweigen, als erste wieder aussprechen würde.