Tage 338–339 – Unterwegs mit Manuela – Von der Sehnsucht nach Stille und einer Frage, die bleibt

Nach einer wunderbaren Nacht unter dem Sternenhimmel erwachte ich am Morgen bei angenehmen Temperaturen. Es war so warm, dass ich ohne Jacke und Schlafsack meditieren und während des Sonnenaufgangs ein paar Atemübungen machen konnte, umgeben von großartiger Natur. Ich kann mir kaum vorstellen, besser in einen Tag zu starten.
Am Nachmittag war ich auf halbem Weg zwischen Notschrei und Hofsgrund mit Manuela verabredet, die mich bis zum nächsten Tag nach Freiburg hinunter begleiten würde. Manuela ist Journalistin, arbeitet für „Kirche im SWR“ und hatte mich schon vor einiger Zeit kontaktiert, um mich am Ende meiner Reise, kurz vor der Ankunft in Stuttgart, zwei Tage begleiten zu können.
Ein passendes Zeitfenster fand sich nun kurz nach Pfingsten. Sie hatte eine Ferienwohnung in Hofsgrund für uns beide reserviert, nachdem ich ihr den ungefähren Verlauf der Strecke durchgegeben hatte. Außerdem hatte sie alle wichtigen Dinge für diesen Wegabschnitt recherchiert: Einkehrmöglichkeiten, Anreise und wie sie danach wieder gut nach Hause kommen würde. Alles war perfekt durchgeplant. Und das Wetter sollte auch mitspielen, sofern man mit Temperaturen um 30 Grad gut umgehen kann.
Wir hatten keinen ganz genauen Treffpunkt ausgemacht. Irgendwo im Wald, wenige Kilometer vor Hofsgrund, sollten wir uns begegnen. Damit wir uns nicht verfehlen würden, schickte ich ihr meinen Standort. Das funktionierte wunderbar, und so fanden wir uns mitten in der Natur.

Nach der Begrüßung gingen wir erst einmal zusammen los. Unterwegs erzählte Manuela ein wenig von sich. Von den letzten Tagen, in denen alles viel zu viel gewesen war. Davon, dass sie kaum geschlafen hatte in den vergangenen Nächten. Dass sie nicht genau wusste, wie diese Begegnung werden würde, wegen ihrer Müdigkeit, nun aber froh war, hier zu sein. Sie gestand mir auch, dass sie nervös gewesen war, mich zu treffen.
Mit dieser Aussage war sie nicht allein. Viele der Journalistinnen und Journalisten, denen ich in diesem Jahr unterwegs begegnet bin, teilten diese Nervosität. Anfangs war ich darüber etwas verwundert, gehört das Interviewen von Menschen eigentlich zu ihrer täglichen beruflichen Routine. Aber durch mein Schweigen sprenge ich diese Routine komplett. Sie wissen nicht genau, was sie erwartet und ob das überhaupt geht: einen Radiobeitrag oder einen Artikel über jemanden zu machen, der nicht spricht. Vielleicht ist es auch deshalb so herausfordernd, weil man durch mein Schweigen sehr viel stärker mit sich selbst konfrontiert wird. Mit dem, was im eigenen Inneren vor sich geht und vielleicht erzählt werden möchte.
Meist spüre ich jedoch, wie die Anspannung nach und nach abfällt, sobald ich die ersten Sätze aufschreibe und mein Gegenüber merkt, dass man mit mir durchaus kommunizieren kann – schriftlich, aber vor allem nonverbal. Das gemeinsame Gehen, die Stille und meine eigene Ruhe übertragen sich dann. Genau das wünsche ich mir für diese Begegnungen: dass sie nicht nur daraus bestehen, dass ich Fragen im Akkord beantworte. Ich hoffe immer, dass sich mein Gegenüber auf den Moment einlässt, mir von sich erzählt oder einfach mit mir in die Stille eintaucht. Die andere Person soll selbst die Erfahrung machen, wie es ist, wenn jemand wertfrei und mit voller Aufmerksamkeit zuhört. Denn am Ende ist es diese eigene Erfahrung, die den Unterschied macht, und darüber zu berichten, ist oft viel spannender als alles, was ich selbst aufschreiben könnte.
Da Journalisten meist selbst die Zuhörenden und Fragenden sind, tun sich manche mit dieser neuen Rolle schwer. Einer, den ich darauf angesprochen hatte, meinte dazu, das sei eine Berufskrankheit: nichts von sich selbst zu erzählen, sondern immer nur etwas aus den anderen herauszulocken.

Bei Manuela war das anders. Sie öffnete sich relativ schnell und erzählte mir, wo sie gerade im Leben stand. Was schwierig war und zu den schlaflosen Nächten geführt hatte. Was sie beschrieb, war mir aus vielen Begegnungen der letzten Monate vertraut: die Überlastung im Beruf und im Privaten, das unaufhörliche Kreisen der Gedanken und das Gefühl, dass das Leben im Autopiloten an einem vorbeizieht, ohne dass man noch wirklich zur Ruhe kommt.
Wirklich zur Ruhe kommt Manuela, wie sie sagte, eigentlich nur noch am Meer. Dort kann sie abschalten. Die Sehnsucht ist groß, mehr Zeit an einem solchen Ort zu verbringen, um wieder ganz bei sich anzukommen. Auch ich kenne dieses Gefühl nur allzu gut: wenn der Kopf nicht mehr abschaltet, gerade dann nicht, wenn Körper und Geist Erholung bräuchten, und wenn der Schlafmangel die Situation noch einmal verschärft. Meine Medizin ist das Wandern. Das Losziehen. Die Natur. Mich in fremde Welten zu begeben, um dem eigenen Kopf zu entfliehen. Nun durfte ich das ein ganzes Jahr lang machen. Ich darf mich glücklich schätzen über diese Erfahrung.Und zugleich gab es da auch ganz viel Raum, in dem ich mich mit mir selbst beschäftigen musste. Es war also nicht nur eine Flucht.

Je länger ich mit Manuela unterwegs war, je länger wir abends im Restaurant zusammensaßen oder am nächsten Morgen beim Frühstück, desto weniger war klar, ob wir gerade private Dinge austauschten oder ob sie mir journalistische Fragen stellte. Und gerade weil es diese Vermischung gab, weil ich gespürt habe, dass viele ihrer Fragen aus einem persönlichen Interesse kamen und die Begegnung auch in ihr etwas ausgelöst hatte, wurde es ein sehr bewegendes Zusammensein.
Unterwegs reichte ich ihr immer wieder Pflanzen, die ich am Wegesrand pflückte, die sie probieren konnte. Später schrieb ich ihr auf, dass jede Pflanze, die sie unterwegs wahrnimmt und benennen kann, ein Moment ist, der sie aus den Gedanken zurück ins Hier und Jetzt holt. Ich erklärte ihr, dass sie weniger auf den Boden schauen und mehr die Umgebung wahrnehmen sollte. Am Abend meditierten wir gemeinsam, was für sie ebenfalls eine neue Erfahrung war. All diese Dinge zeigten Wirkung. Innerhalb dieser zwei Tage fiel mehr und mehr Anspannung von ihr ab, sie blühte sichtbar auf und wurde ruhiger. Das zeigte sich manchmal nur in kleinen Momenten: in einem langsameren Schritt, in einem Blick, der nicht mehr nur nach innen gerichtet war, oder darin, dass sie viel häufiger selbst wahrnahm, was am Wegesrand wuchs. Wenn sie nicht nebenher noch den Radiobeitrag hätte produzieren müssen, für den sie immer wieder Reflexionen und Gedanken einsprach, wäre es wohl die perfekte Auszeit gewesen. Aber auch so war diese Metaebene spannend zu beobachten – wie sie als Journalistin und zugleich als Privatperson dieses Projekt begleitete. Das setzte auch in mir ganz neue Gedanken in Gang.

Nachdem wir am zweiten Tag schon eine Weile unterwegs waren, schrieb ich ihr eine Frage auf, die ich bisher bei noch niemandem so klar und deutlich formuliert hatte: Sehnst du dich nicht manchmal nach Stille im Kopf? Einfach einmal nach einer Pause von all den Gedanken, Plänen und Sorgen?
Weil gerade das Mikrofon eingeschaltet war, las sie die Frage ein und begann laut für sich zu reflektieren. Während ich ihren tastenden Antworten zuhörte, spürte ich plötzlich eine ganz neue Klarheit. In mir kam eine größere Frage auf, die mich wohl schon die gesamte Reise über begleitete: Ist das nicht eine der zentralen Fragen unserer Zeit?
Durch die Erfahrungen im vergangenen Jahr wurde mir bewusst, dass Manuelas Erschöpfung kein Einzelfall ist. Unzählige Menschen spüren diesen Druck, die Getriebenheit und die permanente Müdigkeit, ohne ihre Sehnsucht überhaupt als Suche nach Stille zu benennen. Vielleicht ist Stille kein Luxus, vielleicht ist sie so etwas wie ein Grundnahrungsmittel, das wir alle brauchen, um wieder Kraft zu schöpfen. Und ich meine damit nicht nur die Abwesenheit von Geräuschen im Außen. Ich meine eine innere Stille, in der die ständigen Schleifen aus Angst, Wut, Sorge, Traurigkeit oder Einsamkeit für einen Moment an Bedeutung verlieren. In der man einfach sein darf, ohne ständig alles durchdenken, bewerten oder lösen zu müssen.
Auf meinem Weg habe ich mich oft selbst dabei ertappt, wie schwer diese Stille auszuhalten ist. Viele Menschen flüchten vor ihr – manche heilsam in die Natur, den Sport oder die Musik, andere in die endlose Ablenkung. Wir füllen heute jede noch so kleine Pause im Zug oder beim Warten sofort mit dem Griff zum Smartphone, scrollen durch Feeds oder konsumieren Medien. Nicht, weil wir noch mehr Lärm wollen, sondern weil wir das übertönen möchten, was im eigenen Kopf so laut geworden ist. Die unruhigen Gedanken verschwinden dadurch aber nicht; wir verdrängen sie nur. Und dann kommen sie genau dort zurück, wo wir uns nicht mehr vor ihnen verstecken können – nachts, wenn wir völlig erschöpft im Bett liegen und trotzdem nicht einschlafen können. Genau wie bei Manuela vor unserer Begegnung.
Wird unsere Welt vielleicht gerade deshalb immer lauter, weil wir verlernt haben, diese innere Stille zu finden? Versuchen wir im Außen etwas zu übertönen, womit wir im Innen nicht mehr klarkommen, und drehen die Lautstärke deshalb immer weiter auf?

Vielleicht ist das eine der Fragen, die ich von dieser Reise mit nach Hause bringe. Vielleicht sogar eine Frage, die weit über mein eigenes Projekt hinausweist. Oder ist das zu einfach gedacht? Verdichtet diese Frage etwas, das viele Menschen betrifft, oder vereinfacht sie eine viel komplexere Wirklichkeit?
Genau dem möchte ich in der kommenden Zeit nachgehen. Ich möchte diese Frage ganz unterschiedlichen Menschen stellen – nicht, weil ich glaube, die Antwort schon zu kennen, sondern weil ich wissen möchte, was sie in anderen auslöst.
Bei Manuela konnte ich spüren, dass diese Frage etwas in Gang gesetzt hatte. Dass sich plötzlich ein Fenster geöffnet hatte. Dass sich ihr ein anderer Blick auf ihr Innenleben zeigte. Vielleicht waren ein paar Steine ins Rollen gebracht. Mit der Frage, wie sie wieder mehr Stille in ihr Leben bringen kann und wie viel Platz sie ihr einräumen möchte.
Der Abstieg hinunter nach Freiburg zog sich. Als wir am späten Nachmittag nach etwas mehr als 20 Kilometern in der Stadt ankamen, zeigten die Thermometer weit über 30 Grad. Auch wenn es im Wald und auf den Höhen des Schwarzwaldes etwas kühler gewesen war, machte sich die Hitze spätestens jetzt voll bemerkbar. Nach einem kurzen Besuch im Münster lud mich Manuela noch auf ein erfrischendes kaltes Getränk ein, das etwas Linderung verschaffte bei der Hitze.
Wir waren beide erschöpft. Zumindest von mir selbst konnte ich sagen, dass es nicht nur der Weg und die Sonne waren, die mir zu schaffen machten. Es waren auch die Gedanken, die ich hin und her gewälzt hatte und die mich seitenweise vereinnahmten.
Auch in dieser Hinsicht war es schön, mit Manuela unterwegs zu sein. Denn wenn ich sah, dass auch sie wieder in Gedanken versunken war, erinnerte mich das daran, selbst zurückzukommen ins Hier und Jetzt. Den Schritt bewusst etwas langsamer werden zu lassen. Den Kopf zu heben. Die Landschaft um mich herum wahrzunehmen. Die essbaren Pflanzen am Wegesrand zu benennen, von einigen zu kosten und wieder etwas Stille einkehren zu lassen in all die Gedanken, die sich für so unglaublich wichtig hielten und mindestens genauso viel Kraft kosteten wie die Sonne und der lange Weg. Vielleicht ist es genau der Moment im Hier und Jetzt, der einen trägt. Der Moment, in dem etwas Stille im Kopf entstehen kann.
Aus diesen zwei Tagen mit Manuela sind diese schönen Radiobeiträge geworden, die unsere Begegnung aus ihrer Sicht erzählen:
SWR4 Abendgedanken „Daniel schweigt“ (16.06.2026)
SWR1/SWR4 Begegnungen „Zuhören wird unterschätzt“ (05.07.2026)