Weite, in der sich der Geist verlieren kann

In meinen letzten Berichten habe ich oft von dieser winterlichen Leere in Südbrandenburg und Nordsachsen erzählt. Es ist eine Landschaft, in der sich die Gedanken erst verlieren müssen, um Raum für das Neue zu schaffen. Wie Wüsten haben diese Weiten etwas Mystisches und Geheimnisvolles an sich – und doch können sie brutal und gnadenlos sein. Es ist eine Mischung, die uns zugleich anzieht und abstößt; ein Raum, in den man eindringen möchte, um ihn zu verstehen, und aus dem man sich im nächsten Moment weit fortwünscht. Man kann in diese Leere eintauchen und sie annehmen, oder man kann sich in ihr verlieren. Sie ist von einer schmerzhaften Schönheit. Etwas, dass ich nur schwer in Worte fassen kann!
Wie geht es dir, wenn du diese Bilder siehst? Zieht dich diese Stille an, oder wäre es dir ein Graus, durch eine solche Einsamkeit über mehrere Tage zu ziehen?








Und dann stell dir vor: Du gehst durch dieses Nichts, und plötzlich liegt dort ein Rotkohl. Eine Orange. Ein Granatapfel. Mitten auf dem Acker, direkt neben dem Weg. In dieser farblosen Öde springen dich die Farben und Formen förmlich an. Du gehst weiter, und im Abstand von wenigen Metern findest du immer wieder eine neue Frucht, ein neues Gemüse – so perfekt drapiert, dass es wie eine geheime Kunstinstallation wirkt.
Ich habe für diese Bilder nichts arrangiert. Das Obst lag genau so da, als hätte jemand eine Spur aus Vitaminen durch den Frost gelegt.
In einer Welt, in der es sonst nichts gibt, wird das Kleine zum Zentrum des Universums. Warum liegt das alles hier? Wer hat es ausgelegt? Zuerst dachte ich an einen Lieferwagen, der etwas verloren haben könnte. Doch die Abstände waren zu regelmäßig, die Sorten zu kunstvoll abgewechselt. Der Zufall wirft sein Gemüse nicht in solchen Mustern auf das Feld. Bernd, der mich ein Stück begleitete, fragte sich, ob es Futter für die Wildtiere sei. Doch Zitrusfrüchte für Rehe? Das schien zu edel, zu fremd.
Die Früchte säumten genau zwei Felder, über zwei Kilometer hinweg. Dann hörte der Zauber so schlagartig auf, wie er begonnen hatte. Eine Fata Morgana der nordsächsischen Weite.
Vielleicht, so dachte ich mir, sind es Opfergaben. Ein Dank an die Erde, damit im nächsten Jahr die Ernte reich ausfällt. Natürlich weiß ich, woher dieser Gedanke kommt. Das Buch, das ich gerade lese, erzählt von indigenen Völkern, die der Natur nach jeder Ernte ein Geschenk zurücklassen – eine wenig Tabak als Geste des Respekts. Vielleicht reicht bei Feldern von zweihundert Hektar Tabak nicht mehr aus. Vielleicht muss man dann schon zwei, drei Kisten aus der Gemüseabteilung opfern, um die Erde zu beschwichtigen.
In dieser Winterweite haben Gedanken viel Platz, ihre eigenen Wege zu gehen. Und manchmal brauchen sie dafür nicht mehr als ein paar Kohlköpfe, Orangen und Granatäpfel am Wegesrand.




