
Nach meiner intensiven und berührenden Station in der Kapelle der Versöhnung ging es weiter auf meinem Weg im Schweigen durch Deutschland. Je länger man unterwegs ist, desto häufiger zeigen sich Wiederholungen – nicht im Erleben selbst, sondern in den Mustern: Pläne entstehen, lösen sich auf, neue Wege öffnen sich. Die Umstände sind jedes Mal andere, die Geschichten ebenso. Und doch ähneln sich die Prozesse.
Schon vor längerer Zeit hatte ich Einladungen in Potsdam erhalten, und kurz vor Weihnachten zeichnete sich zudem eine Unterkunft an der Krummen Lanke in Berlin ab. In meinem Kopf nahm der Weg nach Süden, Richtung Luckenwalde und weiter ins E-Werk zu meinem Freund Pablo, allmählich Gestalt an. Angesichts der angekündigten eisigen Temperaturen war ich sehr dankbar für diese Perspektiven – es war absehbar, dass der Winter sich nun mit voller Kraft zeigen würde.
Doch wie so oft wollte das Leben es anders. Als schließlich klar war, wann ich Berlin verlassen würde, lösten sich diese Pläne fast zeitgleich auf: Die eine Person war von einem Stromausfall betroffen und musste erst einmal wieder Ordnung ins eigene Leben bringen, die andere war genau an diesem Wochenende verreist. Von einem Moment auf den anderen war alles offen. Ähnlich wie früher in Köln – und an vielen anderen Orten – verschwanden die sorgfältig ausgemalten Vorstellungen wieder.
Hinzu kamen die Nachrichten: Ein Wintersturm wurde angekündigt, ausgerechnet für den Freitag, an dem ich aufbrechen wollte. Die Schulpflicht war aufgehoben, im Nah- und Fernverkehr wurde mit erheblichen Beeinträchtigungen gerechnet. Es schien ernst zu werden. An meinem Plan hätte ich nur dann etwas geändert, wenn das Wetter es unmöglich gemacht hätte, überhaupt vor die Tür zu gehen. Ab wann ist es ratsam, nicht mehr vor die Tür zu gehen?
Am Mittwoch wusste ich noch immer nicht, wo ich am Freitag unterkommen würde. Was mich selbst überraschte: Es belastete mich kaum. In Köln hatten mich Absagen damals tief verunsichert, ich begann an mir und meinem Projekt zu zweifeln. Doch die Erfahrungen seither hatten etwas in mir verändert. Ich wusste: Es wird sich fügen. Irgendwo werde ich unterkommen. Hilfreich war sicher auch das Wissen, notfalls nach Berlin zurückkehren oder zu einer Bekannten nach Falkensee pendeln zu können. Zudem gab es inzwischen ausreichend Menschen, die Geld für warme Übernachtungen gespendet hatten – und gerade jetzt, bei diesen Temperaturen, war dieses Geld gut investiert. Trotz der dramatischen Wetterprognosen fühlte ich mich gut abgesichert.
Nebenbei schrieb ich all jenen, denen ich begegnet war und bei denen ich mir vorstellen konnte, dass sich ein Kontakt ergeben könnte. Offen und ohne Erwartung. Ich war gespannt, welchen Weg und welche Begegnungen das Leben für die kommenden Tage vorgesehen hatte. An dieser Stelle ein herzlicher Dank an alle, die für mich mitgedacht und ihre Netzwerke aktiviert haben.
Erst am Donnerstagabend, als mein Rucksack bereits gepackt war, ergaben sich die Lösungen: Über Teresa, die ich in Eberswalde im Wohnprojekt besucht hatte, konnte ich in der Wohnung ihrer Patentante am Schlachtensee übernachten, die verreist war – direkt an meiner ursprünglich geplanten Route. Und ebenfalls über Teresa kam eine Unterkunft in Potsdam zustande: Eine Kette von Weitergaben, weil jemand verreist war, jemand anderes ebenfalls und schließlich ein Freund einsprang. Diese Möglichkeit ergab sich sogar erst, als ich bereits unterwegs war. Es ist jedes Mal aufs Neue erstaunlich, welche Türen sich öffnen, wenn man wirklich offen bleibt.
Am Freitag gegen zehn Uhr brach ich am Brandenburger Tor wieder auf – genau dort, wo ich drei Wochen zuvor mein Gehen beendet hatte. Ich war ausgesprochen gut gelaunt. Die Stadt wirkte wie leergefegt, die wenigen Touristen verloren. Ich machte ein paar Fotos, ging noch einmal hindurch und wanderte dann durch den menschenleeren Tiergarten hinaus Richtung Grunewald.


Endlich wieder unterwegs zu sein, den Schnee unter den Füßen knirschen zu hören, erfüllte mich mit großer Freude. Ich spürte, wie gut mir die Pause getan hatte. Die Kräfte waren zurück. Und zugleich half mir das Gehen, Gedanken zu ordnen, Ballast zurückzulassen und mich dem zuzuwenden, was jetzt vor mir lag.
Das Winterwetter machte es mir leicht. Grunewaldsee, Krumme Lanke und Schlachtensee waren vollständig zugefroren. Ich konnte über das Eis gehen – ein besonderes Erlebnis. Zum einen, weil ich noch nie solche Distanzen über gefrorenes Wasser zurückgelegt hatte, zum anderen in dem Bewusstsein, dass solche Winter in unseren Breiten wohl immer seltener werden. Es fühlte sich an wie eine Reise in meine Kindheit, als zugefrorene Seen und weiße Winter noch selbstverständlich waren. Mit jedem Schritt über das Eis wurde mir bewusst, wie dünn diese Schicht geworden ist – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Ich freute mich über die Kinder, die sich trotz Sturmwarnungen mit ihren Eltern nach draußen wagten: Schlittschuhläufer, Schlittenfahrer an kleinen Hängen im sonst so flachen Berlin. Momente, in denen auch in mir der Wunsch aufkam, mit eigenen Kindern Teil dieses Treibens zu sein.

Der Sturm blieb aus. Wieder einmal verschonten mich Wetter und Prognosen. In Berlin fiel in dieser Nacht keine einzige Schneeflocke, und selbst der Ostwind blieb milder als erwartet. Ich war nicht unglücklich darüber – zu viel Schnee hätte mein Vorankommen stark verlangsamt. Schon so verlangte der rutschige Untergrund Konzentration. Ich war dankbar für die neue Metallspitze an meinem Wanderstock, die mich immer wieder vor dem Fallen bewahrte. Und Wind hat für mich ohnehin etwas Reinigendes. Ich mache ihn mir zum Verbündeten, indem ich mir vorstelle, wie er Sorgen und unnötigen Ballast fortbläst. An manchen Tagen kann er gar nicht stark genug sein.
Samstag und Sonntag waren die Wolken verschwunden. Ich ging durch die nobelsten Vororte Berlins und Potsdams, vorbei an märchenhaft verschneiten Schlössern, und übernachtete schließlich im Potsdamer Schlaatz, einer Plattenbausiedlung. Wie unwichtig der Ort plötzlich wird, wenn man herzlich empfangen wird, warmes Essen bekommt, guten Gesprächen lauschen darf und abends nach einer heißen Dusche in ein warmes Bett fällt. All das hätte in keiner der Villen am Wegesrand mehr Glück erzeugen können.
Mein Dank gilt Christoph, der extra in der WG übernachtete, um mich zu empfangen und zu bekochen, sowie den beiden Mitbewohnerinnen, die das möglich machten, ohne dass wir uns persönlich begegnet sind. Und ebenso Lisa, die mir – einem fremden Wanderer – ihre kleine Wohnung am Schlachtensee voller Vertrauen überließ.


























