Tage 339–343 – Freiburg – Zu Besuch bei Jordan – Zuhören auf dem Platz der Alten Synagoge

Nachdem ich Manuela noch zum Bahnhof gebracht hatte, blieb keine Zeit mehr für eine richtige und herzliche Verabschiedung, wie sie nach solch schönen gemeinsamen Tagen angebracht gewesen wäre. Sie musste die letzten Meter rennen, um ihren Zug zurück zum Auto zu erwischen. Für mich waren es nur noch ein paar Querstraßen bis zu meinem Ziel für diese Etappe. Ich war für die nächsten Tage bei Jordan zu Gast.
Für Freiburg hatte ich sehr viele Angebote bekommen, wo ich hätte unterkommen können. Es ist eine Stadt, in der ich viele Menschen kenne. Aber nach knapp einem Jahr unterwegs gab es dort auch mehr und mehr Menschen, die von meinem Projekt gehört hatten und mir, ohne mich persönlich zu kennen, einen Schlafplatz angeboten hätten.
Vielleicht war es ein Zeichen einer aufkommenden Müdigkeit, dass ich mich entschied, in Freiburg einfach an einem Ort zu bleiben und nicht noch mitzunehmen, was möglich gewesen wäre. Ich hatte im vergangenen Jahr bei so vielen unterschiedlichen Menschen Zeit verbracht, in so viele Leben hineingeschaut, und auf den letzten Kilometern sah es ohnehin danach aus, als würde nur noch wenig Raum für mich selbst bleiben. Umso dankbarer war ich, dass ich diese Tage bei Jordan absteigen konnte.
Ohne es vorher gewusst zu haben, waren seine Kinder in den Pfingstferien noch bei den Großeltern. Auch das versprach noch einmal etwas mehr Ruhe. Und vor allem Zeit mit Jordan, die in den letzten Jahren viel zu kurz gekommen war.
Jordan ist einer meiner ältesten Freunde aus meiner Pfadfinderzeit. Mit ihm verbindet mich unglaublich viel. Mit 17 bin ich zu Hause ausgezogen und 1997 mit ihm in meine erste WG gezogen. Allein dieses erste Jahr, die Unabhängigkeit von den Elternhäusern und diese prägende Zeit haben sich fest in mein Gedächtnis eingeschrieben. Es gäbe unzählige Anekdoten daraus zu erzählen.
Später, während meiner Studienzeit, habe ich noch zwei weitere Male mit ihm in einer WG gewohnt. Jordan hat wahrscheinlich so viele meiner Umzüge mitgemacht wie kaum ein anderer Mensch – und ich bin sehr oft umgezogen in meinem Leben. Wir sind zusammen auf selbstgebauten Schneeschuhen und mit fragwürdiger Ausrüstung im Winter durch die französischen Alpen gewandert. Wir waren gemeinsam einen Monat in Mittelamerika unterwegs, als ich dort meinen Zivildienst gemacht habe. Und Jordan war immer der Fahrer. Er hatte schon früh einen VW-Bus, trank nie Alkohol und war im Gegensatz zu mir immer motorisiert. So kam ich in den Luxus, überall hinzukommen, wo wir gemeinsam unterwegs waren.
Außerdem gehört er zu den Menschen, die mich bei meinen Kunstprojekten und Ausstellungen immer wieder unterstützt haben: beim Aufbau, beim Montieren irgendwelcher Kunstwerke, beim Abseilen bei einer Performance oder einfach beim Transport von Arbeiten.
Als ich nun bei ihm ankam, stand er gerade mit seiner Frau Hannah im Kinderzimmer. Die beiden hatten die kinderfreie Zeit genutzt, um das Zimmer neu zu streichen, und wollten in den nächsten Tagen auch noch den Flur machen. Selbst wenn ich auf Krücken bei ihm angekommen wäre und kaum noch hätte laufen können, wäre klar gewesen, dass ich helfe. Kein Text und keine organisatorische Aufgabe wäre wichtiger gewesen.
An diesem Abend im Kinderzimmer waren die beiden allerdings schon so weit gekommen, dass meine Unterstützung nicht mehr wirklich nötig war. Nach dem langen, heißen Tag war ich darüber nicht unglücklich. Ich freute mich, erst einmal ausgiebig duschen zu können und dann am nächsten Tag im Flur mitzuhelfen.
Jordan gehört eher zu den stillen Menschen. Zu denen, die sich nie in den Vordergrund stellen, auf die man sich aber immer verlassen kann, wenn es darauf ankommt. Wir kennen uns so gut, dass es oft nicht vieler Worte bedarf, um zu wissen, wie es dem anderen geht und was ihn umtreibt.
Da ich nach dem Studium fünf Jahre in Brasilien gelebt habe und er später nach Freiburg gezogen ist, um dort eine Familie zu gründen, ist der Kontakt in den letzten 15 Jahren weniger geworden. Dass wir nun so viel Zeit miteinander hatten, noch dazu ohne Kinder und ohne große Ablenkung, kam in den letzten Jahren kaum mehr vor.
Für mich war es schön, diese Tage mit ihm zu verbringen und ihm durch mein Schweigen viel mehr Raum geben zu können. Zu hören, wie es ihm geht: in der Arbeit, mit der Familie, in der Beziehung. Und auch wenn wir nicht miteinander redeten, war es schön zu spüren, dass diese Verbindung, die in so vielen gemeinsamen Erlebnissen gewachsen ist, immer noch da war.
Wir gehen beide auf die 50 zu, haben ganz unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen und sind nicht mehr die Menschen, die wir einmal waren. Und doch war noch so viel Vertrautes aus diesen früheren Zeiten spürbar. Manchmal zeigte es sich nur in kleinen Bewegungen, feinen Gesten oder unbewussten Mimiken, die mir früher wahrscheinlich nie aufgefallen wären. Es war sehr berührend für mich, diese Vertrautheit immer wieder wahrzunehmen, ohne selbst viel sagen oder schreiben zu müssen.

Eigentlich hatte ich gehofft, in Freiburg auch an der Universität eine Station machen zu können. Über die Kuratorin Fiona gab es die Idee, in einem Seminar den Studierenden zuzuhören, was jedoch wegen der Pfingstferien kurzfristig scheiterte. Da ich vor dem nahenden Ende meines Jahres aber unbedingt noch einmal öffentlich zuhören wollte, schlug Fiona mir den Platz der Alten Synagoge vor. Ich wählte den Samstagnachmittag. Durch eine kleine Ankündigung in der Zeitung wussten zumindest ein paar Menschen, dass ich dort sechs Stunden lang auf meinen Stühlen sitzen würde.
Es war ein sehr heißer Tag mit Temperaturen bis 35 Grad im Schatten. Im Zentrum war es wahrscheinlich noch heißer, weil die Pflastersteine die Hitze vom Boden zurückstrahlten. Auf dem Platz gab es ein Wasserspiel, ein Anziehungspunkt für Eltern mit ihren Kindern, die bei dieser Hitze große Freude an den kleinen Wasserfontänen hatten. Ich beobachtete dieses Treiben gerne aus der Ferne.

Auch sonst war es schön, mit viel Zeit dort zu sitzen und die Menschen im Sommer zu beobachten. Wie sie eisleckend an mir vorüberzogen. Wie das Tempo bei diesen Temperaturen aus den Schritten genommen wurde. Wie manche sichtbar unter der Hitze litten und andere geradezu aufzublühen schienen.
Insgesamt kamen nur sechs Personen zu mir, und alle kamen gezielt. Vom Laufpublikum fühlte sich an diesem heißen Sommertag niemand angesprochen. Besonders berührend war die Begegnung mit der Mutter einer guten Freundin, die an diesem Tag ihren 60. Geburtstag hatte. Von ihrer Tochter hatte sie erfahren, dass ich in der Stadt war. Sie sagte mir, dass sie sich die Begegnung mit mir zum Geburtstag schenke. Dabei wollte sie überhaupt nichts erzählen, sondern einfach einige Minuten mit mir in der Stille verbringen. Das war sehr schön und intensiv.
Weil auch die anderen Begegnungen nicht länger als 20 Minuten dauerten, hatte ich an diesem Tag viel Zeit zu beobachten.
Wann macht man das heute noch? Einfach auf einem Platz sitzen und schauen. Die obdachlosen Menschen bewusst wahrnehmen, für die sonst oft ein kurzer Blick reicht, um sie in eine Schublade zu stecken und den Blick schnell wieder abzuwenden. Die Touristinnen und Touristen wahrnehmen, die man oft an ihrem offenen Blick erkennt, weil sie noch wirklich schauen. Anders als die Menschen, die glauben, ihre Stadt schon in- und auswendig zu kennen, und deshalb viel mehr in sich selbst versunken durch sie hindurchgehen.
Aber auch mir fällt dieses Schauen und Beobachten über viele Stunden nicht nur leicht. Die Gewohnheit ist stark, irgendwann das Handy herauszuholen und Nachrichten zu checken. Oft passiert es fast automatisch. Plötzlich liegt es in der Hand, und man fragt sich, wie es dorthin gekommen ist.
In diesen sechs Stunden musste ich mich immer wieder daran erinnern, es nicht hervorzuholen. Präsent zu bleiben. Oder einfach meinen Gedanken zu lauschen. Dem, was mein Kopf mir auf diesem Platz alles erzählte. Den Bildern, die er kommentierte und bewertete. Den Gedanken, die aufkamen zu den letzten Begegnungen, den anstehenden Etappen, dem Ende meines Projekts.
Sich selbst zuzuhören kann sehr ergiebig sein. Manchmal aber auch sehr anstrengend. Gerade bei Hitze. Und erst recht, wenn man sich selbst so ausstellt, auf seinen Stühlen mitten auf einem großen Platz, mit einem Schild daneben. Vielleicht dann doch schnell das Handy hervorholen, damit man etwas zu tun hat und sich ablenkt von den Blicken der anderen, die sich vielleicht frage was ich da mache und was das soll?
So war ich dankbar, als eine Journalistin vorbeikam, mit unendlich vielen Fragen. Anders als Manuela in den zwei Tagen zuvor ließ sie sich nicht darauf ein, auch von sich selbst zu erzählen, sondern blieb ganz in ihrer Rolle als Journalistin. Und da ich Zeit hatte und sich in den 75 Minuten, in denen sie bei mir war, niemand anschickte, mir etwas zu erzählen, beantwortete ich ihr gerne all ihre Fragen schriftlich.
Diese vielen Fragen zeugten schließlich auch von einem großen Interesse. Gleichzeitig verlangte dieses Interview ihr im Vergleich zu anderen Begegnungen viel Geduld ab, weil ich mit dem Schreiben kaum hinterherkam. Herausgekommen ist ein schöner Artikel, in dem sie es geschafft hat, vieles von dem, was ich ihr aufgeschrieben hatte, noch einmal in eigene Worte zu fassen. Auch wenn sie selbst sich nicht auf das Erzählen eingelassen hatte, ist doch einiges aus dieser anderen Art der Begegnung hängen geblieben. Artikel lesen unter: LINK

An einem anderen Tag traf ich noch Alena und Chris in einem Café. Wir hängten die Füße zur Abkühlung in eines der Freiburger Bächle, um es bei der Hitze überhaupt auszuhalten. Die beiden hatte ich ganz am Anfang meiner Tour in Ettlingen kennengelernt. Damals hatte ich vielleicht den ersten ausführlichen Blogartikel über Menschen geschrieben, die ich vorher nicht kannte und die nichts mit einer offiziellen Zuhörstation zu tun hatten.
Seitdem waren die beiden mir online gefolgt, und wir waren immer wieder in Kontakt geblieben. So war es spannend und schön, sie in Freiburg wiederzutreffen und zu sehen, wie sich eine Begegnung innerhalb eines Projekts verändern kann. In dieser Zeit war so vieles passiert, bei mir genauso wie bei den beiden. Sie leben immer noch im Wohnmobil, sind nun aber dabei, ihr Leben nach drei Jahren unterwegs wieder sesshafter werden zu lassen, weil die Kinder mit zunehmendem Alter doch mehr Platz und Privatsphäre brauchen, als ein Wohnmobil auf Dauer bieten kann.
So war Freiburg geprägt vom Sommer. Von Begegnungen mit alten Freunden und mit Menschen, mit denen ich mich verbunden fühlte. Nichts Spektakuläres. Und trotzdem schön und ruhig. Den Temperaturen angepasst.
Vielleicht habe ich das in den fünf Jahren gelernt, die ich in Brasilien gelebt habe: dass es ab einer bestimmten Temperatur sinnvoll ist, einen oder zwei Gänge herunterzuschalten. Die Dinge geschehen zu lassen. Sich auf einen Platz zu setzen und das Leben vorüberziehen zu lassen, ohne es aus den Augen zu verlieren.
Und dann bleibt doch einiges hängen, worüber es sich lohnt zu schreiben.