365 Tage lang zuhören

Bistumszeitung Der Pilger, am 3.8.25. Artikel lesen unter: LINK

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Seit Freitag, 8.8., bin ich wieder unterwegs. Ettlingen habe ich nun endgültig hinter mir gelassen, den Rhein bereits überquert und bin jetzt auf dem Weg zum Herrenhaus Edenkoben, wo ich 2010 ein Residenzstipendium hatte. Dort werde ich am 15.8. allen Interessierten zuhören, bevor es weiter nach Neustadt an der Weinstraße geht, wo ich am 17.8. zu Gast sein werde. Danach führt mich meine Tour weiter nach Speyer.

Was schenkt man seiner Frau zum 50., wenn man gerade ein Kunstprojekt macht, bei dem man ein Jahr lang schweigend durch Deutschland wandert – ein Vorhaben, das für jede Beziehung ein Stresstest ist?
Wir hatten im Vorfeld viel Über dieses Projekt gesprochen, und Flavia wusste, dass ich es so konsequent wie möglich umsetzen würde. Leider fiel ihr runder Geburtstag genau in dieses Jahr. Lange war unklar, ob ich an diesem Tag zu Hause sein könnte, deshalb ließ ich die Frage in der Vorbereitungsphase offen.
Früh stand für Flavia deshalb fest, dass sie sich für diesen besonderen Tag etwas Eigenes einfallen lassen wollte – etwas, das mein mögliches Fernbleiben ausgleicht. Erst dachte sie daran, in der Sommerpause ihres Yogastudios nach Indien zu reisen, um dort Kurse zu besuchen. Doch trotz intensiver Recherche fand sich nichts, was sie wirklich begeisterte. Schließlich kam die Idee, vier Wochen als Volontärin in einem Kloster zu verbringen. Zufällig entdeckte sie ein tibetisches Kloster am Lago Maggiore, das ihr zusagte und wo sie einen Platz als Helferin bekam.
Ich verfolgte ihre Pläne, mischte mich kaum ein – auch weil ich insgeheim beschlossen hatte, mein Schweigen für diesen Tag zu unterbrechen und sie zu überraschen. Als sie ihre Tickets nach Italien buchte, stand für mich fest: Ich würde ebenfalls dorthin reisen, sie im Kloster „entführen“ und mit ihr bei einem guten Italiener am See essen. Die Vorstellung, plötzlich vor ihr zu stehen und mit ihr zu reden, erfüllte mich mit Vorfreude.
Mein Plan: Ende Juli das Tiny House abbauen, ein paar Tage in Stuttgart verbringen, wo sie am 1. August mit engen Freunden vorfeiern wollte, und ihr dann zwei Tage später an den Lago Maggiore folgen. Doch zwei Wochen vor ihrem Geburtstag änderte Flavia ihre Pläne – sie verschob die Reise um zwei Wochen. Meine bereits gebuchten Tickets waren hinfällig, und ich musste meine Überraschung begraben.
Am Ende war ich zu ihrem Geburtstag also noch in Stuttgart. Es war keine große Überraschung mehr, aber ich konnte ihr am Morgen ein besonderes Frühstück zubereiten – und das Schweigen dann doch überraschend zu brechen. Dazu schenkte ich ihr die Ausdrucke meiner Fahrkarten als Zeichen, dass ich bereit gewesen wäre, für sie bis nach Italien zu fahren.
Mittags fuhren wir an einen See. Nicht der Lago Maggiore, aber dennoch wunderschön. Ich spürte, wie wichtig es ihr war, diesen Tag mit mir zu verbringen. Vielleicht war das größte Geschenk, das ich ihr machen konnte, das Signal: Ich bin da, wenn es wirklich darauf ankommt. Kunstprojekt hin oder her – für dich würde ich bis ans Ende der Welt gehen. Und auch mit dir reden.
Nach vier Wochen im Tiny House im Horbachpark ist dieser kleine Traum nun vorbei – alles ist abgebaut und abtransportiert.
Auch wenn es nur ein Tiny-Haus war, war der Aufwand riesig: Monate dauerte das Genehmigungsverfahren, ein Tieflader brachte es von Rastatt nach Ettlingen, Straßen mussten gesperrt werden, ein passendes Zugfahrzeug gefunden werden – klein, wendig und stark genug, um nicht im aufgeweichten Boden stecken zu bleiben.
Bis zuletzt war nicht sicher, ob wirklich alles klappt. Umso mehr bin ich dankbar:
Daniela Maier vom Museum Ettlingen, die unermüdlich alle Hürden aus dem Weg geräumt hat, Kay Stülpnagel für seine großartige Hilfe, Katja Harzheim, die mir ihren Traumwagen anvertraut hat und den Mitarbeiter*innen vom Bauhof und den Bäderbetrieben für ihre tatkräftige Unterstützung.
In den vergangenen Wochen habe ich oft von den Besuchern meines Tiny Houses in Ettlingen den Satz gehört: „Da ist alles drin, was man braucht! So könnte ich mir auch vorstellen zu leben.“ Nach meinen Wochen in diesem kleinen Haus kann ich das nur bestätigen. Wirklich viel mehr Platz und Dinge braucht man nicht, um glücklich zu sein.
Zuhause in Stuttgart habe ich ebenfalls eine wunderschöne Wohnung mit einem riesigen Garten. Aber all das will gepflegt sein, und es steckt wahnsinnig viel Arbeit darin. Jeder, der eine große Wohnung hat und sich keine Reinigungskraft leisten kann, weiß, wie viel Aufwand es ist, sie ordentlich zu halten. Meine Frau Flavia war bei einem Besuch ganz überrascht, wie ordentlich ich sein kann. Aber in einem Tiny House ist das auch nicht wirklich schwer. Man hat ja nicht viel, was es aufzuräumen gäbe. In nur drei Minuten ist das ganze Haus gefegt und auf Vordermann gebracht. Zu Hause verliere ich oft schon die Lust, weil ich weiß, wie lange es dauern wird und ich ja noch so viele andere Dinge zu tun habe.
Die große Frage: Zeit gegen Geld
Doch es geht nicht nur um die Ordnung. Wie viel Zeit unseres Lebens müssen wir arbeiten – oft in Jobs, die uns nicht einmal Freude bereiten oder erfüllen –, nur um Miete oder Kredite für unsere großen Wohnungen oder Häuser zu bezahlen? Und dann verbringen wir auch noch viel Zeit, in der wir nicht schlafen, bei der Arbeit oder unterwegs. Wer so wenig Platz hat, kann sich auch nicht mehr so viel kaufen. Man muss sich bei jedem Gegenstand, selbst bei Kleidungsstücken, zweimal überlegen, ob er wirklich nötig ist. Irgendwo muss das Zeug ja verstaut werden.
Würde man das Geld, das man durch den gewissermaßen erzwungenen Konsumverzicht und die geringeren Investitionskosten für ein Tiny House spart, nicht in überteuerte Autos oder Kreuzfahrten investieren, könnte man meiner Meinung nach gut mit 40 bis 50 Prozent des heutigen Einkommens auskommen. Plötzlich hätten wir wieder Zeit, um uns um das zu kümmern, was uns wirklich wichtig ist!
Eine Utopie, die unser System herausfordert
Aber mal ehrlich: Weder die Politik noch die Wirtschaft können das wirklich wollen, dass wir nur noch 40 bis 50 Prozent arbeiten und weniger konsumieren. Ich habe einmal gedanklich durchgespielt, was passieren würde, wenn die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung Tiny Houses als eine tolle Sache ansehen würde, weil man dann nicht mehr so viel arbeiten muss. Wenn wir mit dem auskämen, was wir wirklich zum Leben brauchen, hätten wir plötzlich unglaublich viel mehr Zeit, zum Beispiel um einander wieder richtig zuzuhören und füreinander da zu sein.
Wer würde dann unsere ganzen Steuern zahlen? Unser Sozialstaat würde in kürzester Zeit daran zerbrechen, die Renten wären nicht mehr finanzierbar, und ich als Künstler würde wahrscheinlich als Erster alle Förderungen gestrichen bekommen, von denen ich zum Teil lebe. Diese Utopie ist mit dem derzeitigen kapitalistischen System überhaupt nicht vereinbar.
Sie würde nur funktionieren, wenn zeitgleich ein wirklicher Bewusstseinswandel stattfinden würde. Wenn wir die frei gewordene Zeit nicht dafür verwenden, noch mehr Zeit in den sozialen Medien zu vergeuden, sondern vieles von dem, was wir an den Staat ausgelagert haben, wieder selbst in die Hand nehmen.
Spielt man dieses Gedankenexperiment weiter, wird klar, welch radikalen Wandel es hervorrufen würde – der aber zuerst einmal in den Köpfen beginnen müsste. Davon sind wir weit entfernt, denn sobald Einschnitte drohen, ist dann doch wieder jeder sich selbst der Nächste. Aber was ist die Alternative? Weitermachen wie bisher? So, dass immer mehr Hitzewellen, Überschwemmungen und Kriege Unsummen verschlucken, die an anderer Stelle fehlen werden? Dass wir immer mehr arbeiten müssen, in Jobs, die uns nicht gefallen, weil das Wachstum erlahmt? Dass immer mehr Menschen ausbrennen, weil sie keinen Sinn mehr in dem sehen, was sie machen und uns der Konsum auf Dauer auch nicht wirklich glücklich macht?
Die Tiny-Haus-Revolution mag klein anfangen, aber die Gedanken, die sie anstößt, sind gewaltig.
Video: Álvaro García


Vom 2. Juli bis 30. Juli durfte ich nun in Ettlingen leben. Dass mir dieses wunderschöne Tiny House kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, erscheint mir noch immer wie ein kleines Wunder.
Ich hatte zuvor intensiv recherchiert, viele Mails geschrieben und telefoniert. Mein Wunsch war es, mitten im Park zu wohnen, an einem Ort, an dem sich Menschen wohlfühlen und ich gut zuhören kann. Doch die meisten Lösungen waren unbezahlbar, unpraktisch oder blieben unbeantwortet. Ohne große Hoffnung rief ich schließlich Kay an, der früher Tiny Houses in der Nähe von Rastatt produziert hatte. Obwohl er seinen Betrieb bereits aufgegeben hatte, besaßen seine Eltern noch ein Tiny House, das sie wegen fehlender Baugenehmigung vor Kurzem abbauen mussten. Es stand ungenutzt auf ihrem Hof – und sie waren sofort bereit, es mir für mein Projekt zu überlassen.
Kay half nicht nur bei der Vermittlung, sondern unterstützte mich mehrere Tage ehrenamtlich beim Aufbau und der Materialbeschaffung und dann auch wieder beim Rückbau. War es Glück, dass der Wagen genau jetzt wegen fehlender Baugenehmigung zur Verfügung stand? Oder Fügung? Vielleicht ist es beides – aber meist ergibt sich so etwas nur, wenn man sich auf den Weg macht, Menschen begeistert und bereit ist zu scheitern. Glück kommt selten von allein, manchmal muss man es herausfordern.
Dass ich dieses Glück – ein Tiny House an einem der schönsten Orte Ettlingens, direkt an einem Bach am Fuße des Schwarzwalds – so intensiv genießen konnte, liegt auch daran, dass ich weiß: Es ist nur für kurze Zeit. Bald werde ich wieder alles auf das Nötigste reduzieren, im Rucksack verstauen und auf diesen Komfort verzichten.
Ich habe zwar viele Übernachtungsangebote erhalten, auch Gutscheine für Hotels oder warme Winterwanderstiefel – dafür bin ich sehr dankbar. Doch reichen mein Budget und die Unterstützung nicht, um mir regelmäßig Unterkünfte zu leisten. Ich versuche, dem mit Gelassenheit zu begegnen. Mal gelingt mir das besser, mal schlechter. Aber ich glaube, dass sich Glück oft dort zeigt, wo man es am wenigsten erwartet – nach einer kalten Nacht, im Regen, nach einer entmutigenden Etappe. Vielleicht ist es nie planbar, nie greifbar. Aber wenn man sich auf den Weg macht, kann es einem manchmal ganz unverhofft begegnen. Ich werde hoffentlich noch ein paar Mal davon berichten.



Dass ich für eine Zeit lang im Tiny House in Ettlingen lebe konnte und mein Projekt Ich höre zu – Ein Jahr im Schweigen realisieren kann, verdanke ich maßgeblich Werner Pokorny. Er war mein Professor an der Kunstakademie Stuttgart – und einer der wichtigsten Wegbereiter meiner künstlerischen Laufbahn.
Als ich im zweiten Semester kurz vor dem Studienabbruch stand, riet er mir, meine Kunst aus dem zu schöpfen, was mich wirklich interessiert – dem Reisen. Das war ein Wendepunkt. Von da an wurde das Unterwegssein zu meinem zentralen künstlerischen Ausdruck. Auch nach dem Studium unterstützte mich Werner weiter: Er vermittelte Kontakte, half finanziell und glaubte früh an meine Projekte.
Auch an meinem aktuellen Vorhaben hat er entscheidend mitgewirkt – obwohl er vor zweieinhalb Jahren viel zu früh verstorben ist. Letztes Jahr fragte mich die Künstlerin Gabriela Oberkofler, ob ich Teil des KUNSTPFADES „WERNER POKORNY IM DIALOG“ in Ettlingen sein möchte. Sie kuratiert dieses Projekt in Gedenken an ihn und lud dafür vier seiner ehemaligen Studierenden ein: Anne Römpp, Kestutis Svirnelis, Stefan Rohrer und mich.
Der Skulpturenpfad war ein Herzensprojekt von Werner, das er über Jahrzehnte verfolgt hat. Nun bin ich selbst Teil davon – und die Gage aus diesem Projekt ermöglicht es mir, während meines Schweigejahrs Fixkosten wie Miete und Sozialversicherung zu decken. Es fühlt sich an, als würde Werner auch heute noch im Hintergrund die Fäden ziehen. Danke, Werner!
Mein großer Dank gilt auch der Stadt Ettlingen, OB Johannes Arnold, dem Kulturamt mit Christoph Bader und vor allem Daniela Maier vom Museum Ettlingen für die engagierte Unterstützung.



Ich bekomme viel zu hören, schwieriges wie wunderschönes. Jeden Abend bin ich hier in Ettlingen in die Horbachquelle gestiegen und habe mir vorgestellt, mich von alledem zu reinigen. Und ich hatte das Gefühl, dass es funktioniert hat. Nach jedem Bad im einschalten Wasser habe ich mich wie ein neugeborener Mensch gefühlt. Alles was schwer auf mir lasten könnte war weg.
Zugleich ist es auch eine Abhärtung für den Winter. Wenn ich dann irgendwann mal mehrere Tage ohne Zwischenstation unterwegs sein werde, habe ich mir vorgenommen, trotzdem hin und wieder zu baden. Und je früher man anfängt ich an kalte Wassertemperaturen zu gewöhnen, um so einfacher wird das dann auch mit dem Eisbaden im Winter.
Auch der Sonstige Horbachpark hat dazu beigetragen, dass es mir hier richtig gut geht. Direkt an einer Quelle am Fuße des Schwarzwaldes in einem Wunderschönen Park zu leben war ein Privileg, um das mich so mancher Spaziergänger beneidet hat!
In der Stadtverwaltung wird es wohl in nächster Zeit noch die ein oder andere Anfrage geben, ob man den hier mal eine Zeitlang sein Tiny Haus aufstellen kann.

