Unterwegs

Seit ich Ettlingen am 9. August zu Fuß verlassen habe, war ich eigentlich nur an drei Tagen wirklich allein. Ansonsten hatte ich fast immer Begleitung oder intensive Begnungen: unterwegs, bei Einladungen zur Übernachtung oder während Stationen meines Projekts in verschiedenen Institutionen. Die Menschen, die mich begleiten oder beherbergen, kommen aus den unterschiedlichsten Kontexten:
Eine junge angehende Journalistin ist bei 35°C mit mir gewandert, um für ihr Studium und die Studentenzeitschrift eine Reportage zu schreiben. Bruder Josef, der sich selbst „Wanderbruder“ nennt, hat mich ein Stück auf dem Jakobsweg Richtung Speyer begleitet. Freunde waren dabei, aber auch Menschen, die mir zuvor völlig unbekannt waren und die ich erst an einer Station meines Projekts getroffen habe. Zuletzt hat Becky, meine Projektmanagerin, zwei Tage mit mir verbracht – um selbst zu erfahren, was sie sonst im Hintergrund organisiert.
Mit jeder Person, jeder Station und jeder Einladung tauche ich in eine neue Welt ein. Jedes Mal bedeutet das, mich auf jemand Neues einzustellen. Bisher gelingt mir das gut, da es fast immer herzliche Menschen sind, die Interesse an mir und meinem Projekt haben. Den Zeitaufwand habe ich allerdings unterschätzt: Wenn ich mit jemandem zusammen bin, möchte ich auch ganz präsent sein. Organisatorisches bleibt dann liegen. So hinken meine Blogeinträge meist drei bis sieben Tage hinterher – und die tägliche Strecke von 15 bis 20 Kilometern will schließlich auch noch gelaufen werden. Zeit, einfach entspannt auf einer Wiese die Natur zu genießen, bleibt kaum. Aber immerhin: das Wandern selbst ist für mich Entspannung, solange es nicht zu steil bergauf oder bergab geht. Meine Kondition baut sich langsam auf, und das Gefühl, mich mit Rucksack und langen Etappen übernommen zu haben, lässt nach.


Am letzten Donnerstag habe ich bei Speyer den Rhein überquert und bin über den Odenwald nach Heidelberg eingezogen. Der Abstieg über die „Himmelsleiter“ vom Königstuhl hinunter zum Schloss war für meine Knie und Muskulatur allerdings zu viel – davon erhole ich mich bis jetzt noch nicht ganz. Zumal ich gleich danach über den Heiligenberg wieder fast die gleichen Höhenmeter hinaufgestiegen bin. Dort, an diesem geschichtsträchtigen Ort, wo schon die Kelten eine Festungsanlage hatten, mehrere Klöster standen und die Nazis eine Thingstätte errichteten, habe ich die Nacht verbracht.
Doch geweckt wurde ich nicht von keltischen Geistern, den spirituellen Schwinnungen der Klöster oder den dunklen Kräften und Spuren der NS-Vergangenheit – sondern von Wildschweinen, die in unmittelbarer Nähe den Boden umwühlten. Angst hatte ich keine, eher die Überlegung, ab wann ich mich bemerkbar machen sollte. Solange die Tiere in Abstand blieben, wollte ich sie nicht vertreiben. Erst wenn sie mir zu nahe kämen, würde ich mit meinem „Redestab“ gegen Bäume schlagen und Geräusche machen, um sie zu verscheuchen. Schließlich war ich in ihrem Zuhause, dem Wald, und wollte sie nicht stören – auch wenn mich das ein bis zwei Stunden Schlaf gekostet hat.
Voraussichtlich werde ich am 2. September in Frankfurt ankommen. Wer Lust hat, kann sich mir bis dahin gerne irgendwo im Umland von Darmstadt anschließen.





