Tag 145 – Ankunft in Hamburg: Euphorie und mein Glaube an eine bessere Welt


Nach den erfüllenden Tagen bei Jana machte ich mich frühmorgens auf den Weg von Buxtehude nach Hamburg. Ich wählte die Route zur Elbe, wollte bei Blankenese mit der Fähre übersetzen und dann am Fluss entlang bis zu den Landungsbrücken gehen. Rund 30 Kilometer – meine bislang längste Tagesetappe. Das Wetter war freundlich, und ich war hochmotiviert, mein nördlichstes Ziel zu erreichen.
Ich habe es schon öfter beschrieben: Dieses Gefühl, wieder gen Süden zu laufen und die Sonne im Gesicht zu haben, erfüllte mich mit großer Vorfreude. Hamburg war ein Wendepunkt – geografisch und innerlich. Je näher ich der Stadt kam, desto leichter wurde mein Schritt. Und manchmal überkam mich eine regelrechte Welle von Glück.
Fast fünf Monate war ich unterwegs. Zu Beginn wusste ich nicht, wie weit ich kommen würde oder ob mein Vorhaben nicht völliger Wahnsinn war. Und nun stand ich kurz davor, Hamburg zu erreichen. In diesem Moment war mir völlig egal, wie viele Kilometer noch vor mir lagen oder wie herausfordernd der Winter werden würde. Ich war einfach dankbar, so weit gekommen zu sein.
Während ich an der Elbe auf die Fähre wartete, färbte sich der Himmel im Licht des bevorstehenden Sonnenuntergangs. Die Stadt lag vor mir, die Elbphilharmonie war in der Ferne zu erkennen, erfüllende Begegnungen lagen hinter mir – und auf meinem Weg, der zuletzt ein weißer Fleck voller Ungewissheit gewesen war, hatten sich unerwartet neue Kontakte, Unterkünfte und helfende Menschen aufgetan. Ein Moment reiner Euphorie.
Genau in dieser Stimmung erreichte mich eine E-Mail: wohltuende Worte über mein Projekt – aber auch Gedanken über die sozialen Medien, Fake-News, düsteren Zeiten, die aufziehen, über Ohnmacht und den Wunsch, dem etwas entgegenzustellen.
Acht Kilometer lagen noch vor mir. Zeit genug, diese Worte in mir arbeiten zu lassen, meine Stimmung zu beobachten und die Stadt in mich aufzunehmen.
Dabei wurde mir bewusst, wie sehr auch ich selbst noch vor nicht allzu langer Zeit ein recht dunkles Bild der Welt in mir getragen hatte. Die Nachrichten der letzten Jahre: Krieg, Zerstörung, das Erstarken von Populismus und Nationalismus weltweit, die Spaltung der Gesellschaft, der Klimawandel – und soziale Medien, die all das verstärken.

Doch an diesem Abend an der Elbe spürte ich, dass sich in mir in den letzten Wochen etwas verändert hatte. Mein Fokus hatte sich verschoben. Die Welt erschien mir nicht mehr so düster wie noch vor Monaten.
Nicht, weil ich das Schwere ausblenden würde oder mich nur am Wanderleben erfreue – im Gegenteil. Ich sehe das Leid, dem ich begegne, klarer denn je. Ich sitze weinenden, hadernden, einsamen Menschen gegenüber. Ich lese Nachrichten, verbringe (leider immer noch) zu viel Zeit in sozialen Medien, und all das berührt mich tief.
Aber das Erstaunliche ist: Ich kann es halten. Ich habe nicht das Gefühl, daran zu zerbrechen oder die Zukunft fürchten zu müssen. Manchmal – nicht immer – breitet sich sogar eine Euphorie in mir aus, wie an diesem Tag. Und insgesamt empfinde ich mich gerade als einen sehr glücklichen Menschen, trotz Kälte, Dunkelheit, Herausforderungen und manch trauriger Geschichten.
Ich habe diese Erfahrung schon einmal beschrieben – in einem kleinen Blogeintrag über den Lärm auf dem Weg nach Frankfurt. Er fasst die Essenz gut zusammen und ist deshalb so bedeutend für mich:
👉 Tag 72 - Wenn die Stille auf den Lärm trifft
In Hamburg wurde mir erneut bewusst: Was mir gelingt, ist meinen Fokus zu weiten. Neben all dem Schweren sehe ich auch das Gute, das Schöne. Ich treffe Menschen, die unglaublich viel bewegen. Ich freue mich an der Natur, an kleinen Gesten großer Herzen, an der Gastfreundschaft, die mich immer wieder trägt. All das existiert ebenso – und gibt mir Kraft, ohne das Schwierige verdrängen zu müssen.
So erkannte ich plötzlich eine Analogie zwischen meiner Reise und dem Zustand der Welt: Die Zeiten sind düster, und ich weiß nicht, wie lang und kalt der Winter wird, der mir bevorsteht. Und gleichzeitig öffnen sich überall kleine Türen. Überall liegen Möglichkeiten, Verbindungen, Hilfe.
Genauso sehe ich in dieser Welt Menschen, die etwas verändern wollen, die Gutes tun, die an eine bessere Zukunft glauben – auch wenn sie manchmal noch im Gefühl der Ohnmacht feststecken.
Es fühlt sich an, als würden überall Samen im Boden liegen, die darauf warten zu sprießen. Und ich weiß: Der Frühling wird kommen. Ich freue mich darauf, meinen kleinen Teil dazu zu säen – und zu sehen, wie viele andere es ebenfalls tun.
Wir haben so viele Werkzeuge: Achtsamkeit, Mitgefühl, Dankbarkeit, Zuhören, Verbundenheit, Kunst und viele, viele andere. Dass ich die vergangenen Monate so gut überstanden habe, liegt auch daran, dass ich darauf zurückgreifen kann und sie täglich anwende. Werkzeuge, die jeder Mensch erlernen und nutzen kann, um dieser düsteren Welt etwas entgegenzusetzen. Und es ist nicht nur ein persönlicher Selbstversuch – die Wissenschaft bestätigt diese Wege immer wieder. Gerade in den letzten Jahren gibt es immer mehr Studien dazu. Die Mittel sind da. Wir müssen sie nur nutzen. Vielleicht ist es sogar eines meiner Anliegen mit diesem Projekt, genau darauf aufmerksam zu machen: vom Frühling zu sprechen, auch wenn der Winter bevorsteht.
Als ich an den Landungsbrücken ankam, stand für mich fest: Ich möchte meinen Fokus weiterhin offenhalten. Das Schwere nicht ausblenden – aber mich von dem nähren lassen, was schön und heilsam ist. Damit lässt sich auch ein sehr kalter Winter überstehen. Vielleicht pflanze ich unterwegs sogar den ein oder anderen Samen, der im Frühling farbenfroh aufgeht.
Drei Tage später habe ich diese Gedanken in einer E-Mail festgehalten – eine Art Zusammenfassung eines meiner schönsten Tage seit Beginn meiner Wanderung. Sie entstanden aus der Euphorie des Augenblicks. Jetzt, knapp zwei Wochen später, habe ich sie fast unverändert hier übernommen. Vielleicht wirken sie romantisch. Aber sie kommen aus tiefstem Herzen.
Und vielleicht ist es genau das, was wir in diesen Zeiten brauchen: kein naives Wegschauen, sondern ein ehrliches, hoffnungsvolles Bild einer Welt, die trotz allem voller Möglichkeiten bleibt.
Beim Schreiben berührt mich all das erneut – und schenkt mir Kraft weiterzugehen. Nun auf meinem Weg in den Osten, der Morgensonne entgegen.
