Tage 326 bis 329 – Vom Gehen ins Fließen – Mit Christoph auf dem Hochrhein unterwegs

Die Übergänge zwischen Begleitungen, Besuchen und Stationen wurden in diesen Tagen immer dichter. Ich hatte Michaela an Christi Himmelfahrt gerade in einen Bus gesetzt, da war ich nur dreißig Minuten später schon wieder am Ufer des Rheins mit Christoph verabredet. Die kurze Zwischenzeit nutzte ich, um in der Sonne sitzend noch schnell ein paar E-Mails abzuarbeiten. Danach wollte ich ganz bei Christoph und bei dem sein, was nun vor uns lag.
Christoph ist die erste Person, die mich bei diesem Projekt ein zweites Mal begleitet hat. Schon kurz vor München war er drei Tage mit mir unterwegs gewesen. Damals hatte ich ausführlich über unsere gemeinsame Zeit geschrieben: LINK. Kaum war er nach dieser Wanderung wieder zu Hause angekommen, noch ganz erfüllt von den Tagen mit mir, machte er mir ein Angebot, das ich kaum ausschlagen konnte.
Da er wusste, wie meine Route ungefähr verlaufen würde, fragte er mich, ob ich Lust hätte, mit ihm zusammen den Hochrhein im Kanu hinunter bis nach Basel zu fahren.

Die Idee war zu verlockend. Strecke machen, ohne den schweren Rucksack zu tragen. Vom Gehen ins Fließen wechseln. Sich für ein paar Tage dem Rhein anvertrauen, der mich in den ersten Monaten meines Projekts immer wieder begleitet hatte. Nicht jeden Kilometer selbst erarbeiten, nicht jeden Höhenmeter überwinden, sondern sich tragen lassen. Zumindest für ein paar Tage sollte dieses Bild aus der Sprache in die Wirklichkeit wechseln.
Dass dieser Abschnitt ausgerechnet auf Christi Himmelfahrt und ein verlängertes Wochenende fiel, fühlte sich fast so an, als hätten wir es lange im Voraus geplant. Christoph ist Lehrer und außerhalb der Ferien zeitlich nicht besonders frei. Vielleicht war es Zufall. Vielleicht aber auch wieder einer dieser Momente, in denen sich etwas fügt, das man mit viel Planung kaum besser hätte hinbekommen können.
Christoph wurde von seiner Frau Steffi gebracht. In dem Moment, als wir uns sahen, fielen die ersten Regentropfen. Schnell luden wir das Auto aus, verstauten alles unter einer Brücke, verabschiedeten Steffi und warteten im Trockenen erst einmal ab, bis der stärkste Regenguss vorübergezogen war. Danach bauten wir das Faltboot zusammen. Als wir schließlich unter der Brücke hervor in unser nächstes Abenteuer starteten, fielen die letzten Tropfen vom Himmel und die Wolkendecke riss auf. Vor uns lag ein ruhiger Abend auf dem Wasser.

Kalt war es schon vor dem Regen gewesen. Ich hatte mich in alles eingepackt, was mein Rucksack hergab. Christoph hatte mir zusätzlich noch einen Wollpullover und eine lange Unterhose mitgebracht. Genau diese lange Unterhose hatte ich eine Woche zuvor zu Hause aus meinem Gepäck aussortiert, weil ich bei den sommerlichen Temperaturen beim besten Willen nicht mehr glauben konnte, dass ich sie noch brauchen würde.
In den nächsten Tagen war ich sehr froh, dass ich dem Wetterbericht doch noch rechtzeitig geglaubt und Christoph gebeten hatte, diese Dinge mitzubringen. Die Eisheiligen zeigten noch einmal sehr deutlich, warum sie ihren Namen tragen. Auf dem Fluss ging ein eisiger Wind. Die lange Unterhose zog ich in den folgenden Tagen nicht mehr aus. Zwar wurde einem vom Paddeln warm, aber der Wind kühlte gleichzeitig stark aus. Und meine Erkältung wurde durch diese Temperaturen nicht gerade besser.


Abgesehen von der Kälte waren es wunderschöne Tage. Ich hatte nicht gewusst, wie schön und wie wenig touristisch der Hochrhein auf diesem Abschnitt ist. Immer wieder mussten wir an Wehren aussteigen und das Boot umtragen. Dafür gab es meistens spezielle Wagen, einmal sogar einen kleinen Aufzug, der das Boot nach unten beförderte. Das machte die Fahrt zwar nicht ganz so mühelos, wie ich es mir vorgestellt hatte, aber es gab ihr einen eigenen Rhythmus: paddeln, anlanden, aussteigen, Boot umtragen, wieder einsetzen, weiterfahren.
Am zweiten Tag legten wir rund dreißig Kilometer zurück. Auf einem Streckenabschnitt begann es stärker zu regnen. Christoph steuerte eine große Eiche am Ufer an, deren Blätterdach weit über das Wasser ragte. Dort fanden wir ein wenig Schutz.
Auf dem Wasser war Kommunikation ohnehin kaum möglich. Christoph saß hinter mir. Er konnte mir Anweisungen geben oder etwas erzählen, aber ich konnte kaum antworten. Nicht einmal nonverbal, weil er mein Gesicht nicht sehen konnte. Beim Wandern hatten wir uns über Blicke, Gesten, Zeichen und in den Pausen schriftlich verständigen können. Im Kanu fiel selbst das weg.
So waren wir die meiste Zeit schweigend unterwegs. Und ich genoss es sehr. Ich glaube, Christoph ging es ähnlich. Unsere gemeinsame Zeit war dadurch ganz anders als beim Wandern vor München, wo er viel erzählt hatte und über die Tage immer mehr aus sich herausgekommen war. Nun saßen wir hintereinander im Boot, schauten auf den Fluss und bewegten uns fast wortlos durch die Landschaft.


Unter der Eiche wurde mir diese Stille zum ersten Mal richtig bewusst. Zwanzig oder dreißig Minuten saßen wir fast regungslos im Boot. Der Regen prasselte auf die Wasseroberfläche, auf das Laubdach über uns, und von den Blättern fielen immer wieder dicke Tropfen auf uns und das Boot. Unter normalen Umständen wären vermutlich Sätze gefallen wie: Hoffentlich hört es bald auf. Was sagt der Regenradar? Mir wird kalt. Wie lange warten wir noch?
Aber wir saßen einfach da.
Wahrscheinlich konnte ich diese Stille nur deshalb so genießen, weil auch Christoph ganz bei sich war. Er beklagte sich nicht über den Regen, wurde nicht unruhig und versuchte nicht, die Situation mit Worten zu füllen. Jeder war auf seine Weise bei sich: bei den eigenen Gedanken, beim Regen, beim Fluss, beim Klang der Tropfen. Und trotzdem fühlte es sich nicht getrennt an. Es war fast wie eine gemeinsame Meditation. Zwei Menschen, die nichts miteinander besprechen müssen, um miteinander verbunden zu sein.
In mir entstand ein Gefühl von tiefer Verbundenheit. Mit Christoph, mit dem Fluss, mit dem Regen, mit der Natur. Als wären wir für einen Moment einfach zwei Lebewesen, die unter einem Baum Schutz suchen. Wie Pferde auf einer Weide oder Schwäne auf dem Wasser, die bei einem Regenschauer in den Schutz der Bäume gleiten. Sie verschwenden keine Energie darauf, sich gegen das zu wehren, was gerade geschieht. Sie warten. Sie nehmen den Regen an. Sie wissen, dass er wieder vorüberziehen wird.
In diesem Annehmen bekam der Regen etwas Schönes. Das Plätschern auf dem Wasser, die schweren Tropfen von den Blättern, das leise Trommeln auf dem Boot. Still und bewegungslos saßen wir da und lauschten diesem kleinen Schauspiel der Natur.
Am Abend mussten wir noch die einzige Stromschnelle der Tour durchqueren. Wir schauten sie uns vorher genau an. Bei diesem Wetter wollten wir auf keinen Fall unfreiwillig baden gehen. Christoph lenkte uns ruhig und sicher durch die schwierigen Passagen, und wir waren beide erleichtert, als wir trocken hindurch waren. Später ließ er es sich trotzdem nicht nehmen, noch freiwillig in den Fluss zu springen. Ich verzichtete dankend. Meine oberste Priorität war, wieder ganz gesund zu werden. Mit dem kalten Wind und meiner laufenden Nase hatte ich schon genug zu tun.


Am dritten Tag schafften wir sogar vierzig Kilometer. Wir mussten viel paddeln, hatten immer noch Wind, aber zwischendurch auch gute Strömung. Am Morgen kamen wir am letzten Schweizer Atomkraftwerk vorbei. Aus der landschaftlichen Idylle wurde plötzlich eine schwer zu ertragende Industrielandschaft: Sicherheitszäune, Überwachungskameras und darüber der Kühlturm des Atomkraftwerks. Ein großes Wehr staute dort das Wasser über viele Kilometer auf. Von Strömung war kaum noch etwas zu spüren. Aus dem schönen Bild des Sich-treiben-Lassens wurde plötzlich wieder Arbeit. Wir paddelten gegen Wind und stehendes Wasser.


Nach diesem harten Kontrast am Morgen wurde der Tag ruhiger. Viel mehr passierte nicht. Wir paddelten, schwiegen, schauten, ließen uns weitertragen und arbeiteten uns dort voran, wo der Fluss uns nicht von selbst mitnahm. Nach den vielen Begegnungen der Tage zuvor und der inneren Unruhe, die meine Erkältung und die offenen Planungen mit sich gebracht hatten, tat mir diese gleichmäßige Wiederholung gut. Der Fluss gab den Rhythmus vor, und wir folgten ihm.
Am Abend war ich richtig erschöpft. Und doch war es eine andere Erschöpfung als beim Wandern. Auf dem Fluss hatten wir an einem Tag eine Strecke zurückgelegt, für die ich zu Fuß in meinem damaligen Zustand wahrscheinlich zwei Tage gebraucht hätte.

Am letzten Tag standen noch etwa zwanzig Kilometer bis Basel vor uns, dazu drei Wehre. Christoph wollte nicht zu spät nach Hause kommen, und wir hofften, Basel bis kurz nach Mittag zu erreichen. Der Fluss hatte nur noch wenig Strömung, also mussten wir noch einmal ordentlich paddeln. Aber endlich war der kalte Wind verschwunden. Die Sonne wärmte, das Wasser glänzte, und nach den grauen Tagen fühlte sich alles leichter an. Wir kamen gegen 14 Uhr in Basel an, nur eine Stunde später als geplant.

Ich begleitete Christoph noch mit Sack und Pack Richtung Bahnhof, wo wir uns herzlich verabschiedeten. Danach ging ich zurück zum Fluss. Dort hatte die Sonne zum ersten Mal seit Tagen wieder an Kraft gewonnen, und man konnte im T-Shirt am Ufer verweilen. Ich blieb noch einige Stunden dort sitzen und begann, die nächsten Tage zu planen. In den Tagen zuvor hatte sich alles wie ein Knoten in meinem Kopf angefühlt. Die Erkältung, die Müdigkeit, die offenen E-Mails, die kommenden Stationen, die Frage, wo ich wann sein würde. Alles war ineinander verhakt.
Doch nun, in Basel, löste sich dieser Knoten plötzlich. Auf einmal konnte ich wieder denken, ordnen, entscheiden. Innerhalb von zwei Stunden waren die wichtigsten E-Mails geschrieben, die nächsten Schritte geklärt, und vieles, was vorher kompliziert gewirkt hatte, fügte sich in eine Richtung.
Vielleicht hatte ich genau das gebraucht: ein paar Tage, in denen ich nicht weitergehen musste. Der schwere Rucksack lag nicht auf meinen Schultern, und mein Körper arbeitete in einem anderen Rhythmus. Nicht Schritt für Schritt gegen die Schwerkraft, sondern mit dem Wasser, mit dem Paddel, mit dem, was der Fluss gerade hergab.
Natürlich war auch dieses Fließen nicht mühelos. Es gab Kälte, Regen, Gegenwind, Wehre und lange Abschnitte ohne Strömung. Aber vielleicht machte gerade das den Unterschied: Ich musste die Bewegung nicht allein erzwingen.
Manchmal trägt einen der Fluss.
Manchmal muss man paddeln.
Und manchmal genügt es, unter einer Eiche zu sitzen und dem Regen zuzuhören, bis es weitergeht.
