
Ein lesenswerter Artikel in der Rheinpfalz vom 20.08.25. Artikel lesen: LINK

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Nach einer herzlichen Verabschiedung von Barbara und Konrad machte ich mich auf die nächste Etappe. Diese Wanderung war ganz offiziell als Wandere mit mir ausgeschrieben und wurde in mehreren Zeitungen sowie vom Herrenhaus, dem Kloster Neustadt und dem Pilgerverlag angekündigt.
Die ersten zwei Kilometer war ich nur mit einer Begleiterin unterwegs, in St. Martin schlossen sich uns zwei weitere Frauen an. Angesichts der Hitze der vergangenen Tage – bis zu 35 °C im Schatten – wunderte es mich nicht, dass keine größere Gruppe kam. Im Gegenteil: Ich war überrascht, dass sich überhaupt Menschen auf den Weg machten, denn es stand die Überquerung des höchsten Berges der Pfalz mit rund 500 Höhenmetern bevor – bei diesen Temperaturen eine echte Herausforderung.
Bei diesen gemeinsamen Wanderungen geht es mir darum, dass wir den größten Teil der Strecke schweigend gehen. Unsere Aufmerksamkeit gilt dem Rhythmus des Gehens, der Natur und der Umgebung. Schritt und Atem finden nach einer Weile ihren eigenen Takt, Körper und Geist entschleunigen. So entsteht Raum für innere Ruhe und neue Wahrnehmungen.
Während der Pausen – oder manchmal auch während des Gehens – reiche ich einen „Redestab“ herum. Wer möchte, kann dann teilen, was ihn bewegt, welche Eindrücke die Stille hervorruft oder welche Gedanken auftauchen. Wer nichts sagen möchte, gibt den Stab einfach weiter, und wir setzen unseren Weg schweigend fort – ganz im Einklang mit der Natur.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig es braucht, dass Menschen zur Ruhe kommen und ganz bei sich ankommen. Auch dieses Mal war es so: Menschen, die sich zuvor nicht kannten, teilten sehr Persönliches miteinander. Das waren für alle berührende Momente – getragen von der Gemeinschaft und der besonderen Atmosphäre dieser Wanderung.


Vor 15 Jahren hatte ich ein Residenzstipendium im Herrenhaus Edenkoben. Später war ich noch zwei weitere Male für mehrere Wochen dort zu Gast. Mit Barbara und Konrad Stahl, den Gründern und Betreibern des Herrenhauses, hat sich über diese Aufenthalte eine freundschaftliche und enge Verbindung entwickelt. Als ich nun nach meiner Wanderung wieder dort ankam, hat es sich fast ein wenig wie „Heimkommen“ angefühlt – in dem Sinn, dass man sofort willkommen ist, alles vertraut wirkt und man das Gefühl hat, gar nicht weg gewesen zu sein.
Barbara und Konrad haben das Herrenhaus fast 40 Jahre lang betrieben. Zunächst zehn Jahre gemeinsam mit dem Land Rheinland-Pfalz, seit 1997 in privater Trägerschaft. Mehr als 300 Stipendiatinnen und Stipendiaten haben sie in dieser Zeit beherbergt. Ein wirklich privates Leben gibt es in solch einem Setting kaum – es ist ein Leben mit bildenden Künstlerinnen, Schriftstellern und Musikern, das den Alltag ganz durchdringt. Und sie sind dabei immer Gastgeber gewesen, wie man sie sich nur wünschen kann.
Schon bei meinem ersten Aufenthalt habe ich mich gefragt, wie sie das über so viele Jahre schaffen – dieses große Netzwerk, die Offenheit für immer neue Menschen, Geschichten und Abenteuer. Dazu kommt ihr Engagement in Bürgerinitiativen und in der Kultur außerhalb des Herrenhauses. Konrad war zudem viele Jahre Professor und Dekan an der Universität Mannheim. Wie also bekommt man all das unter einen Hut – und bleibt trotzdem so wunderbarer Gastgeber?
Die Antwort ist erstaunlich einfach: Sie sind geübt darin, ganz im Hier und Jetzt zu sein. Wenn man als Gast bei ihnen ankommt, dann sind sie vollkommen bei einem – aufmerksam, präsent, zugewandt. Und wenn sie sich wieder ihren anderen Aufgaben widmen, sind sie ebenso ganz darin. Diese Fähigkeit, sich für den Moment ganz dem Gegenüber zuzuwenden, ist es, was man sofort spürt: Hier bin ich willkommen, hier werde ich gesehen.
Mein Aufenthalt hatte diesmal noch einen besonderen Aspekt: Barbara und Konrad haben an diesem Wochenende ihre letzten Stipendiaten empfangen. Ende des Jahres schließen sie das Herrenhaus für die Öffentlichkeit. Konrad ist über 80, Barbara geht auf die 80 zu – und doch merkt man ihnen das Alter kaum an, so aktiv wie sie sind. Damit geht eine Ära zu Ende. Umso schöner war es für mich, noch einmal dabei zu sein, wenn neue Künstlerinnen und Künstler ankommen – und zu erleben, wie herzlich ich selbst für den Tag meines Projekts aufgenommen wurde.
Auch die Begegnungen mit den Menschen, die mich an diesem Tag aufgesucht haben, waren besonders. Fünf Stunden lang saß ich im Schatten im Garten, und sieben Menschen haben mir ihre Geschichten anvertraut. Nur einmal hatte ich eine kurze Pause von 20 Minuten. Ansonsten reihten sich die Gespräche fast nahtlos aneinander – so, als wären die Begegnungen perfekt durchgetaktet, ohne dass jemand warten musste. Wieder so ein Moment, in dem ich mich fragte, ob das wirklich nur Zufall war.
Und selbst der Rasenmäher des Nachbarn oder die Soundchecks für ein Rockkonzert am Abend konnten diesen Tag nicht stören. Ich war so sehr bei den Menschen, dass all das an mir vorbeiging – und genau das hat wohl auch ihnen geholfen, ganz bei sich und bei unserer Begegnung zu bleiben.



Ich habe mich innerlich auf eine sehr entbehrungsreiche Reise eingestellt und werde nun überrascht, dass dem so nicht sein muss. Die Tage mit Flavia an den Seen haben mich auf den Geschmack gebracht. Dass ich von Ettlingen aus auf der linken Rheinseite Richtung Norden wanderte, verdanke ich einer Einladung von Bianca – sonst hätte ich diese Route durch die Rheinebene wohl nie gewählt. Eigentlich hatte ich geplant, direkt in den Pfälzer Wald zu gehen und mich dort bei dieser Hitze mit schwerem Gepäck über die Berge zu schleppen. Zum Glück kam es anders.
Die Rheinebene hat mich überrascht. Täglich kam ich an mehreren Badeseen vorbei und konnte mich mindestens ein- bis zweimal am Tag nach den Strapazen im Wasser abkühlen. An einem besonders einsamen See fand ich sogar ein kleines Paradies, an dem ich am Abend ungestört mein Zelt aufschlagen konnte. Mehr Urlaubsfeeling hätte ich mir kaum erträumen können.
Dazu kommen Einladungen wie die mit Bianca, die alles aufgetischt hat, was sie konnte, sodass ich mich nach einem langen Wandertag wie ein König fühlte. Herzlichen Dank dafür Bianca! Aber auch unterwegs wurde ich von der Natur verwöhnt: am Wegesrand wachsen Sträucher voller Brombeeren, auf vernachlässigten Streuobstwiesen reifen die ersten zuckersüßen Äpfel, und Mirabellen werden zum Nachtisch gereicht.
Auch wenn die Sonne oft brennt, lässt es sich wunderbar leben. Im Schatten der Bäume sind die Temperaturen gut auszuhalten. Nur wenn der Weg über Asphalt führt und sich zwischen aufgeheizten Häuserzeilen entlangzieht, sehne ich mich zum nächsten Waldstück oder Baggersee. Ich weiß, dass dieser Sommer nicht ewig dauern wird – vielleicht genieße ich ihn gerade deshalb umso mehr.



Viele haben schon den Wunsch geäußert, mich für einen oder mehrere Tage auf meiner Tour zu begleiten – und einige sind auch bereits mitgelaufen. Flavia hingegen zeigte während der Vorbereitungen zu meinem Projekt nie großes Interesse, wenn ich ihr vorschlug, mich im Sommer ein Stück zu begleiten. Meist kam ein „Mal schauen“ oder „Ich weiß nicht, ob ich darauf Lust habe“.
Umso mehr hat es mich gefreut, dass sie nun tatsächlich zwei Tage lang mit mir von Ettlingen in die Pfalz gewandert ist. Zugegeben, es lag wohl nicht nur daran, dass sie ihren schweigenden Ehemann begleiten wollte. Auf dieser Etappe lagen mehrere wunderschöne Baggerseen – und die Aussicht auf eine Mischung aus Wandern, erfrischendem Bad und bestem Sommerwetter hat sicher ihren Teil zur Entscheidung beigetragen.
Vorab hatten wir beide ein wenig Bedenken, ob das gut funktionieren würde – oder ob es nicht vielleicht auch anstrengend sein könnte, wenn einer schweigt. Am Ende haben wir jedoch zwei wunderbare Tage miteinander verbracht. Nach ihrem 50. Geburtstag war das ein weiteres gutes Zeichen, das mich sehr optimistisch auf das kommende Jahr blicken lässt – auch in Bezug auf unsere Beziehung. Und mit etwas Glück, gutem Wetter und ein paar Badeseen unterwegs ist die Chance gar nicht so gering, dass sie mich noch einmal ein Stück begleitet.


Bistumszeitung Der Pilger, am 3.8.25. Artikel lesen unter: LINK
Seit Freitag, 8.8., bin ich wieder unterwegs. Ettlingen habe ich nun endgültig hinter mir gelassen, den Rhein bereits überquert und bin jetzt auf dem Weg zum Herrenhaus Edenkoben, wo ich 2010 ein Residenzstipendium hatte. Dort werde ich am 15.8. allen Interessierten zuhören, bevor es weiter nach Neustadt an der Weinstraße geht, wo ich am 17.8. zu Gast sein werde. Danach führt mich meine Tour weiter nach Speyer.

Was schenkt man seiner Frau zum 50., wenn man gerade ein Kunstprojekt macht, bei dem man ein Jahr lang schweigend durch Deutschland wandert – ein Vorhaben, das für jede Beziehung ein Stresstest ist?
Wir hatten im Vorfeld viel Über dieses Projekt gesprochen, und Flavia wusste, dass ich es so konsequent wie möglich umsetzen würde. Leider fiel ihr runder Geburtstag genau in dieses Jahr. Lange war unklar, ob ich an diesem Tag zu Hause sein könnte, deshalb ließ ich die Frage in der Vorbereitungsphase offen.
Früh stand für Flavia deshalb fest, dass sie sich für diesen besonderen Tag etwas Eigenes einfallen lassen wollte – etwas, das mein mögliches Fernbleiben ausgleicht. Erst dachte sie daran, in der Sommerpause ihres Yogastudios nach Indien zu reisen, um dort Kurse zu besuchen. Doch trotz intensiver Recherche fand sich nichts, was sie wirklich begeisterte. Schließlich kam die Idee, vier Wochen als Volontärin in einem Kloster zu verbringen. Zufällig entdeckte sie ein tibetisches Kloster am Lago Maggiore, das ihr zusagte und wo sie einen Platz als Helferin bekam.
Ich verfolgte ihre Pläne, mischte mich kaum ein – auch weil ich insgeheim beschlossen hatte, mein Schweigen für diesen Tag zu unterbrechen und sie zu überraschen. Als sie ihre Tickets nach Italien buchte, stand für mich fest: Ich würde ebenfalls dorthin reisen, sie im Kloster „entführen“ und mit ihr bei einem guten Italiener am See essen. Die Vorstellung, plötzlich vor ihr zu stehen und mit ihr zu reden, erfüllte mich mit Vorfreude.
Mein Plan: Ende Juli das Tiny House abbauen, ein paar Tage in Stuttgart verbringen, wo sie am 1. August mit engen Freunden vorfeiern wollte, und ihr dann zwei Tage später an den Lago Maggiore folgen. Doch zwei Wochen vor ihrem Geburtstag änderte Flavia ihre Pläne – sie verschob die Reise um zwei Wochen. Meine bereits gebuchten Tickets waren hinfällig, und ich musste meine Überraschung begraben.
Am Ende war ich zu ihrem Geburtstag also noch in Stuttgart. Es war keine große Überraschung mehr, aber ich konnte ihr am Morgen ein besonderes Frühstück zubereiten – und das Schweigen dann doch überraschend zu brechen. Dazu schenkte ich ihr die Ausdrucke meiner Fahrkarten als Zeichen, dass ich bereit gewesen wäre, für sie bis nach Italien zu fahren.
Mittags fuhren wir an einen See. Nicht der Lago Maggiore, aber dennoch wunderschön. Ich spürte, wie wichtig es ihr war, diesen Tag mit mir zu verbringen. Vielleicht war das größte Geschenk, das ich ihr machen konnte, das Signal: Ich bin da, wenn es wirklich darauf ankommt. Kunstprojekt hin oder her – für dich würde ich bis ans Ende der Welt gehen. Und auch mit dir reden.